Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Die Rezeption

Arbeitsanweisungen

Materialien

I. Arbeitsanweisungen:

1. Erarbeitet die positiven und die negativen Rezensionen der Erzählung jeweils unter folgenden Gesichtspunkten:

  • Welche Aspekte der Erzählung greift der Verfasser für seine Beurteilung heraus?

  • Welche Elemente (Thematik, Figuren, Handlung, Erzähler, Sprache etc.) beurteilt der Verfasser auf welche Weise?

  • Welche Maßstäbe legt der Verfasser für seine jeweiligen Urteile an?

  • Wie belegt der Verfasser seine Wertungen?

  • Ist die Bewertung einseitig oder werden sowohl positive wie auch negative Urteile deutlich? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander?

  • Worin sieht der Verfasser die literarische Bedeutung Bölls und seiner Erzählung?

  • Wie strukturiert der Verfasser seine Rezension?

  • Wie stellt der Verfasser seine Urteile sprachlich dar?

2. Informiert Euch - soweit möglich - über die Zeitungen, in denen die Rezensionen erschienen sind. Gibt es eine Übereinstimmung zwischen der Grundeinstellung der Zeitung und dem Tenor der Rezensionen?

3. Erarbeitet eine Präsentation (in der Form Eurer Wahl), die Eure Ergebnisse zusammenfassend darstellt. Achtet darauf, dass Ihr Eure Aussagen mit genauen Textnachweisen belegt.

II. Materialien:
Rezension. Auf dem Buchmarkt wird es zweimal im Jahr besonders lebendig, einmal, wenn der Handel seine Regale frei macht für die Frühjahrsproduktion der Verlage, und vor allem im Herbst, wenn die Internationale Buchmesse in Frankfurt a. M. ihre Tore öffnet. Ratlos stehen die Besucher vor dem verwirrenden Angebot der Neuerscheinungen. Ähnlich ergeht es ihnen in den Buchhandlungen daheim, denn selbst Fachleute sind ob dieser Bücherflut oft überfordert, einen gezielten Rat zu geben. Hilfe bieten da die ausführlichen Rezensionen - kritische Besprechungen neuer Bücher in den Literaturbeilagen der großen Tages- und Wochenzeitungen und in den Fachzeitschriften. Ein stattliches Aufgebot von „Rezensenten" kommt hier zu Wort, um die neuen Werke bekannter Autoren und die „Erstlinge" der „Anfänger" vorzustellen. Knappe Rezensionen als Kurzinformation bieten „Literatur-Reports". In jedem Fall dienen die Rezensionen als Brücke vom Autor zum Leser und versuchen mit ihren Angaben, die schwierige Auswahl zu erleichtern. Sie machen mit dem Inhalt bekannt, erläutern, um welche Fragen es geht, welche Einstellung der Verfasser hat, wie er schreibt, wie er die Aufgabe, die er sich gestellt hat, löst und manches mehr. Eine gute Rezension beschränkt sich immer nur darauf, die Eigenart des Buches zu beleuchten: Eine ausführliche Inhaltsangabe gehört nicht zu ihren Aufgaben. Sie soll nichts vorwegnehmen, sondern nur raten oder warnen. Immer aber erwartet der Leser einen klaren Standpunkt des Rezensenten. Rezension ist keine Zensur, sie ist eine Form der Meinungsbildung; das gleiche Buch kann von mehreren Rezensenten unterschiedlicher parteipolitischer und weltanschaulicher Auffassung verschieden besprochen werden. Doch auch ein völliger „Verriss", eine ganz und gar negative Rezension, bedeutet für einen Schriftsteller nicht das Ende seiner Laufbahn. Unangenehm, da öffentlich, ist sie allemal. Letztendlich muss sich der Leser, durch eine Rezension zum eigenen Lesen angeregt, selbst seine Meinung bilden. Diese kritische Meinungsbildung ist zumeist nur in demokratischen Staaten möglich. In autoritären oder totalitären Herrschaftssystemen geben die Rezensionen häufig nur die staatlichen Vorgaben wieder.
nach: dtv junior Literatur-Lexikon, hsrg. von Heinrich Pleticha, 9. überarb. Aufl. München 1986

Kurt Lothar Tank, Bölls Notschrei.- In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 11.8.1974

Heinrich Böll ist, nicht erst, seit er den Nobelpreis empfangen hat, eine moralische Instanz von Weltgeltung geworden. Wenn man sehr hoch greifen will: so etwas wie ein Tolstoi von gestern, ein Solschenizyn von heute. Wie diese Autoren nimmt er sich der Unterdrückten und Verfolgten an, derer, die ihre Not nicht aussprechen können. Böll wuchs in einer Zeit auf, als Inhumanität Staatsgesetz war. Er ist bis heute empfindlich, überempfindlich geblieben für alles, was die Selbstachtung des Menschen antastet, verletzt oder zerstört. Für ihn gibt es eine Schutzzone der Scham, die auch von Vollzugsorganen eines demokratischen Staates, der Polizei, respektiert werden sollte. Ebenso wie der Polizei sind auch der Presse in diesem Bereich Grenzen gesetzt.

Heinrich Bölls neue Erzählung ist ein Notschrei. Ähnlich wie seine „Titelheldin", die tüchtige, junge, gutaussehende und gutverdienende Hauswirtschaftlerin Katharina Blum aus Köln hat Böll selbst erfahren, wie eine in seine Privatsphäre eindringende Polizei und wie Hetzkampagnen der Presse seine Existenz verfinstern und, zumindest psychisch, an den Rand des Ruins gebracht hat.

Bölls Titelheldin erschießt den schmierigen Journalisten Werner Tötges. Sie weiß sich nicht anders zu helfen in ihrer Not. Böll schreibt eine Erzählung. Diese Erzählung ist sein Schuß gegen die ZEITUNG. Aus der Vorbemerkung zu der ebenso zügig geschriebenen wie kunstvoll aufgebauten Erzählung wird deutlich, welche Zeitung Heinrich Böll meint. Er erklärt: Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der "Bild"-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

Bölls Erzählung stellt eine sehr merkwürdige Mischung dar. Eine im Grunde fast peinlich simple Liebesgeschichte verbindet, verquickt sich geradezu mit einer Kriminalstory, beide Erzählstränge aber sind nur Vorwand für ein Gesellschaftsbild, eine Satire von ebenso sanfter wie erschreckender Eindringlichkeit.

Die Realität war vorgezeichnet. Es sind Anklänge, sehr deutliche, erkennbar an Geschehnissen, die sich im Dezember 1971 bei der Suche nach Angehörigen der Baader-Meinhof-Gruppe abgespielt haben. Böll verlegt die von ihm "erfundenen" Vorgänge in den Beginn des Jahres 1974. Die Handlung spielt, und das bringt Kontraste, in der Karnevalszeit. Es gelingt Böll, von der Sprache her, durch Aufdeckung von Definitionskontroversen bei Verhören, durch Aufdeckung des Verfahrens bei der Fabrikation von Rufmordklischees, durch genaue, sehr sensible Recherchen in Grenzbereichen den gleichsam kriminellen Untergrund der Epoche freizulegen.

Indem er die Sensation, "das Blut", die "Spannung" beiseite räumt oder doch vorgibt, sie beiseite zu räumen, läßt er durch die Summierung "kleiner", in Wahrheit jedoch ungeheuerlicher Übergriffe eine Eskalation von Gewalt sich vollziehen, die eine Befreiung von dieser mörderischen Gewalttätigkeit einzig durch eine kriminelle Tat möglich erscheinen läßt.

Bölls Erzählung müßte, um beim Leser in dem vom Autor beabsichtigten Sinne zu wirken, eine entgegengesetzte Reaktion hervorrufen. Von Seite zu Seite müßte ihm klarwerden, wie er als Leser, auch als Leser der ZEITUNG, Kritik zu üben und einen Abbau der Gewalt anzustreben hätte. Am Ende müßte die ZEITUNG sich völlig ändern oder eingehen. Kann oder wird das jemals geschehen? Hat Böll wirklich eine Satire oder hat er eine Utopie geschrieben?

Hans Fröhlich: Was man mit Journalismus anrichten kann. In: Stuttgarter Nachrichten, 14. 9.1974

Böll hat eine bundesdeutsche Wirklichkeit aufgegriffen, den Journalismus, der durch Verstellungen, Unterstellungen, Verdrehungen und Diffamierungen Menschen zerstört und kaputtmacht. Böll klagt an die journalistische Verketzung, die journalistisch verbreitete Pogromstimmung, die mit publizistischen Mitteln hergestellte Hysterisierung der Öffentlichkeit, und er kritisiert einen Staat, eine Gesellschaft, die journalistische Lynchjustiz zuläßt ("Katharina fragt, ob der Staat - so drückte sie es aus - nichts tun könne, um sie gegen diesen Schmutz zu schützen".)

Böll kann aus eigener Erfahrung sprechen. Der Vorspruch des Buches heißt: "Personen und Handlung dieser Erz„hlung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der "Bild"-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich." Erinnern wir uns: Kurz vor Weihnachten 1971 wird bei einem Überfall auf eine Bank in Kaiserslautern ein Polizist erschossen. Obwohl die Polizei noch im dunkeln tappte, brachte "Bild" am nächsten Tag die Schlagzeile "Baader-Meinhof-Bande mordet weiter". Heinrich Böll rechnete am 10. Januar im "Spiegel" wütend-polemisch mit "Bild" ab: Das ist nackter Faschismus, Verketzerung, Lüge, Dreck. Bölls Fazit: Neben Ulrike Meinhof sollte man "auch Herrn Springer öffentlich den Prozeß machen, wegen Volksverhetzung". Auf Böll, der gegen Fahndungshysterie und Jagdfieber losgezogen war, wurde zurückgeschlagen. "Bild": "Dieser christliche Dichter habe zu einer Sprache gefunden, die ein Gemeinschaftswerk Karl-Eduard von Schnitzlers und Joseph Goebbels sein könnte." Böll wurde zum Salonanarchisten, zum ideologischen und intellektuellen Helfershelfer des Terrors gestempelt. Beide Seiten hackten aufeinander ein, ein Wort gab das andere. Die Emotion triumphierte. Böll, bisher die Inkarnation des Kritisch-Redlichen, kultureller Exportartikel, wurde sogar von Liberalen und Konservativen im Stich gelassen. Böll, Wochen später, sagte in einem Interview mit der "Weltwoche": "Das ist die betrübliche Erfahrung der vergangenen Wochen, daß man kaum die Hand über die Grenze halten kann, und man hat schon einen Schuß drin." Soweit der "unvermeidliche" Hintergrund.

Böll, "der Experte des Mitleids", hat diesmal nicht, wie schon so oft, seinen Gegnern die gütige Hand hingestreckt. Das erfährt man gleich am Anfang. Am 20. Februar 1974 nimmt Katharina Blum an einer privaten Tanzparty teil. Vier Tage später meldet sie der Polizei, sie habe den Journalisten Werner Tötges erschossen. Was dazwischen passiert ist, wird auf etwa 180 Seiten berichtet.

Auf jener Party lernt Katharina einen jungen Mann kennen, einen von der Polizei gesuchten Bundeswehrdeserteur, der politisch-krimineller Delikte wegen verdächtigt und verfolgt wird. Katharina verliebt sich spontan in ihn, nimmt ihn mit nach Hause und eröffnet ihm einen Fluchtweg aus dem von Polizei umzingelten Haus.

Katharina Blum wird verhört. Der Kriminalkommissar baut hintersinnig und listig eine Indizienkette gegen sie auf und verkennt Katharinas tief verstecktes, lang geschlummertes Potential, ihre Zuneigungsenergie. Die plötzlich ausbrechende Liebe, die ihr wohl zum erstenmal eine glückliche Nacht beschert hat, ist mit ein Schlüssel zum Verständnis ihrer Tat. Eine kaputte Ehe hinter sich, umgeben von zudringlichen Männern, hat sie plötzlich Zärtlichkeit erfahren. Und dieses einzigartige Gefühl wird ihr genommen und zerstört durch plump-raffinierte Verhöre und vor allem durch eine extrem brutal einsetzende Pressekampagne gegen sie. Die "Zeitung", ein Sensationsblatt, macht aus ihr ein „Räuberliebchen", eine "Mörderbraut". Sie wird verleumdet, mit verdrehten Aussagen befeuert. Sie wird von der Aufputschpresse durch die Mangel gedreht und in eine Wehrlosigkeit und Ohnmacht hineinmanövriert, aus der heraus sie sich entschließt, den Journalisten Werner Tötges zu erschießen.

