Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Die Schlöndorff-Verfilmung

Arbeitsanweisungen

Materialien

Ergebnisse (ohne Präsentation) als zip-Datei (mit Präsentation)
I. Arbeitsanweisungen:

1. Macht Euch anhand des Schaubildes mit den wesentlichen filmischen Mitteln vertraut. Informiert Euch genau über Begriffe, die Ihr nicht kennt.2. Nutzt die folgenden Fragen bzw. Anweisungen zur Arbeit mit dem Mindmap.

Wie werden die Figuren im Fim dargestellt? Stimmen die Wertigkeiten mit der Erzählung überein?

  • Arbeitet heraus welche Figuren im Film gegenüber der Erzählung unterrepräsentiert/überrepräsentiert sind.

  • Durch welche filmischen Mittel (Bildgestaltung, Szenenfolge, Ton) werden Figuren herausgehoben bzw. in den Hintergrund gerückt?

  • Wie werden die Figuren im Film charakterisiert?

  • Gibt es Angebote für den Zuschauer, sich mit Figuren zu identifizieren oder sich von ihnen zu distanzieren?

  • Vergleicht insbesondere die Darstellung des Reporters Tötges im Film und in der Erzählung.

Welche Elemente werden durch die Kameraführung betont?

  • In welchen Szenen läßt sich welche Kameraführung feststellen?

  • Was soll dadurch bewirkt werden?

Wie gestaltet der Film die zeitliche und räumliche Struktur?

  • Wodurch unterscheidet sich die Zeitstruktur der Verfilmung von der der Erzählung?

  • Welche Schwerpunkte entstehen durch die Sequenzabfolge und die Dauer der Sequenzen?

  • Welche Rolle spielen die Orte, an denen die Filmhandlung spielt?

Welche Rolle spielt die Begleitmusik?

  • Wodurch ist die Begleitmusik charakterisiert?

  • Welche Bedeutung transportiert sie und welche Wirkung soll sie beim Zuschauer auslösen?

Auf welche Aspekte bzw. Teile der Erzählung legt der Film Schwerpunkte?

  • Welche Teile der Erzählung werden übernommen, welche Veränderungen bzw. Neueinfügungen nimmt der Film vor?

  • Inwiefern verändert sich die Thematik gegenüber der Erzählung?

  • Wie stellt der Film die Gewaltproblematik dar?

  • Welche Aussage stellt der Film in den Mittelpunkt?

3. Analysiert die Sequenzen 15 und 53 im Detail.

4. Erarbeitet eine Präsentation (in der Form Eurer Wahl), die die Ergebnisse zu 2. zusammenfassend darstellt und in die Darstellung die Ergebnisse zu 4. integriert. Achtet darauf, dass Ihr Eure Aussagen belegt.

II. Materialien:

aus: Wolfgang Mattes, Methoden für den Unterricht. 75 kompakte Übersichten für Lehrende und Lernende, Paderborn 2002, S. 68

Sequenzliste Volker Schlöndorff, Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Sequenz

Dauer (in Min.)

Sequenzinhalt

1

0,04

Insert: Mittwoch, den 05. Februar

2

2,51

Vorspann: Ankunft Ludwig Göttens mit Rheinfähre; er stiehlt einen Porsche und fährt in die Stadt

3

1,09

im Café Polkt

4

0,34

Autofahrt zur Party

5

3,38

bei Else Woltersheim; erste Begegnung von Katharina und Götten

6

0,32

Beizmenne fordert „Zäpfchen" (d.h. Abhöranlage) an

7

1,03

Observierung Katharinas und Ludwigs

8

0,04

Insert: Donnerstag, den 06. Februar

9

2,08

Polizeiaufmarsch/Katharina in ihrer Küche

10

3,44

Erste Durchsuchung und Verhör Katharinas in ihrer Wohnung

11

1,09

Katharina wird abgeführt, Tötges tritt auf

12

5,42

Vernehmung im Polizeirevier

13

1,56

Katharina wird in die Zelle geführt, Rückblende

14

2,05

Ermittlungsgespräch der Polizeiorgane

15

3,43

Tötges recherchiert für die ZEITUNG

16

1,49

Blornas werden im Winterurlaub interviewt

17

1,38

Beizmenne und Tötges tauschen Informationen aus

18

1,51

Katharina beobachtet polizeiliche Verhöre und Aktivitäten

19

3,56

zweite Vernehmung Katharinas im Polizeirevier

20

0,56

Katharina und dann Beizmenne verlassen das Revier

21

0,55

Katharina duscht, betrachtet ihr Spiegelbild