Katharina Blum, ein sogenannter Alltagsmensch, ohne besondere Kennzeichen, tüchtig und fleißig, weder elitär noch systemkritisch, weder intellektuell noch revolutionär, gerät zufällig in die Schußlinie eines von Sensationsmache und Polithetze lebenden Boulevardblattes. Sie wird degradiert und dem lüstern-destruktiven Gespött der Öffentlichkeit hingeworfen. Wem kann das nicht passieren? Und wie vielen ist das schon passiert.

Bölls Bericht ist kein Plädoyer für die Radikalenformel Gewalt gegen Gewalt. Er zeigt lediglich, und das ist sehr viel, in welchen Aktionszwang jemand durch gezielte Demoralisierung geraten kann. Und somit ist Böll seiner bisherigen Funktion als Kritiker sozialer, politischer und institutioneller Repression treu geblieben.

Bölls Erzählweise verrät angesichts seines Engagements eine erstaunliche Disziplin. Sie ist überhaupt nicht rabiat oder stakkatohaft prasselnd. Sein Stil schäumt nicht und ist ganz und gar unbrillant, eher cool-melancholisch, manchmal von einer geradezu kauzigen Witzelei (was ihm von der sich klassisch kreierenden literaturkritischen Intelligenz schwer angekreidet wird), von einer sich aufbäumenden schizophrenen Heiterkeit.

Böll skizziert seine Figuren nur, er gibt relativ wenig handfeste Informationen über sie, er walzt nicht breit und knetet nicht, er streut gezielte Hinweise aus, gibt lediglich Anhaltspunkte, über den Journalisten erfährt man kaum Konkretes, er tritt nicht als "Fleisch-und Blut"-Figur auf, und Böll enthält sich auch einer Analyse der Problematik Boulevard-Journalismus und Pressefreiheit, der Problematik Individuum und Medienterror, er tippt das alles nur indirekt an und schafft damit einen ungeheuerlichen Freiraum für die Überlegungen und die kritische Phantasie des Lesers.

Ein Buch, das nicht durch die selbstbewußte Ausstellung der literarischen Mittel glänzt, sondern durch verstehbares Offenlegen einer potentiell gefährlichen Wirklichkeit.

Wolfram Schütte, Notwehr, Widerstand und Selbstrettung.- In: Frankfurter Rundschau, 10.8.1974

Die drei Jahre, die zwischen Bölls letztem Roman "Gruppenbild mit Dame" und der jetzt erschienenen Erzählung liegen, waren gewiß die Zeit, in der er am meisten im Licht der Öffentlichkeit stand. Ich meine nicht so sehr jene offiziellen Ehrungen und Verpflichtungen - er wurde Präsident des Internationalen PEN und erhielt den Literaturnobelpreis -, die ihm halbdiplomatische Aktivitäten auferlegten, welche besonders im Falle Solschenizyns, wo sie ganz deutlich wurden, viel Zeit und Arbeit kosteten. Mehr aber als durch solche Tätigkeiten, die mit Reisen und Konferenzen verbunden waren, von denen er sich jetzt fast ganz zurückgezogen hat, war Bölls Leben in den letzten drei Jahren jedoch von seinem im Januar 1972 erschienenen Spiegel-Artikel mit dem Titel: "Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?" bestimmt, in manchem wohl auch nachhaltig verstört worden.

Bölls mit kalter Wut geschriebenes Pamphlet richtete sich gegen die Baader-Meinhof--Hysterie, für deren Verbreitung als Klimazone der Hetze und Verdächtigungen er zu Recht vor allem die BILD-Zeitung namhaft machte. Daß er Begriffe wie "Gnade" und "Freies Geleit" in die Diskussion einführen wollte, wurde ihm als Sympathisantendienst ausgelegt. "Die Bölls", schrieb damals die Quick, "sind schlimmer als Baader-Meinhof." Böll, der sich, ungeschützt und von seinen Kollegen wenig unterstützt, mit einem öffentlichen Machtfaktor beschäftigt hatte, von dem der derzeitige Bundeskanzler gesagt haben soll: "Wer sich mit Springer anlegt, ist ein toter Mann", sah sich nun seinerseits einer gnadenlosen Kampagne ausgesetzt, in deren Verlauf der Schriftsteller verhöhnt, beleidigt und denunziert wurde. Das zog sich längere Zeit so hin und reichte bis zu einer von bewaffneten Polizisten vorgenommenen Durchsuchung seines Eifelhauses.

Die wahren Motive, welche Böll damals zu seiner publizistischen Intervention gedrängt hatten, waren von ihm schon Mitte 1971 in einem Gespräch anläßlich des Erscheinens von "Gruppenbild mit Dame" genannt wurden. Ohne ahnen zu können, was ihm noch an persönlichem Anschauungsunterricht 1972 bevorstand, hatte er damals erklärt: "Ich glaube, daß die Verletzlichkeit des Autors - nicht nur meine, sondern aller anderen auch - größer geworden ist. Verletzlich auch dem dargestellten Stoff oder der dargestellten Story gegenüber und auch verletzlich im soziologischen Sinne. Es ist nicht mehr der abgeschlossene Herr oder die Dame, die da sitzen und irgend etwas schreiben und völlig unberührt bleiben; die Multiplizität der Publikationsmittel schließt das schon aus [...] Ich glaube, die Leute wissen nicht, daß die Quantität des Ausgesetztseins größere Verletzlichkeit schafft für den, der irgend was macht, ob es nun für den einen gut und für den anderen schlecht ist und umgekehrt. Ich glaube, daß die Politiker, die Kirchenleute und alle Leute, die sich dieser sogenannten Massenmedien bedienen, noch nicht kapiert haben, was das bedeutet."

Was das bedeutet für einen einfachen und unbescholtenen Menschen, plötzlich der "Multiplizität der Publikationsmittel" ausgeliefert zu sein, das ist ganz offensichtlich das thematische Zentrum der "Verlorenen Ehre der Katharina Blum". Böll führt durch diese Erzählung seine Auseinandersetzung mit der verheerenden Macht der gewiß einflußreichsten Sorte von Presse bei uns fort, die schon Ziel seines Angriffs in seinem Spiegel-Artikel von 1972 war. In der Vorbemerkung zur Erzählung heißt es: "Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der BILD-Zeitung ergeben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich."

Personen und Handlung der Erzählung sind allerdings auch nicht so "frei" erfunden, wie es scheinen möchte. Sicher: diese Geschichte der Katharina Blum ist Phantasie; aber daß sie eine mögliche, wahrscheinliche Wirklichkeit vorstellt, ergibt sich "unvermeidlich" daraus, daß Böll das Material für seine Phantasiearbeit zahlreichen Details der Wirklichkeit unserer Tage entnommen hat. Die Betroffenheit persönlichen Erlebens hat den erzählten Stoff mit Realität getränkt. Das erfundene Faktum, von dem die Erzählung ausgeht, könnte auch ein gefundenes sein: "Am Mittwoch, dem 20. 2. 1974, am Vorabend von Weiberfastnacht, verläßt eine junge Frau von siebenundzwanzig Jahren abends gegen 18.45 Uhr ihre Wohnung, um an einem privaten Tanzvergnügen teilzunehmen. Vier Tage später, nach einer [...] dramatischen Entwicklung, am Sonntagabend um fast die gleiche Zeit - genauer gesagt gegen 19.04 - klingelt sie an der Wohnungstür des Kriminaloberkommissars Walter Moeding [...] und gibt zu Protokoll, sie habe mittags gegen 12.15 Uhr in ihrer Wohnung den Journalisten Werner Tötges erschossen.[...]

Erst im Verlauf des Berichts, der die Erzählung im wesentlichen ausmacht, wird der Hintergrund plastisch, aus dem sich die Geschichte dieser vier Tage und des sie abschließenden Mordes erklären läßt. Denn diese Katharina Blum - eine jüngere Lebensgenossin der Leni Pfeiffer aus dem "Gruppenbild" -, ist ein Mädchen aus dem Proletariat, das in der Stadt als Hausgehilfin des Industrieanwalts Blorna arbeitet. Sie hatte bei ihrer Tante zufällig einen jungen Mann kennengelernt: Ludwig Götten, einen Bundeswehrdeserteur, der von der Polizei gesucht und überwacht wird. Katharina, die sich in ihn verliebt und ihn mit in ihre Wohnung genommen hatte, verhalf ihm am nächsten Morgen zur Flucht in ein abgelegenes Haus. Die Polizei, deren Spitzel Göttens Aufenthalt geortet hatte, vermutet in ihm einen Anarchisten und in der unwissenden Katharina eine Helfershelferin. Katharina wird verhört, und die "Zeitung" beginnt nun eine umfassende Kampagne gegen sie; ihre Vergangenheit, ihre Mutter und ihr ehemaliger Mann, aber auch ihr Arbeitgeber werden durch eine sensationalistische, verfälschende Hetze mit lüsternen Vokabeln an die Öffentlichkeit gezogen. Fremde und Nachbarn, durch die "Zeitungs"-berichte hochgekitzelt, bestürmen, selbstverständlich anonym, das angebliche Flittchen, "die Mörderbraut" mit sexuellen Angeboten und Schmähbriefen, in denen sie als "Kommunistensau" und "Kremltante" beschimpft wird: Schaumkronen des gewöhnlichen Faschismus im bundesdeutschen Alltag.

Polizei und Justiz, muß Katharina bemerken, stecken mit der "Zeitung" unter einer Decke; ebenso Politiker und Kreise der Hochfinanz, die über den Verleger eingreifen; als ein einflußreicher biederköpfiger Möchtegernliebhaber Katharinas, der ihr vergebens nachstellte, in den Bereich der Ermittlungen gerät, schweigt sich die "Zeitung" über sein Doppelleben diskret aus. Kurzum: Verfilzung überall, Hilfe nirgendwo als bei sich selbst.

Auf dem Höhepunkt der Verleumdungskampagne erklärt sich Katharina zu einem Interview mit dem "Zeitungs"-Reporter Tötges bereit. Als dieser sie jedoch statt dessen zum "Bumsen" auffordert, beantwortet sie den sexuellen Wunsch mit dem Bumsen aus einer Pistole.

Nun hat sie ihre verletzte Ehre wiederhergestellt. Sie empfindet keine Reue über ihre Tat. Zusammen mit ihrem "geliebten Ludwig", der mittlerweile festgenommen wurde, sieht sie einer längeren Gefängnisstrafe entgegen. Blorna, der sich mit ihr identifizierte und sogar ihre und Ludwigs Verteidigung übernommen hat, wird deswegen von seinen früheren Geschäftspartnern und Auftraggebern geschnitten. Als er einen ehemaligen Industriellen-Freund, der Mitleid heuchelt, in aller Öffentlichkeit schlägt, hat er endgültig mit seiner Vergangenheit gebrochen. Gesellschaftlich heruntergekommen, gilt seine Solidarität den Opfern.

Wie in vielen seiner Erzählungen und Romane - zuletzt im "Gruppenbild mit Dame" und dessen utopisierendem Schlußtableaux - verschmäht der Erzähler Böll auch hier nicht melodramatische und triviale Momente, die in unserer bürgerlichen Hochliteratur streng verpönt sind. Aber durch solche ästhetischen Unreinheiten, die als "künstlerische Schwäche" auslegen mag wer will, verdichtet Bölls Poesie gerade ihre moralische Verbundenheit mit den alltäglichen Erfahrungen in der wirklichen Gesellschaft, deren Bild er nie ganz, nie rest- oder schlackenlos in "Kunst" überführt.

Diese "Schwäche" ist auch wieder seine Stärke in der "Verlorenen Ehre der Katharina Blum". Wie schon im "Gruppenbild", wo der Verfasser, abgekürzt Verf., sich immer wieder zu Wort meldet und, selbst in Lenis Lebensgeschichte verwickelt, sie aus vielen Zeugnissen, Dokumenten, Interviews zusammensetzt, ist auch die "Katharina Blum" als Bericht eines ungenannten, allerdings nicht ins Geschehen eingreifenden, es aus verschiedenen "Quellen" rekonstruierenden Erzählers verfaßt. Er läßt jedoch den Leser immer wieder an seinen Gestaltungsproblemen teilnehmen, arbeitet mit wörtlichen Zitaten aus Protokollen und Berichten. Gleich zu Anfang schreibt er: "Wenn der Bericht - da hier soviel von Quellen geredet wird - hin und wieder als ,fließend` empfunden wird, so wird dafür um Verzeihung gebeten. Angesichts von ,Quellen` und ,Fließen` kann man nicht von Komposition sprechen, so sollte man vielleicht statt dessen den Begriff der Zusammenführung (als Fremdwort dafür wird Konduktion vorgeschlagen) einführen, und dieser Begriff sollte jedem einleuchten, der je als Kind (oder gar Erwachsener) in, an und mit Pfützen gespielt hat, die er anzapfte, durch Kan„le miteinander verband, leerte, ablenkte, umlenkte, bis er schließlich das gesamte, ihm zur Verfügung stehende Pfützenwasserpotential in einen Sammelkanal zusammenführte, um es auf ein niedrigeres Niveau ab-, möglicherweise gar ordnungsgemäß oder ordentlich, regelrecht in eine behördlicherseits erstellte Abflußrinne oder in einen Kanal zu lenken. Es wird also nichts weiter vorgenommen als eine Art Dränage oder Trockenlegung. Ein ausgesprochener Ordnungsvorgang!"

Ich habe diese Passage so ausführlich zitiert, weil sie mehrerlei zeigt: die Reflexion des Berichterstatters über seine Darstellungsprobleme und deren spielerisch-ironische Veräppelung; weiterhin: wie Böll hier die schon trivial gewordene poetische Metaphorik von "Quellen", die "fließen", beim Wort nimmt und seinerseits sie bewußt trivialisiert, indem er sie auf das "unpoetische", "schmutzige", "triviale" Bild von den "Pfützen" schief abrutschen läßt; und wie er dann diesen semantisch-metaphorisch-poetologischen Exkurs dazu verwendet, um sich über Ordnungsvorgänge, ordnungsgemäßes oder ordentliches Verhalten lustig zu machen.

Die anarchistische Karnevalistik dieser Erzählweise bildet ihren spezifischen Charakter aber nicht nur aus solchen Plebejisierungen hoher Metaphorik; öfter noch ergibt sich Komik, Sprachkomik aus den eingesprengelten Begriffen und Stilfiguren der Amts- und Juristensprache, aus Zitaten, mit denen alltägliche Redewendungen in den Berichtstil Eingang finden.

Die Wahl einer sprachhumoristischen Darstellung, die noch durch den umständlichen, mit Rück- und Vorverweisen und Anspielungen arbeitenden Erzähler verstärkt wird, war um so notwendiger, als es Böll durchaus Ernst mit seiner Geschichte von der "verlorenen Ehre der Katharina Blum" ist. Das signalisiert allein schon der Untertitel der Erzählung: "Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann."

Das klingt nach Chronik, nach dem didaktischen Tendenzgehalt einer fabula-docet-Geschichte. Und das ist hier auch gemeint und gewollt. Die Gewalt, von der die Rede ist, geht von der Presse aus und führt Katharina Blum zum Mord. Er ist ein Akt der Notwehr: gegen die unmittelbare Drohung des Mannes und gegen die zerstörerische, ehrverletzende Macht der Presse. Katharina, von der Justiz und der Polizei verlassen, die ihr den Schutz verweigern, der ihr zustände, ja die sich sogar an der Hetze gegen sie beteiligen, weiß sich nicht anders zu helfen, als derart. Welche Folgen der Mord ohnehin als seine Vorgeschichte auch auf andere Beteiligte hat, zeigt sich am Niedergang Blornas, an Katharinas Mutter, die stirbt. Ein Stein, in Wasser geworfen, zieht Kreise.

Aber eine mögliche rationalistische Trockenheit der Beweisführung, auch ein vielleicht allzu direkt prononciertes Pathos nämlich: das der verfolgten Unschuld, wird durch Bölls humoristisch verwilderte Chronik erzählerisch aufgelockert, keineswegs allerdings in seiner zeit- und pressekritischen Tendenz verwässert. Bölls oder seines Erzählers Sprachhumoristik, die immer auch Sprachkritik auf verschiedenen Ebenen ist, stellt sich aber nicht als bloßer formalistischer Paravant vor die Geschichte, die hier erzählt wird. Sie steht in notwendigem Zusammenhang mit ihr.

Denn nicht nur ist die Presse Gegenstand der Kritik - und damit deren hauptsächliches Mittel, die Sprache, die sie als Waffe, als Totschläger und Aufputschmittel benutzt: Böll in der Nachfolge von Karl Kraus -, sondern auch Katharina Blum hat eine sehr bestimmte, sehr genaue Sensibilität für die Wahrheit und Lüge der Sprache. Schon während der Vernehmung besteht sie, zum Ärger der Beamten, immer wieder darauf, daß ihre menschlichen Beziehungen zu ihrem ersten Mann und zu den Blornas durch das adäquate Wort wiedergegeben werden. So unterscheidet sie genau zwischen "Zudringlichkeiten" und "Zärtlichkeiten", zwischen "nett" und "gütig". Vom Erzähler wird an einer Stelle berichtet: Der Kommissar soll die aufreizend gelassen an ihrer Anrichte lehnende Katharina gefragt haben: "Hat (Ludwig) dich denn gefickt", worauf Katharina sowohl rot geworden sein wie in stolzem Triumph gesagt haben soll: "Nein, ich würde es nicht so nennen." Rechtsanwalt Blorna hält diese Frage für wichtig, weil er glaubt, daß, wenn sie wirklich gestellt worden ist, hier und nirgendwo anders der Beginn von Katharinas Verbitterung, Beschämung und Wut gelegen haben könnte.

Im Gegensatz zu den landläufigen Ideologen der neuen Sensibilität, die sie vornehmlich den Intellektuellen zusprechen, beharrt Böll darauf, diese emotionale, mit Erkenntnis verbundene Verletzlichkeit auch und gerade unter "einfachen Leuten" finden zu können. Er spricht einmal an anderer Stelle von deren "plebejischer Sensibilität". Der Terror, der mit einer brutalisierten Sprache vor allem im erotischen Lebenszusammenhang der Menschen erzeugt wird durch den Revolverjournalismus -, das ist die Gefahr, welche die Würde des Menschen zerstören kann. Aufgrund einer gewissen immanenten Sprachlogik - fast könnte man von einem automatischen Analogieschluß sprechen - reagiert denn auch Katharina auf Tötges sexuelle Aufforderung zum "Bumsen" mit deren übersetzter Ersatzhandlung, dem Bumsen, dem Schuß aus der Pistole.

Es wäre oberflächlich, darin nur eine lässige, feuilletonistische Pointe zu sehen: denn die ganze pressekritische, humoristische und auch satirische Argumentation des Buches bewegt sich konsequent auf diesen Augenblick zu. In ihm bringt Katharina Blum den aggressiven Charakter des Sexualjargons auf seinen hintergründigen Begriff; und die totschlägerische Mischung des BILD-Zeitungsunstils - Aggression und spießerhafte Geilheit - kehrt sich gegen einen seiner Erzeuger. Katharina ist Opfer, aber auch Selbstretterin. Böll gibt diesem Akt des moralischen Widerstands, der tätlich wird, weder die Gloriole des Märtyrertums, noch hebt er den Zeigefinger, nicht den liberalen ("Das geht denn doch zu weit"), nicht den linken ("Falsche individualistische Aktion."). Erstaunlich genug, daß man sich Katharina Blum glücklich vorstellen muß: ohne Reue.

Dorothee Sölle: Heinrich Böll und die Eskalation der Gewalt. In: Merkur, 29. Jg. Heft 9 (1974), S. 885-887

Friedrich Schiller schrieb 1786 eine Erzählung über die Entstehung von Kriminalität in der feudalistischen Gesellschaft. Der Held, ein verarmter Gastwirtssohn, findet keinen sinnvollen Platz in der dörflichen Gesellschaft, er gerät wegen wiederholten Wilderns ins Gefängnis, und diese Institution macht ihn zum Mörder und späteren Häuptling einer Räuberbande, zum "Verbrecher aus verlorener Ehre". 1974 hat Heinrich Böll eine Erzählung über die Entstehung von Gewalt in der untergehenden bürgerlichen Gesellschaft geschrieben. Seine Heldin, eine freiberuflich tätige Hausangestellte proletarischer Herkunft, verliebt sich in einen von der Polizei gesuchten, kriminell und politisch Verdächtigen und verhilft ihm zur Flucht. Die öffentliche Berichterstattung über die Vorfälle in der ZEITUNG bringt sie dazu, einen Reporter des Blattes um der "verlorenen Ehre" willen zu erschießen.

Kriminalität als übermäßige Reaktion auf bestimmte gesellschaftliche Zwänge ist ein klassisches literarisches Thema. Der Rang einer solchen Geschichte bemißt sich an einem traditionellen, gleichwohl für das Erzählen unentbehrlichen Maßstab: dem Verhältnis, in das das Besondere, Individuelle, Zufällige zum Allgemeinen, gesellschaftlich Relevanten, jeden Betreffenden tritt. Dieses Allgemeine ist nun nicht ein sich Gleichbleibendes, Ewig-menschliches, sondern eine geschichtlich konkrete Situation, und die Schärfe, in der ihre Widersprüche erfaßt werden, entscheidet mit über den Rang solcher realistischen Literatur. Man verzeihe den ästhetischen Umweg, den ich brauche, um zu sagen, daß Heinrich Böll die kleine Anzahl klassischer (nämlich das Allgemeine in der unerhörten einzelnen Begebenheit artikulierender) Geschichten in deutscher Sprache um eine vermehrt hat. Er hat eine wahre, bittere und heitere, zusammengenommen "schöne" Geschichte geschrieben.

Die Beziehung dieser Erzählung zur Tradition ist keineswegs zufällig, sondern poetisch sehr bewußt. Das zeigt sich vor allem an der Sprache, die in zwei Richtungen hin Erweiterungen vornimmt. Die eine Tendenz zielt auf vulgäre, lange Zeit nicht-literaturfähige Sprache, mit Wörtern wie "ficken, bumsen, Sexklemmer" usw. ; die andere auf vergessene traditionelle Sprache, die Wörter wie "Ehre, gütig, Zärtlichkeit, innig" kannte. Beide Formen der Einbeziehung geschehen bewußt und reflektiert. „Beizmenne soll die aufreizend gelassen an ihrer Anrichte lehnende Katharina nämlich gefragt haben: ,Hat er dich denn gefickt?`, woraufhin Katharina sowohl rot geworden wie in stolzem Triumph gesagt haben soll: ,Nein, ich würde es nicht so nennen."`

Der Widerstand der Katharina Blum gegen ihre Umgebung ist immer auch ein sprachlicher Widerstand; die verlorene Ehre ist zugleich auch die verlorene Sprache, in der man es nur ficken nennen kann, in der ein Wort wie "gütig" nicht vorkommen darf, sondern behördlicherseits durch "sehr nett" oder "gutmütig" ersetzt werden soll. Dem Verlust an Ehre für das Individuum entspricht der Verlust an Sprache für die Gesellschaft. So besteht Katharina darauf, daß im Polizeibericht zwischen "Zudringlichkeiten" und "Zärtlichkeiten" unterschieden wird. Der transitive Gebrauch von "Ficken" auf der einen Seite, auf der anderen Aussagen wie die, daß Katharina "ausschließlich und innig" mit "ihrem lieben Ludwig" getanzt habe, bezeichnen den erweiterten sprachlichen Spielraum. Die Anknüpfung an bestimmte, traditionelle Formulierungen der Humanität ist hier nicht eine literarische Sache (wie bei Ulrich Plenzdorfs "Neuen Leiden des jungen Werther", die im Medium Buch- und Tonband passiert), sondern sie geschieht durch die Figur der Katharina, die "es nicht so nennen" würde, die es wagt, von "diesem Schmutz" und von ihrer "verlorenen Ehre" zu sprechen.

Böll ist ein realistischer Schriftsteller, der bestimmte Formen der Problematisierung des Erzählens (XY soll gesagt haben, Aussage und Widerruf) und der Rolle des Erzählers pflegt, ohne sie doch in einer Art Verzweiflung am Erzählen zu totalisieren. Das in "Gruppenbild mit Dame" mitunter etwas mühselige Spiel mit dem "Verf." hat er hier aufgegeben zugunsten einer größeren Souveränität im Umgang mit dem aus verschiedenen Quellen zusammengetragenen Stoff und einer größeren Freiheit in der Annahme der problematischen Rolle, Erzähler, Autor, Erfinder, Regisseur und Berichterstatter zugleich zu sein. Er hat ältere Erzähltechniken - innerer Monolog, direkte Rede, Beschreibung - reduziert und ist immer indirekter geworden.

Diese stärkere formale Distanz steht in einer bewußten Spannung zur Eskalation im Motiv. Der "Clown" sang noch gregorianisch aus Protest, die Gruhls in "Ende einer Dienstfahrt" verbrannten einen Dienstwagen, Leni im "Gruppenbild" liebte einen russischen Untermenschen - erst die proletarische Heldin Katharina Blum handelt direkt und erschießt planvoll und reuelos einen Vertreter der ihr Leben zerstörenden Gewalt. So läßt sich an der Entwicklung eines Schriftstellers die gesellschaftliche Eskalation der Gewalt ablesen.

Die Wahl des Themas von der uns umgebenden "normalen" Gewalt, die Menschen dazu bringen kann, daß sie ihre Identität nur noch mit Gewalt bewahren können, weist auf die Auflösungserscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft hin. Was Böll anläßlich der Debatte um die Notstandsgesetze 1968 politisch bekämpfte, wird hier literarisch in seinen Realisierungen gezeigt: das Telefonabhörgesetz in seinen Konsequenzen für Ermittlungsverfahren und seinen Chancen für einen Machtapparat wie den der ZEITUNG, die Aufhebung des Informationsgeheimnisses - im Grunde das Ende der bürgerlichen Gewaltentrennung, d. h. das faktische Zusammenspiel von Presse, Justiz und Politik. Diese drei Formen der Macht sind personell und materiell miteinander verfilzt und bilden das, was man in Köln den "Klüngel" nennt, in dem Absprachen getroffen, Spielregeln für die Eingeweihten aufgestellt, Informationen manipuliert oder zurückgehalten werden. So wird die Chefredaktion der ZEITUNG mit der Anweisung versehen: "Sofort S. ganz raus, aber B. ganz rein", was bedeutet: der Politiker S. muß um seine Karriere fürchten, nicht wegen der ominösen "Herrenbesuche", wohl aber weil sein Name im Zusammenhang der großen Verbrecherjagd nicht fallen darf. Sein Schulfreund, der Rechtsanwalt B., muß leider geopfert werden.

Böll baut ein realistisches 1974 auf, in dem die Polizei die Außenkontrolle, die Überwachung der Bewegungen, Gespräche, Telefone regelt und BILD die Innenkontrolle, die Herstellung der Informationen, Emotionen und Wünsche macht. Beide Kontrollen und ihr Zusammenspiel sind total. "Sie machen das Mädchen fertig. Wenn nicht die Polizei, dann die ZEITUNG, und wenn die ZEITUNG die Lust an ihr verliert, dann machens die Leute. " Die Praktiken der ZEITUNG werden dargestellt: aus der Aussage, Katharina sei eine sehr kluge und kühle Person, wird ein "eiskalt und berechnend"; aus der Aussage, sie sei "radikal hilfsbereit, planvoll und intelligent", wird "eine in jeder Beziehung radikale Person". Aber wichtiger ist, wie die verbale Manipulation aus Quantität in Qualität umschlägt und die Wörter zur materiellen Gewalt werden. Ein Reporter dringt gegen ärztliches Verbot in das Krankenhauszimmer der frisch operierten Mutter Katharinas ein und verursacht ihren Tod. In der (bei Böll konsequent großgeschriebenen) SONNTAGSZEITUNG steht dann: "Als erstes nachweisbares Opfer der undurchsichtigen, immer noch auf freiem Fuß befindlichen Katharina Blum kann man jetzt ihre eigene Mutter bezeichnen, die den Schock über die Aktivitäten ihrer Tochter nicht überlebte." Der Artikel ist selbstverständlich fiktiv, aber der Leser ist verlockt, die Entsprechungen in BILD nachzuschlagen: "Sind unsere Vernehmungsmethoden nicht doch zu milde? Soll man gegen Unmenschen menschlich bleiben müssen?"

Man macht es sich zu einfach, wenn man hier nur Bölls private Abrechnung mit der "Bildzeitung" liest. Der Weihnachtstitel von 1971 "Baader-Meinhof-Bande mordet weiter" ist keine Entgleisung in der Art von "gewiß verwerflichen Formen des Journalismus", sondern Teil der strukturellen Gewalt der in der Gesellschaft herrschenden Kräfte. Die Verhetzung, der Aufbau eines Feindbildes, die Wertmaßstäbe vom bescheidenen Glück des redlichen Arbeiters - all das ist mit den liberalen Maßstäben ("Die Pressefreiheit dürfe nicht leichtfertig angetastet werden . . .") nicht zu messen, weil ja nicht die liberalen Bildungsbürger Opfer der Zeitungshetze sind, sondern gerade die, die nichts anderes lesen. Die Ehre der Katharina Blum wird in ihrem eigenen Milieu, in ihrer Wohnung, durch Post und anonyme Anrufe, durch Begegnungen im Heimatdorf und bei Bekannten, die alle ausschließlich die ZEITUNG lesen, zerstört; der bürgerliche Trost, daß es noch andere Zeitungen gibt, hilft nicht.

So bitter diese Geschichte ist, so verbreitet sie doch eine Art Heiterkeit, die weniger mit "Humor" als mit "Katharsis" zu tun hat. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß Böll, wie die Revolutionäre vor der Revolution, ein unbeirrtes Vertrauen in das Volk setzt. Eine Gestalt wie Katharina, die "zwei lebensgefährliche Eigenschaften hat: Treue und Stolz", spricht eine Hoffnung auch in der Zeit der Eskalation der Gewalt aus. Ihre Aktion bleibt zwar, wie die aller Böll'schen Helden, "kleinbürgerlich-anarchistisch", aber als Person geht sie in ihrem Handeln nicht auf. Auch das Erzählen geht nicht in der Analyse struktureller Gewalt auf, sondern zeigt, welche Widerstände sie hervorruft. Ein realistisches Erzählen ist ohne Hoffnungen nicht denkbar. Aber kann es sie auch vermitteln? Diese grundlosen Hoffnungen darauf, daß Ehre, Treue und Stolz sein werden, daß Identität sich auch, wo sie durch Gewalt atomisiert wird, behauptet - lassen sie sich an die immer Hoffnungsärmeren weitergeben? Sicher nicht in einer Begriffssprache, sicher nur in einer Erzählsprache. Auch die Theologie wird heute narrativ werden. Und ein Autor, dessen Frömmigkeit nicht einmal durch intensive Beschäftigung mit den Kirchen kaputtgegangen ist, wird weitererzählen, Bitteres heiter erzählen.

Einer der wichtigsten poetologischen Texte Bölls behandelt das Schreiben unter dem Titel "Suchanzeigen" (1971). "Ich will nicht das Unvergängliche, das Gegenwärtige will ich, das vergangen ist. Nicht das Erzählte, nicht einmal das Wahre und schon gar nicht das Ewige. Ich will die Gegenwart des Vergangenen. Den Apfel, in den ein Mädchen 1940 biß oder den anderen ein anderes Mädchen 1935 pflückte. Nicht als Andenken, nicht als Anekdotenvehikel, nicht als Vitrinenfetisch, nein, weil es da war, nicht mehr ist und nie mehr sein wird." Dann folgt eine biblische Wendung, die genau das Ausmaß der Hoffnungen eines großen Realisten benennt: "Ich will das Haar, das vom Haupt gefallen ist."

Jürgen P. Wallmann: Kalte Abrechnung mit einer Hetzkampagne. In: Badische Zeitung, 10./11. 8. 1974

Nachdem Heinrich Böll Anfang 1972 ins Schußfeld der Springer-Presse geraten war, weil er im Blick auf die "Bild"-Berichterstattung über die Fahndung nach der Baader-Meinhof-Gruppe vor journalistischer Hetze und Hysterie gewarnt hatte, da wurde der Schriftsteller in einem Interview von der Zürcher "Weltwoche" gefragt: "Werden die Vorgänge der vergangenen Wochen eines Tages in einem Roman ihren Niederschlag finden?" Dazu Böll: "Nein. Allerdings könnte es sein, daß das eine oder andere in verwandelter Form zur Rache verwendet wird. Auch ein Schriftsteller möchte sich gelegentlich mal rächen."

Nun hat Böll seinen "Racheakt" vorgelegt: Eine umfangreiche Erzählung, die unter dem Titel "Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann" soeben im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Aber, um es gleich unmißverständlich zu sagen: Dieses Buch ist nicht, wenigstens nicht in erster Linie, Bölls Versuch, es einem mächtigen Presse-Cäsaren heimzuzahlen; eine solche späte Abrechnung in einer Privatfehde wäre für den Leser nur von mäßigem Interesse. Die Erzählung ist vielmehr der Versuch des Schriftstellers, Einsichten, die er gewonnen hat und die sein Bild vom Menschen und von der Gesellschaft vervollständigen und differenzieren, künstlerisch zu gestalten.

Die "Story" wird gleich auf den ersten Seiten erzählt: Eine junge Frau hat einen Journalisten in ihrer Wohnung erschossen und sich wenige Stunden nach der Tat der Polizei gestellt. Da gibt es keine Krimi-Jagd nach dem Täter - zu klären ist lediglich das Motiv. Und darum geht es. Bölls Erzählung ist die Rekonstruktion der Hintergründe einer Gewalttat. Wie konnte eine unbescholtene, als freundlich geltende Frau dazu kommen (oder dazu gebracht werden), einen Menschen zu töten?

Ähnlich wie in Bölls letztem Roman "Gruppenbild mit Dame" ein fiktiver Verfasser, so tritt hier ein in seiner Erzählerperspektive weithin mit dem Autor identischer Berichterstatter auf, der gleich zu Anfang seine Quellen nennt und seine Geschichte gleichsam als privaten, auf verschiedenen Unterlagen und Informationen basierenden Untersuchungsbericht deklariert. Dieser Berichterstatter, der sich im Verlaufe der Erzählung immer wieder einschaltet, sucht dem Leser klarzumachen, er solle seinen Text nicht als "Komposition" verstehen - was er selbstverständlich doch ist -, sondern als "Konduktion", als das Zusammenführen verschiedener Quellen. Und er erinnert an das Spiel von Kindern, die Wasserpfützen stauen, durch Kanäle miteinander verbinden, sie leeren, ablenken, umlenken, bis sie das Wasser schließlich, natürliche Niveauunterschiede des Geländes ausnutzend, in eine Abflußrinne lenken. In dieser Weise versteht der Berichterstatter seine Erzählung als eine Art "Dränage oder Trockenlegung", als "Ordnungsvorgang" - womit Heinrich Böll in seinen Text selbst die Beschreibung seines Erzählers mit Vor- und Rückblende, Voranschreiten und Handlungsstau, hineingenommen und trefflich charakterisiert hat.

Im Verlauf dieser Rekonstruktion stellt sich heraus: Katharina Blum, 27 Jahre alt, attraktiv, geschieden, freiberuflich als Hauswirtschafterin arbeitend, hat am Abend des 20. Februar 1974 bei einer Party einen jungen Mann kennengelernt, in den sie, die als spröde und reserviert gilt, sich Hals über Kopf verliebt. Sie weiß nicht, daß dieser Ludwig Götten als Bankräuber gesucht wird, aber als sie es von ihm erfährt, kümmert sie das nicht. Ihre Liebe ist so bedingungslos, daá sie ihm nach einer gemeinsam verbrachten Nacht zur Flucht verhilft.

Doch Götten ist längst von der Polizei beschattet worden, die nun, nach der gelungenen Flucht, Katharina verhaftet unter dem Verdacht, die Begegnung der beiden sei ein lange verabredetes konspiratives Treffen gewesen. Freilich läßt sich diese Mutmaßung in den Polizeiverhören, in denen Katharinas ziemlich verdächtige Vergangenheit untersucht wird, nicht erhärten. Doch die Reporter einer großen Boulevardzeitung stellen den Fall groß heraus. Sie titulieren, in der beliebten Weise, Beschuldigte als Überführte auszugeben, Katharina in Sensationsberichten als "Räuberliebchen", streuen Verdächtigungen aus, bringen angeblich belastende Fotos und zurechtfrisierte Interviews mit Katharinas geschiedenem Mann, ehemaligen Arbeitgebern, einem Pfarrer, auch mit Katharinas kranker Mutter, die nach den Aufregungen stirbt.

Katharina ist dem Kesseltreiben, auch den anonymen Briefen und obszönen Telefonanrufen, die sie erhält, nicht gewachsen, obwohl ihr das Ehepaar, bei dem sie zur Zeit arbeitet, mit allen Kräften beisteht. Ihr Scham- und Ehrgefühl ist aufs tiefste verletzt. Am Ende lädt sie den für die Hetzkampagne verantwortlichen Reporter unter dem Vorwand, ihm ein Exlusiv-Interview zu geben, zu sich ein, und als der ihr schon gleich beim Betreten ihrer Wohnung unverblümt ein sexuelles Angebot macht, erschießt sie ihn mit einem heimlich beschafften Revolver.

In einer solch knappen Zusammenfassung des Inhaltes könnte diese Erzählung als ein Melodrama, eine Moritat von verlorener Frauenehre erscheinen. Und gewiß sind solche Elemente in der Geschichte auch enthalten. Aber sie dominieren nicht. Denn Böll hat seine spröde, verletzliche Heldin in eine Gesellschaft eingeordnet, die durch ihren Kontext die Mordgeschichte zugleich relativiert und beglaubigt, in ein Gesellschaftspanorama, das zwischen sensationshungrigen Revolverjournalisten und hilfreichen Freunden eine ganze Skala von Charakteren enthält.

Böll hat kein wutzitterndes Pamphlet gegen einen auf Menschenjagd spezialisierten Boulevard-Journalismus verfaßt. Ganz gewiß ist seine Erzählung von Emotion geprägt, von Mitmenschlichkeit und Sympathie für Verfolgte und für Opfer. Aber dieses Gefühl hat die Erzählung nicht überwältigt, es ist in sie integriert, strukturiert sie bis in die Sprache und den Tonfall hinein, der nicht von Aggressivität, eher von Freundlichkeit bestimmt ist. In diesem Sinne kann man hier von "kalter Rache" sprechen - wobei Rache jedoch ein falsches Wort ist, eher müßte man sagen: Abrechnung -, ganz im Sinne des Wortes von Gottfried Benn, der vom Schriftsteller gefordert hatte, er müsse "sein Material kalt halten". "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" ist, in der Form der Erzählung, eine Abrechnung mit inhumanen Praktiken und, ganz wie der Untertitel verspricht, ein Exempel dafür, "wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann".

Heinz Beckmann, Diesmal schießt Bölls Dame.- In: Rheinischer Merkur, 16. 8. 1974

Spätestens bei der Lektüre der Korrekturfahnen seines jüngsten Buches hätte ein Nobelpreisträger [...] Aber lassen wir das. Nicht einmal Platzpatronen lohnen mehr. Diesmal heißt Heinrich Bölls "Dame" Katharina Blum, Hausgehilfin von Beruf, aus naturgemäß einfachen Verhältnissen, auch widrigen wohl, denn bald floh sie in eine frühe Ehe, in der der Mann gar nicht zärtlich, sondern nur zudringlich war. Nach der Scheidung erweiterte Katharina ihren Geschäftsbereich, hilft hier und da bei Empfängen oder Parties aus und gelangt zu einer Eigentumswohnung, für die sie, wie Böll säuberlich registriert, die Raten sehr pünktlich entrichtet. Herz hat Katharina auch, denn jeden Monat schickt sie ihrer kränkelnden Mutter 150 DM und unterstützt ihren Bruder, der gerade im Gefängnis sitzt.

Herrenbesuche hat sie keine, auch wenn man ihr solche nachsagt, weil ein Herr der herrschenden Klasse, verheiratet und mit vier Kindern bedacht, ihr beharrlich zusetzt, einen teuren Ring an sie wendet und ihr einen Schlüssel zu seinem Zweithaus aufdrängt. Katharina ist demnach wohl ansehnlich, doch die liebe Unschuld fällt nicht in Anfechtung, obgleich man ja, so steht es zu lesen, neuerdings auch in Kirchen angequatscht wird, „und das nicht nur von Laien". In die Kirche geht Katharina nur, um Ruhe zu haben, sonst ist sie ausgetreten. So weit, so gut. Nun wird man sich daran erinnern, daß der ähnlich sauberen und auch sonst vornehmlich edelmütigen, sensiblen Dame mit dem Gruppenbild in Bölls letztem Roman bei so reinlicher Grundstruktur eines Tages von ungefähr eine Art Wandervogelidol in Gestalt eines kriegsgefangenen russischen Leutnants unterkam, zu dem sie vollends in Liebe entbrannte.

Ganz ähnlich ergeht es, warum auch nicht, Katharina Blum während der Karnevalstage bei einem Tanzvergnügen in der Wohnung ihrer Patentante. Dort schneit, von Zufällen beflügelt, ein junger Mann namens Ludwig Götten herein, Liebe auf den ersten Blick entzündend, Tango tanzend mit der Katharina Blum und schon bald in seinem Porsche zu deren Wohnung unterwegs. Ein Herrenbesuch war er dort nicht, wie ausdrücklich erwähnt wird, sondern ein Männerbesuch. Dabei scheint er Katharina erzählt zu haben, daß die Polizei hinter ihm her sei, Raubes wegen, sogar Mordverdacht ist im Spiel. Als aber die Polizei bei Katharina eindringt, ist der liebe Tristan nicht mehr vorhanden. Katharina nämlich kannte, weil sie ihn für ein abstraktes Bild hielt, den Bauplan ihres Wohnblocks sehr genau und hatte obendrein ja jenen Schlüssel von dem ominösen Herrn ohne Herrenbesuch. So kommt sie in Verdacht.

Aber bitte, das mit dem Räuber oder gar Mörder muß man nicht so grimmig nehmen. Schließlich war Ludwig Götten doch aus der Bundeswehr desertiert, und das bringt die Sache gleich in ein anderes Licht. Übrigens wird die Anklage wegen Mordes später gestrichen, nur ziemlich viel Geld - woher denn sonst der flotte Porsche - und auch Waffen hat Tristan geraubt. Aber wenn schon, Katharina liebt ihn halt, und wie das gütige Auge ihres Autors auf ihr liegt, fällt noch Licht genug für Ludwig Götten ab. Spaß beiseite: So etwas gibt es natürlich, daß ein sauberes, liebes, feinfühlig reinliches, treues, redliches Mädchen sich plötzlich in einen Räuber verguckt und ihm nach gehabter Zärtlichkeit bedingungslos zur Flucht verhilft. Da könnte sogar, falls sich der sentimentale Glimmer noch abwaschen ließe, eine endlich wieder handfeste, eine gute, eine sehr menschliche Erzählung ausschlüpfen.

Heinrich Böll meint aber diesmal gar nicht das so unschuldig verstrickte Mädchen oder den Deserteur, der auf Raub ausging, sondern eine gewisse Boulevardpresse, im Klartext die Bildzeitung und deren Verhalten im Falle desertierter Räuber und deren Liebschaften. Bölls andere Pappkameraden bleiben selbstverständlich mit von der Partie, katholische Geistliche zum Beispiel, christliche Unternehmer während einer Tagung in Bad Boll und andere, ungeschützter Weiblichkeit nachsetzende Prominente aus Politik und Wirtschaft. Die Reporter von der ZEITUNG - so nennt Böll die im Vorspruch namentlich angeführte Bildzeitung - schnüffeln natürlich in Katharinas Intimsphäre herum, bringen auch andere Menschen um ihren Ruf, beschleunigen durch einen üblen Trick den Tod von Katharinas Mutter, manipulieren Aussagen, verkehren Tatsachen in ihr Gegenteil und wittern allenthalben, wie Katharinas katholischer Ortspfarrer, Kommunisten.

Herrn Tötges, den finstersten Boulevardisten von der ZEITUNG, erschießt Katharina kurzerhand. Mit dem Ermordeten, wie man das aus der Fernsehsendung "Der Kommissar" kennt, beginnt Bölls neue Erzählung. Es folgt der Kriminalfilm. Daß Böll auf diese Gattung

nicht gerade spezialisiert ist, weiß man, zumal er ja die Täter ganz woanders sucht, als Erik Ode das getan hätte. Katharina hat doch schließlich nur das ausgeführt, was das Schwein Tötges von ihr wollte. Der Leser möge verzeihen, aber der diesbezügliche Wortlaut in der Erzählung von Heinrich Böll kann ihm nicht erspart bleiben. Da ist nun also der widerliche Dreckskerl, von Katharina zu einem Interview herbeigelockt, in ihre Wohnung gekommen. Katharina erzählt: ". . .und er kam mir nach und sagte: ,Was guckst du mich denn so entgeistert an, mein Blümelein - ich schlage vor, daß wir jetzt erst einmal bumsen.` Nun, inzwischen war ich bei meiner Handtasche, und er ging mir an die Kledage, und ich dachte: ,Bumsen, meinetwegen`, und ich hab die Pistole 'rausgenommen und sofort auf ihn geschossen."

Na ja, und weil Böll nicht einmal den Stil der Bildzeitung einigermaßen zu kopieren vermag und einen eigenen Stil diesmal pflegt, der einem sogar die Platzpatronen kritischer Erwägungen aus der Hand schlägt, mag denn auch noch die Tatortbesichtigung nach dem Bumsen, wie Katharina es verstand, als Kostprobe gereicht werden: "Es soll hier nicht so viel von Blut gesprochen werden, denn nur notwendige Niveauunterschiede sollen als unvermeidlich gelten, und deshalb wird hiermit aufs Fernsehen und aufs Kino verwiesen, auf Grusi- und Musicals einschlägiger Art; wenn hier etwas fließen soll, dann nicht Blut. Vielleicht sollte man lediglich auf gewisse Farbeffekte hinweisen: der erschossene Tötges trug ein improvisiertes Scheichkostüm, das aus einem schon recht verschlissenen Bettuch zurechtgeschneidert war, und jedermann weiß doch, was viel rotes Blut auf viel Weiß anrichten kann; da wird eine Pistole notwendigerweise fast zur Spritzpistole, und da es sich im Falle des Kostüms ja um Leinwand handelt, liegen hier Malerei und Bühnenbild näher als Dränage. Gut. Das sind also die Fakten."

Ja, leider, das sind also die Fakten, aber gut sind sie nicht, eher zum Heulen, und man stellt sich einen Nobelpreisträger vor, der die Korrekturfahnen seines jüngsten Buches liest - und er ruft nicht unverzüglich seinen Verlag an, um zu sagen: weg damit!

P. S. Der vorstehende Text beruht zweifellos auf dem horrenden Mißverständnis, Heinrich Böll hätte eine Erzählung geschrieben. Böll jedoch in seinem Grimm war noch bei der Meinhof und was ihm da angetan wurde von der ZEITUNG. Daß es solche ZEITUNG auch von ganz anderer politischer Färbung gibt, hat er in seinem Grimm einfach übersehen, und der SPIEGEL war so freundlich, seine neue Erzählung im Vorabdruck zu veröffentlichen. Aber Boulevard hin und Boulevard her - was Heinrich Böll nicht übersehen durfte als der moralisch so engagierte Schriftsteller, das ist die wahrhaftig unübersehbare Spur ganz ähnlicher Verdächtigungen, Verallgemeinerung und Ehrabschneidungen in seinem eigenen Werk. Es gibt doch auch für Heinrich Böll Menschen, die er nicht für Menschen hält, sondern für "Faschisten". Die Geschichte vom Steinewerfen im Glashaus war schon immer sehr lehrreich [...]

Reinhard Kill: Bölls zu süffige Wut. In: Rheinische Post, 10.8.1974

Von den meisten Buchhändlern favorisiert, 100 000 Exemplare in der ersten Auflage, das Fernsehen zeigt großes Interesse: Der neue Heinrich Böll seine erste größere Veröffentlichung seit der Nobelpreisverleihung -, wird, natürlich, der Best-Bestseller der Herbstsaison. Das läßt sich auch mit dem Verweis auf Heinrich Bölls große Gemeinde rational nicht erklären; das ist eben so. Und dadurch wird die durch erhebliche Sympathie für den aggressivfriedfertigen, unerbittlich humanen Autor ohnehin gehemmte Kritik noch schwieriger. Wer gilt schon gern als Miesmacher?

Doch es hilft nichts: Die Lektüre der Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum -oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann" (Kiepenheuer & Witsch, 189 Seiten, 19, 80 DM) war für mich eine schmerzliche Enttäuschung. Weil hier ein Thema, das uns alle direkt angeht, ob wir nun am Informationsprozeß und an der öffentlichen Meinungsbildung aktiv oder passiv beteiligt sind, fast fahrlässig verfehlt wurde. Und weil das auf eine literarisch so dürftige, verquollene, gespreizte, verkrampfte Weise geschieht.

Heinrich Böll, der auch politisch so Dünnhäutige, verarbeitet Selbsterlebtes; seine Erfahrungen zu Beginn 1972, als er sich in einem (gewiß sehr mißverständlichen, polemischen, überpointierten und widerlegbaren) Plädoyer im "Spiegel" gegen eine vorweggenommene Verurteilung der Baader-Meinhof-Anarchisten in der öffentlichen Meinung wandte und dabei besonders die Methoden der "Bild"-Zeitung angriff. Zurück schoß nicht nur das Massenblatt; Böll wurde auch in eine Reihe gestellt mit den "geistigen Schrittmachern der Nazis". Der so unter der moralischen Gürtellinie attackierte Moralist hat nun, leider, seine verständliche Wut und Empörung nicht für eine Streitschrift gespeichert. Diese hätte, am konkreten Fall dargelegt und mit Lessingscher Wucht, uns alle hellhöriger, kritischer, vielleicht auch - vorübergehend - widerstandsfähiger gegenüber dem täglichen Wahrheitsgehalt hochgeputschter Unalltäglichkeiten machen können. Für Journalisten wäre das geradezu ein Pflichtbuch geworden.

Doch Böll, der Romancier, der Epiker, wollte in einem erzählerischen Werk über seine Erfahrungen und Erlebnisse schreiben. Und mit dieser Fiktionsvorgabe beginnt das literarische Verhängnis der "Katharina Blum". In einer Vorbemerkung zu seiner Erzählung schreibt Böll: "Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ,Bild`-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich." Heinrich Böll will also "journalistische Praktiken" offenlegen, sich rächen; mit seinen Mitteln. Und die fallen eben auf ihn zurück.

Seine erfundene, gleichwohl von der Wirklichkeit heimgesuchte Hauptperson Katharina Blum ist 27 Jahre alt und staatlich geprüfte Hauswirtschafterin. Am Vorabend zur Weiberfastnacht 1974 lernt sie bei einem .Hausball in einer "saisongemäß fröhlichen Stadt" (mithin Heinrich Bölls Köln) den von der Polizei wegen Raub und Mord gesuchten Ludwig Götten kennen. Sie, die Prüde, die "Nonne", die ihren Mann "wegen unüberwindlicher Abneigung" verließ, empfand direkt "große Zärtlichkeit für ihn und er für mich", hat "ausschließlich und innig" mit ihm getanzt. Sie geht mit Götten für "eine Liebesnacht" in ihr Appartement, verhilft ihm durch einen Heizungsschacht zur Flucht und gerät deswegen, wegen des Verdachts der Begünstigung, in die Vernehmungsmaschinerie der Polizei und in die Schlagzeilen der ZEITUNG.

Deren besonders findiger Reporter Tötges (sieht "schmierig" aus, fährt Porsche) zwirbelt den Fall immer höher. Schamlos verdreht er Erklärungen und Aussagen von Blum-Bekannten, klettert, als Anstreicher getarnt, ins Krankenzimmer der an Krebs operierten Mutter Blum, schiebt auch den Tod der aufgeschreckten Ruhebedürftigen der "verstockten Mörderbraut"-Tochter in die Schuhe, schnüffelt im Vorleben von Katharinas Freunden und Arbeitgebern, unterstellt, legt Schlußfolgerungen nahe, etc.

Die in anonymen Briefen als "Kreml-Tante" und "Kommunisten-Sau" Beschimpfte, von unanständigen Anträgen Verfolgte bestellt den "Todesherbeiführer" Tötges (nomen est omen) am Karnevalssonntag zu einem Interview in ihre Wohnung und bumst ihren "Rufmörder", der sie "erst einmal bumsen" will, mit der Pistole zu Tode. Reue zeigt sie nach der Wiederherstellung ihrer verlorenen Ehre nicht.

Verhandlung und Urteil erspart uns Böll. Nicht dagegen einen in Methoden und Vokabular wohl unterschätzten Boulevard-Journalismus und dessen süffig geschilderte Verfilzung mit der Industrie; nicht sich prügelnde Großbürger; nicht einen auf Molotow-Cocktails sinnenden Industrieanwalt (obwohl "ein durch und durch weltläufiger Mensch"); nicht "Räuber- und Gendarmen-Romantik", einen rechte Gesinnung stets riechenden Pfarrer, High-Society-Klischees; und vor allem nicht die Charakterisierung seiner Engelsgestalt Katharina.

Sie ist "hübsch, adrett, freundlich, sehr klug, korrekt, fleißig, ordentlich, treu, stolz, fast genial planend, radikal hilfsbereit, ein einmalig nettes Ding". Bei so klarer Reinheit schadet's nicht, daß sie auch "kühl, zimperlich, humorlos, in sexuellen Dingen äußerst empfindlich" ist. Und doch öffnet sich dieses sperrige himmlische Wunderwesen spontan für Götten: "Mein Gott, er war es eben, der da kommen soll". Da wird eine Lebens- und Liebes- zur Heilsgeschichte. Wie diese passiv redliche, sprachlich so skrupulös wie Böll reagierende, so korrekt wie die Duden-Redaktion formulierende junge Frau einen Mord plant und ausführt, wie also in ihr Gewalt entsteht und wohin sie führt: Das bleibt Heinrich Bölls literarisch nicht offenbartes Geheimnis.

Unnötig kompliziert, gestreckt und verschachtelt, enträkelt sich die Geschichte: in Rückblenden, Polizeikontrollen, privaten Ermittlungen, Zeitungsberichten, abgehörten Telefongesprächen - und Bölls Reflexionen. Durch den Hinweis auf den Zugang zu geheimem Material sichert sich der Autor altmodische, autonome Erzähler-Allwissenheit. In einer schiefen, unglückseligen Metapher strapaziert er das Bild von Quellen, Kanälen, Pfützen, Abflußrinnen samt ihren Niveau-Unterschieden zu Tode. Er gibt sich betulich als Berichterstatter, benutzt, nur vordergründig ironisch, Behördendeutsch: "Muß festgestellt werden", "Es handelt sich lediglich um", "Gewisse Stauungen, die man auch Spannungen nennen kann". Willkürlich verwendet Böll das Wörtchen "man"; er flüchtet in Schnoddrigkeit, witzelt im Jargon "Nicht nur Akt- auch Passiva", "ein solcher Fall muß aufge- oder wenigstens versuchsweise erklärt werden", "da hier nicht ge-, sondern nur berichtet werden soll."

Selbst Ansätze zu Satire und Groteske, früher Bölls konkurrenzlose Stärken, verflachen zu Kalauern und Pennäler-Witzen; etwa wenn er sich um die Psyche der Telefonabhörer sorgt, der "nationalen Tonbandstreitkräfte" an den "Zäpfchen": "Sind sich die vorgesetzten Behörden darüber klar, was sie ihren Beamten und Angestellten da psychisch zumuten? Nehmen wir einmal an, eine vor übergehend verdächtige Person vulgärer Natur, der man ein ,Zäpfchen` genehmigt hat, ruft ihren ebenfalls vulgären derzeitigen Liebespartner an. Da wir in einem freien Land leben und frei und offen miteinander sprechen dürfen, auch am Telefon, was kann da einer möglicherweise sittsamen oder gar sittenstrengen Person - ganz gleich welchen Geschlechts - alles um die Ohren sausen oder vom Tonband entgegenflattern? Ist das zu verantworten? Ist die psychiatrische Betreuung gewährleistet? Was sagt die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr dazu? Da kümmert man sich um Industrielle, Anarchisten, Bankdirektoren, -räuber und -angestellte, aber wer kümmert sich um unsere nationalen Tonbandstreitkräfte? Haben die Kirchen dazu nichts zu sagen. Fällt der Fuldaer Bischofskonferenz oder dem Zentralkomitee deutscher Katholiken denn gar nichts mehr ein? Warum schweigt der Papst dazu? Ahnt denn keiner, was hier unschuldigen Ohren alles zwischen Karamelpudding und härtestem Porno zugemutet wird?"

Wer dächte bei diesen ausgewalzten Scherzchen über Bölls alte Traumata nicht voller Wehmut, etwa, an "Ende einer Dienstfahrt"? Letztes Böll-Zitat: "Es passiert zuviel im Vordergrund." In der Tat.

Joachim Günther: Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. In: Neue deutsche Hefte, 21. Jg., Heft 4 (1974), S. 810-812

Wenn über dieser Erzählung nicht der große Name Heinrich Böll stünde (wenn er sie z. B. so wie Hermann Hesse seinen Demian pseudonym herausgebracht hätte), wäre wahrscheinlich auch in Kreisen politischer Sympathisanten ebenso wie bei der etablierten Literaturkritik wenig Notiz von ihr genommen worden. Eine Kriminalgeschichte, dick mit Politik und dem, was sich Zeitkritik nennt, versetzt, ein Stück Antispringer-Literaturpolemik mit einer etwas kitschigen Liebesgeschichte, darauf ungefähr wäre das Urteil hinausgelaufen. Nun ist es aber doch Böll, der Böll vieler ausgezeichneter Erzählungen, der dies Nebenwerk nicht bloß geschrieben, sondern auch herausgebracht hat, der zur Zeit meistgelesene deutsche Erzähler und unser letzter Nobelpreisträger.

Man kann sich jetzt als Besprecher einfach auf die Seite von Bölls Politik und Polemik schlagen, seinen Sinn für Aktuelles loben, auch in diesem kleinen Werk etwas von der Kraft eines großen Erzählers zu spüren glauben und damit ein günstiges Urteil über das Buch rechtfertigen. Vom Umgekehrten soll hier nur kurz geredet werden: daß Böll doch nichts weiter als eine aufgeblähte Mittelbegabung, ein Protektionskind des Zeitgeistes, ein Polterer und Polemiker mit hochgespielter moralischer Attitüde sei und dieses kleine Buch nur ein unverhüllter Ausdruck dafür. Beide Gesichtspunkte sind literaturkritisch kaum brauchbar. Man kommt um die Frage nicht herum, warum dieses hoch engagierte Buch ein so schwacher Böll ist, warum Böll es so rasch geschrieben und herausgebracht hat, warum er sich (von Freunden, von Lektoren) nicht besser beraten ließ, warum er es (vielleicht als ersten Entwurf für spätere nochmalige Überarbeitung) nicht länger in der Schublade gelassen hat? Erklärungen dafür sind von einem Außenstehenden schwer zu finden: Persönliche Erbitterung, soziales Engagement, Racheakt an Feinden, eine sonst unproduktive Phase? Dergleichen mag mitgespielt haben, vielleicht sogar der für einen so etablierten Schriftsteller am wenigsten zwingende Grund, mit einem neuen Buch in der Aufmerksamkeit zu bleiben. Das alles bringt aber nicht sehr viel weiter, weil es, wennschon vielleicht etwas in den Charakter, so doch kaum zum Künstler Böll und seiner Produktivität paßt. Das Besondere an Bölls Erzählkunst war (und ist) ja gerade, daß er nie zuerst etwas konstruiert, sondern sich immer auf eine innere Führung verlassen hat, die ihm auf allen ihren Wegen, Umwegen, Abwegen einen Bezug zur Wirklichkeit sicherte. Die Geschichte der Katharina Blum muß mit anderer Methode geschrieben, aus unsicherem produktiven Impulse entstanden sein. Sie hat in keiner Figur, in keiner Szene, keinem Milieu, keiner "Landschaft" glaubhafte Wirklichkeitsbeziehungen, sie ist von oben, von einem Willensakt und einem gekünstelten Einfall heruntergeschrieben. Man muß schon sehr durch Sympathie zu dem Mann und seinen politischen und moralischen Intentionen geblendet sein, um das als Leser nicht auf Schritt und Tritt zu merken. Man kann umgekehrt in vielen moralischen und politischen Dingen einer Meinung mit Böll sein, um sich doch an dem starren Konstruktionsgerüst der Erzählung immer wieder zu stoßen.

Die Fabel ist in Besprechungen oft wiedererzählt worden. Wir können es kurz machen: eine junge Frau, die als ein rechtes, kühlkluges Tugendgeschöpf aufgebaut wird, obwohl aus belasteter Familie (Bruder im Knast, Vater tot, korrupt, Mutter krank, leicht zu Alkoholismus neigend), hat sich aus ärmlichen Verhältnissen als "diplomierte Wirtschafterin" mit Hilfe eines ihren Wert schätzenden Anwaltsehepaars zu kleinem Wohlstand mit Auto und Eigentumswohnung emporgearbeitet. Auf einer Party zur Fastnacht lernt sie einen jungen Mann kennen. Große Liebe auf den ersten Blick. Aber der Geliebte, der sich als erster auf die tiefe Differenz von Zärtlichkeit und Zudringlichkeit versteht, ist ein gesuchter Gewaltverbrecher, dem nicht bloß Bankraub, auch Mord nachgesagt wird. Der Erzähler nimmt das später zurück; läßt seine, ohnehin blaß bleibende männliche Nebenfigur nur Bundeswehrdeserteur und "Plünderer eines Safes mit dem Wehrsold für zwei Regimenter und erheblichen Geldreserven", dazu "Bilanzfälscher" sein. Da die Polizei den Mann bei Katharina Blum sucht, er aber am Morgen auf mysteriöse Weise verschwunden ist, wird sie selbst lange vernommen, kommt als "Räuberliebchen" in die "Zeitung" und erfährt alle Repressalien der Umwelt, die sich auf einen Verdächtigen häufen. So sammelt sich ingrimmiger Haß in ihr an (die Erzählung will ja verdeutlichen "wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann"). Sie gewährt zum Schein einem Ausbund von Zeitungsreporter ein Interview und erschießt ihn, als er das Interview nicht mit Sachfragen, sondern mit einem drastischen Annäherungsversuch beginnt.

Nein, Heinrich Böll hat wirklich als Erzähler zu wenig Erfahrung mit dem Genre Kriminalgeschichte (bei jedem durchschnittlichen Kommissarfilm bekommt man Glaubhaftes über Ermittlungen der Kriminalpolizei, bekommt man schon von vornherein eine glaubwürdigere Kriminalgeschichte selber vorgesetzt). Das wäre aber gewiß kein tödlicher Einwand, wenn die Geschichte sonst in Figur und Handlung lebte, wenn ihre Datengerüste, ihr Zubehör, Requisit kenntnisgesättigter wären. Die Bildzeitung? Der Rezensent kennt sie etwas zu wenig, um zu entscheiden, ob die Passagen, die in der Erzählung als Stichproben gegeben sind, aus ihr genommen sein können. Sie wirken wie von Böll für seine Zwecke gemacht, die Bildzeitung selbst ist gleichzeitig schnoddriger und flotter als das, was hier steht. Ähnlich bei den Figuren, sei es nun das Personal der Polizei, die kleinbürgerliche Umwelt im Kölner Vorort, die großbürgerliche Hinterwelt derer, die in Lebensverbindung mit Katharina Blum stehen, dazu die Vergangenheitsdimension, Kindheit, Schule, Religionsunterricht bei einem Pfarrer, der prompt für Kirchenaustritt gesorgt hat, eine nach ganz kurzer Zeit an den Plumpheiten des Mannes kaputtgehende Ehe usw. usf. Es gibt Schlimmeres, auch Sonderbareres im Leben. Eine Erzählung darf jedoch nicht (mit Goethe zu sprechen) das Allgemeine in Gestalt eines von Millionen Fällen vermitteln, sondern muß im einzelnen Fall das Allgemeine sein. Davon kann bei dieser Erzählung nicht die Rede sein. Was man ihr zugute rechnen muß, sind die niemals fehlenden Menschlichkeiten des Autors selbst, so sehr diese mit Allzu-Menschlichem verschnitten sind. Böll will Sympathien für Verfolgte und Verleumdete zum Ausdruck bringen, er will die Kälte, die Bosheit, die Brutalität, die Schamlosigkeit denunzieren, die unsere sich allzu gern schon für relativ vollkommen haltende Gesellschaftsordnung durchziehen. Bürgerliches, Kapitalistisches, Kirchliches, Konservatives sind ihm da verdächtig a limine, so wie es die Polizei ist. Zu Verbrechen und Gewalttaten wird jemand eher gezwungen, als daß sie auf bösen Willen zurückgehen. Ein Mord aus verletzter Ehre, danach Bestrafung für Kriminelles hindern aber nicht, das Leben neu anzufangen (Katharina rechnet sich sogar aus, wie alt sie beide sein werden, wenn sie und ihr Geliebter aus dem Gefängnis entlassen werden). Das alles heißt, Schuld, Schicksal, Verbrechen fahrlässig und Zeitungsgeschreibsel unangebracht wichtig nehmen.

Wenn diese Erzählung "eine Fortschreibung des großen Romans Gruppenbild mit Dame" sein soll, dann unterschätzt der Verlagsprospekt, der das behauptet, wahrscheinlich die Qualitäten und Möglichkeiten seines bedeutendsten Autors, wenn dieser wirklich einmal wieder bei sich selbst und nicht bloß bei seinen Affekten und Animositäten ist.

Rolf Michaelis: Der gute Mensch von Gemmelsbroich. In: Die Zeit, 2.8.1974

Dies ist die Geschichte einer Empörung. Ein sanfter Mensch schlägt um sich. Eine junge Frau mit dem Symbolnamen Katharina Blum, von einer rücksichtslos auch das private Leben ihrer Bürger vermarktenden Gesellschaft in die Enge getrieben, richtet die Pistole auf den unschuldig-schuldigen Menschen, in dem sich ihr die Anonymität einer aus sex and crime Profit ziehenden Welt verkörpert, auf den skrupellosen Reporter einer Schmierzeitung, der nach dem dramaturgischen Gesetz der Namensgebung in diesem Werk zum Tod bestimmt ist: Werner Tötges.

Katharina, die siebenundzwanzigjährige Tochter eines Bergarbeiters aus Gemmelsbroich, Kellnerin, staatlich geprüfte Wirtschafterin, eine hübsche, "sehr kluge und kühle Person", empfindet nach ihrer Tat "keine Reue". Sie stellt sich der Polizei. Nachdem sie durch die Ermordung ihres "Rufmörders", der die Unschuldige mit Lügen und diffamierenden Sensationsberichten zur Komplizin einer Gruppe politischer Verbrecher gemacht und so ihr Leben zerstört hat, ihre "verlorene Ehre" wiederhergestellt glaubt, erwartet sie im Untersuchungsgefängnis ruhig ihr Urteil.

Die 58 Kurzkapitel der Geschichte, in verschiedenen Erzählungen vorgetragen, spielen vom 20. bis zum 24. Februar 1974, vom Vorabend der Weiberfastnacht bis zum Karnevalssonntag, in der "fröhlichen Stadt", einer Metropole rheinischer Ausgelassenheit, also in Bölls Köln.

Dies ist die Geschichte einer Empörung in doppeltem Sinn. Ein sanfter Mensch, der einzige Erzähler deutscher Sprache, auf den das Wort zutrifft, mit dem seine Titelgestalt Katharina Blum ihre Freunde kennzeichnet: gütig ("Im Protokoll stand ,nett zu mir`, die Blum bestand auf dem Wort gütig, und als ihr statt dessen gar das Wort gutmütig vorgeschlagen wurde, weil gütig so altmodisch klinge, war sie empört") - Böll schlägt hier um sich. In die Enge getrieben von einer bestimmten Art deutscher Presse, der man zu viel Ehre antut, wenn man ihr den schmucken Vornamen Boulevard läßt, spitzt Böll die satirische Feder. In dem Augenblick, da er nicht mehr als PEN-Präsident diplomatisch Zurückhaltung üben muß, veröffentlicht er, was ihn seit den Verfolgungen - es gibt kein höflicheres Wort der "Springer-Presse" vor zwei Jahren bedrückt.

Was seiner Katharina widerfährt, ist im Dezember 1971 der Baader-Meinhof-Gruppe passiert: ohne schlüssigen Beweis und ohne Gerichtsurteil von der Sensationspresse verurteilt zu werden. Nach einem Bankraub in Kaiserslautern, bei dem ein Polizist erschossen wurde, war "Bild" mit einem Voraburteil in der Schlagzeile sofort zur Hand: "Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter". Gegen diesen in einem Rechtsstaat unzulässigen, später vom Deutschen Presserat auch gerügten Schuldspruch schrieb Böll am 10. Januar 1972 im "Spiegel" seinen berühmt gewordenen Artikel: "Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?" Die danach einsetzende Kampagne der "Springer-Presse" - bis hin zu den Unterstellungen, der PEN-Präsident Böll schweige zu den Verfolgungen sowjetischer Regimekritiker, und den hämischen Artikeln zur Verleihung des Nobelpreises im Herbst 1972 - hat Böll so verstört, daß er nicht nur spontan als Polemiker, sondern mit der notwendigen Phasenverschiebung jetzt auch als Erzähler antwortet. Wie bei keinem anderen seiner epischen Werke ist der (auch) biographische Anlaß so genau zu orten. Böll setzt sich - stellvertretend für den Leser - zur Wehr gegen unlautere Formen journalistischer Berichterstattung durch Entstellung, durch Verschweigen.

Dies ist einer der Blickpunkte, unter denen Bölls neues Werk betrachtet werden kann: ein satirisches Pamphlet gegen kriminelle Formen der Meinungsbildung. Der politische Aspekt des Werks, Erziehung zur Empörung gegen offensichtliches Unrecht, Aufklärung lügenhafter Praktiken, in Form von Protokollen und psychologisch-soziologischen Porträts derer, die Böll zu Recht "Rufmörder"" nennt - hier spricht sich der moralische Zorn des Autors unmittelbar aus, hier überzeugt er (mich).

Aber Böll schreibt keinen politischen Aufruf und schon gar nicht ein Manifest, das zur praktischen Nachfolge der verzweifelten Tat Katharinas einlüde, sondern eine zeitkritische Schmähschrift - in Form einer Erzählung, einer scheu vorgetragenen Liebesgeschichte, einer kriminalistisch gewürzten love story, also eines epischen Werkes, das sich literarkritischer Beurteilung stellt - und da ist Böll weniger leicht zu folgen.

Zuvor noch ein Wort zum politischen Rang der Arbeit - der vom literarischen nicht zu trennen ist. In einem Vorspruch beteuert der Erzähler, Personen und Handlung seien "frei erfunden ", Ähnlichkeit der geschilderten journalistischen Praktiken seiner "ZEITUNG" mit Gepflogenheiten der "Bild"-Zeitung "weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich ". Da hat Böll, leider, recht. Gleichwohl sei vor händereibendem Vergnügen gewarnt. Bölls Kritik zielt über Bräuche der "Bild"-Zeitung hinaus. Wer selber für Zeitungen schreibt, hat keinen Grund, sich von Bölls Kritik nicht getroffen zu fühlen. Der unter sarkastischer Ironie stets vernehmbare Ton melancholischer Meditation nötigt jeden aufmerksamen Leser zur Antwort auf solche Fragen: Was lassen wir uns eigentlich alles bieten? Wie weit sind wir, als stumm genüßliche Konsumenten der täglich verbreiteten Halbwahrheiten, mitschuldig am Zustand der Medien, von denen wir uns informieren lassen?

Bölls Erzählung läßt sich - auch als kleiner Schlüsselroman der Apo- und der Baader-Meinhof-Zeit entziffern. In einer "Art Räuber- und Gendarmenromantik", wie Böll in einem der ironisch selbstkritischen Kommentare bemerkt, bündelt die Erzählung fast alle Motive aus den Jahren der politischen, später kriminellen Aktivität der Gruppe um Ulrike Meinhof: Einbruch in eine alleinstehende Villa, Flucht aus einem Apartmenthaus, Erstürmung einer Wohnung durch die Polizei, Anzapfen von Telefonleitungen, Verhöre, Diskussionen unter Sympathisanten, Kontakte zwischen Finanz, Industrie und Journalismus zur Verbreitung oder Unterschlagung gewisser Meldungen, Liebe zwischen politisch und erotisch aktivem Mann und einer auf beiden Gebieten wenig erfahrenen Frau (Katharina, die wegen ihrer "Kühle, Zimperlichkeit, fast Prüdheit" den Spitznamen "Nonne" trägt, wurde nach kurzer Ehe mit dem Textilarbeiter Wilhelm Brettloh schuldig geschieden, weil sie eine "unüberwindliche Abneigung" gegen ihn hatte).

In der Idealisierung seines Blum-Mädchens geht Böll bis an die Grenze des literarisch Zulässigen und Überzeugenden. Während Tötges ("der Kerl von der ZEITUNG") natürlich "schmierig" ist und Porsche fährt, strahlt die einen gebrauchten VW kutschierende Katharina (griechisch: die Reine) in dem moralischen SUWA-Weiß, das Flecken auf der Seele von Kunstfiguren hinterläßt.

Die "immer adrette, freundliche, wenn auch kühle" Blum, der gute Mensch von Gemmelsbroich, besteht darauf, sich mit Handschlag bei der spanischen Krankenschwester und der portugiesischen Putzfrau des Krankenhauses zu bedanken, in dem ihre Mutter (wahrscheinlich durch Tötges' Zudringlichkeit) gestorben ist - besteht darauf nach schlaflosen Nächten, nach Verhören, nach der Zerstörung ihres Lebens.

Böll wird nicht müde, die "kluge und fast kühle Person" in ihrer "in sexuellen Dingen äußersten Empfindlichkeit" zu zeichnen, um vor solcher Silberfolie das Bild der durch Zärtlichkeit zur Liebe erweckten Frau zu zeichnen. Auf einer Faschingstanzerei lernt Katharina Ludwig Götten kennen, einen von der Polizei gesuchten Straftäter aus politischer Überzeugung, verliebt sich Knall auf Fall in ihn, nimmt ihn für "eine Liebesnacht" in ihre Wohnung und schleust ihn durch Geheimgänge aus dem inzwischen von Polizei umstellten Wohnblock - und damit beginnt ihr Glück und ihr Unglück und Bölls Erzählung.

Ludwig Götten - da gilt, wie auch sonst bei Bölls Namensgebung, was Faust dem Mephisto auf den Kopf zusagt: "Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen / Gewöhnlich aus dem Namen lesen" - Ludwig, von dem Katharina zu Protokoll gibt: "Ich empfand große Zärtlichkeit für ihn und er für mich ", ist nicht nur der altfränkische Chlodweg, der "als Kämpfer Berühmte", sondern mit seinem himmlischen Nachnamen für (die aus der Kirche ausgetretene) Katharina eine gottähnliche Gestalt. Vor den Ohren der Polizei charakterisiert sie ihn mit den biblisch-messianischen Worten: "Er war es eben, der da kommen soll. "

Solche "Ungereimtheiten" machen Katharina zu einer lebensechten Gestalt, zu einer jüngeren Schwester der Leni aus Bölls "Gruppenbild mit Dame". Zum großen Komplex des Unwahrscheinlichen gehört allerdings die entscheidende Tat, der kalt geplante Schuß auf Tötges. Für die verhörenden Beamten - und für den Leser - verwirrend, Katharina als Charakter aber lebendig definierend, sind ihre stundenlangen Autofahrten durch die Nacht ("Ich bin einfach drauflos gefahren . . . immer nur wenn es regnete . . . Es war wohl auch Angst "). Nicht, daß dies psychologisch nicht glaubhaft wäre, Umkrempelung einer Person durch eine einzige Liebesbegegnung; doch wird die Verwandlung der passiven, ziellos streunenden Frau in eine aktive, ihr Ich bis zum Mord verteidigende Frau nur behauptet, nicht auch literarisch verwirklicht.

Überhaupt läßt sich der Verdacht schwer abwehren, die offensichtlich rasch geschriebene Erzählung, ein Nebenwerk sicher, müsse vom Erzähler durch ein Übermaß an Konstruktion legitimiert werden. Der eindringlich moralische Appell des kleinen Werkes wird durch kokette Struktur, spielerische Verschachtelung, zwinkernde Rück-und Vorblenden fast ausgehoben. Wenig glücklich erscheint (mir) Bölls Bildwahl der "fließenden Quellen ", der "Konduktion statt Konstruktion ", des "Rückstaus" von Pfützengewässern für die verschiedenen Stränge der Erzählung, vor allem dann, wenn dies zu schiefen, auch durch ironischen Sprachgebrauch nicht zu entschuldigenden Metaphern führt wie den "Nebenquellen, ihrer Verstrickung, Verwicklung, Befaßtheit .. ."

Böll ist am besten, wenn er direkt spricht. Im Bemühen, persönliche Betroffenheit zu überspielen, die hier als Wehleidigkeit erscheinen müßte, flüchtet er sich in einen Stil von oft gequält bürokratischer Ironie, wie sie ihm durch den Protokollcharakter mancher Abschnitte seines "Berichts" gerechtfertigt erscheint. Da ist dann zu lesen, daß jemand "nicht zur Pistole griff, sondern diese auch in Tätigkeit setzte"; da führt der "Todesherbeiführer" eine arg papierene Existenz und bitten "behördlicherseits erstellte Abflugrinnen" um ein Lächeln. Böll, Romancier mit Humor, ist nicht so gut, wenn er sich in Wort-Spielen und Sprach-Scherzen ergeht ("da hier nicht ge-, sondern berichtet werden soll"; "nicht zur Akt- auch Passiva"; "Ein- und Ehe-brecher"). Das geht bis zur bewußten Zweideutigkeit des Wortes "bumsen" im entscheidenen Augenblick. Tötges kommt in der Hoffnung auf ein Interview in die Wohnung der Katharina Blum: ",Mein Blümelein ich schlage vor, daß wir jetzt erst einmal bumsen`... und ich dachte: ,Bumsen, meinetwegen`, und ich hab die Pistole rausgenommen und sofort auf ihn geschossen. " Von unfreiwilliger Komik sind bei einem Erzähler, der eine wunderbar scheue Liebesgeschichte der neuen, sanften Art entwerfen kann, Wendungen für weniger zärtliche Begegnungen: "Als jener einmal sie nicht gerade verführen, aber doch erheblich mit ihr flirten wollte" (wie denn Böll überhaupt, in diesem sich auf Verhörprotokolle berufenden Text, eine auffällige Vorliebe für das aus der Kameralsprache der Kanzleien des Barockzeitalters stammende Adjektiv "erheblich" hat).

Ironie und kunstvoll verwirrte Chronologie der Erzählung stehen in befremdlichem Mißverhältnis zu der Beteuerung: "Hier soll absolute Gerechtigkeit walten" und zu der Bescheidung auf die "Pflicht der Berichterstattung ". Hätte ein trockenerer Ton hier nicht eher die "Zeugniskraft", von der Böll einmal spricht? Die Frage gilt auch für die Kolportagezüge der Geschichte: Die sich prügelnden Manager, der Molotow-Cocktails bastelnde Industrieanwalt - kleinbürgerliche Wunschträume.

Daß Böll sich mit seiner Erzählung, wie es der Titel ausspricht, in eine Tradition stellt, sei wenigstens angedeutet. Die im Mummenschanz des Karnevals ausbrechende Mord- und Kriminalgeschichte zwingt Lebenslust und Todesqual in den barocken Kontrast, den auch Zuckmayers ebenfalls am Rhein spielende "Fastnachtsbeichte" (1959) nutzt. Wichtiger ist für Böll Schillers Vorbild in der 1786 erschienenen "wahren Geschichte" vom Verbrecher aus Infamie", die seit der 1792 überarbeiteten Fassung den berühmten Titel trägt: "Der Verbrecher aus verlorener Ehre." Von Schiller übernimmt Böll vier zentrale Motive: den Handlungsantrieb, verlorene Ehre wiederzugewinnen; die moralische Erkenntnis, der Verbrecher sei, wie Schiller sagt, "ein Mensch . . . wie wir"; die Verschiebung des Akzents einer Kriminalgeschichte vom äußeren auf das innere Geschehen (Schiller: "Das bloß Abscheuliche hat nichts Unterrichtendes für den Leser"; Böll: "Es soll hier nicht so viel von Blut gesprochen werden . . . auch die Darstellung körperlicher Gewalt soll . . . auf ein Minimum beschränkt werden . . . ").

Der - historische - Räuber Johann Friedrich Schwan, Sohn eines Gastwirts, dessen Geschichte Schiller erzählt, wird ein halbes Jahrhundert später, in dem 1854 erschienenen, viel gelesenen Roman von Hermann Kurz, "Der Sonnenwirt", was auch Bölls Mörderin aus verlorener Ehre von Beruf ist: Hausknecht.

Schließlich werden - bei Schiller und bei Böll - Gerichtsverhandlung und Urteilsspruch ausgespart. Darin liegen, trotz Einwänden, Wert und Rang von Bölls Erzählung in diesen Monaten vor den großen Baader-Meinhof-Prozessen: Der Leser ist aufgerufen, selbst nachzudenken über Schuld und Sühne und über die gefährliche Krankheit unserer Zeit - Gewalt, wie sie entstehen und wohin sie führen kann.

Heinz F. Schafroth: Eine schale Satire. In: Basler Nationalzeitung, 5.10.1974

Die Baader-Meinhof-Ereignisse seien Anlaß zu dieser Erzählung gewesen, hieß es lange bevor sie erschienen ist. Und wer sich an Bölls verzweifelt zornigen Auftritt bei der Festnahme der Baader-Meinhof-Gruppe erinnert, wird ein Buch erwartet haben, das getragen und legitimiert sein würde von der damals unter Beweis gestellten Unerschrockenheit, die Böll Verfolgung und Diffamierung eingetragen hatten. "Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann", lautet der Untertitel der Erzählung, und das vermittelt noch eine Art Gewißheit, daß sie motiviert sei durch Erfahrungen von brennender Aktualität. Sie verflüchtigt sich, die Gewißheit, und weicht am Ende dem blanken Entsetzen darüber, wie billig und fahrlässig Böll sein Thema, seine Betroffenheit und damit sich selbst verkauft.

Die 27jährige Katharina Blum ist Hauswirtschafterin (Spezialität: kalte Buffets), "eine ordentliche, planende, fast genial planende Person", die "zwei lebensgefährliche Eigenschaften: Treue und Stolz" nämlich, hat.

Diese Katharina lernt einen von der Polizei überwachten Anarchisten kennen und eine Liebesnacht lang lieben, und sie verhilft ihm am Morgen zur Flucht vor der Polizei. Damit ist sie nicht nur den Behörden ins Netz gegangen, sondern vor allem auch Freiwild des Sensationsblatts "Die Zeitung" geworden. ("Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ,Bild-Zeitung` sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich. ") Die Zeitungshetze zerstört ihr rechtschaffenes Leben (auch das ihrer Arbeitgeber) so sehr, daß Katharina sich entschließt, ihren Hauptverfolger, einen Journalisten, zu erschießen. Sie bestellt ihn in ihre Wohnung, angeblich zu einem Interview, er kommt und von nun an im "Böll-Ton" - "sagte, na, Blümchen, was machen wir zwei denn jetzt?` Ich sagte kein Wort, wich ins Wohnzimmer zurück, und er kam mir nach und sagte: ,Was guckst du mich denn so entgeistert an, mein Blümelein - ich schlage vor, daß wir jetzt erst einmal bumsen. ` Nun, inzwischen war ich bei meiner Handtasche . . . und ich dachte: ,Bumsen, meinetwegen, und ich habe die Pistole rausgenommen und sofort auf ihn geschossen." Vielleicht genügen Nach-Erzählung und Zitate, um zu zeigen, wie synthetisch Bölls Geschichte ist, wie sie die Realität, die ihr doch zu Grunde liegen soll, hinter sich läßt und emporstilisiert zu einer schalen Satire.

Das wäre zu belegen - ganz leicht und vielfach. Wenn es überhaupt darum ginge, nachzuweisen, daß Bölls Erzählung, was ihre literarische Qualität angeht, unerheblich ist. Weil er die aus Gründen schriftstellerischer Diskretion zu Recht vermiedene Realität des Ulrike-Meinhof-Schicksals nicht durch eine literarische Fiktion ersetzt, sondern durch ein Surrogat, Trivialität und Banalität, die sich dabei ergeben, sind aufgemöbelt durch modische Erzähltechniken und -tricks. " [...] man hätte gewiß zu vorgerückter Stunde ein Tänzchen riskiert [...]" - eine solche Formulierung (und es wimmelt davon) verrä Bestselleranspruchslosigkeit, die durch den Konjunktiv und die Clichéormeln nur scheinbar gebrochen ist.

Aber sie verät auch und vor allem eine bestimmte schriftstellerische Haltung: die der spötischen Distanz nälich. Und diese ist das eigentlich Erschreckende an Bölls neuem Buch. Er formuliert sie in einem Ausmaßund mit einer Hingabe, da sie die Fürchterlichkeit des Geschehens (die Zerstöung einer Existenz) vergessen macht. Die Distanzierung beginnt mit der Pfützenmetapher, die auf der zweiten Seite gefunden und ausgewalzt wird und dann penetrant die ganze Erzählung durchzieht; sie zeigt sich in der Art, wie der Autor immer wieder seine Erzähweise reflektiert und dabei Kritik von vornherein ausschaltet; sie geht hervor aus der selbstmöderischen Witzigkeit von Bölls Vokabular ("Zätlichkeitsanbieter", "Akt- auch Passiva", "Todesherbeiführer") und - noch unbegreiflicher! - von Bölls Zeitkritik, die mit dem Hochmut dessen, der recht hat, formuliert ist: ". . .deshalb wird hiermit aufs Frnsehen und aufs Kino verwiesen, auf Grusi- und Musicals einschlägiger Art..."

Das Wortspiel mit "bumsen" ist bereits zitiert. Es steht in Katharinas Bericht von der Mordtat und mag an dieser Stelle wahnwitzig vorkommen. Böll könnte es mit dem Wahnwitz der Situation rechtfertigen. Nur: zwei Seiten später sagt Katharina ein zweites Mal: "Er wollte doch bumsen, und ich habe gebumst, oder?" Und jetzt, nach zwei Seiten Reflexion, ist das Wortspiel der Katharina gewaltsam vom Autor in den Mund gelegt, weil er daran seine Freude hat, und nicht weil es dem Charakter der Katharina oder der Situation entspräche. An dieser Stelle kulminiert Bölls Bemühen, sich selbst und seine Ernsthaftigkeit zu diffamieren.

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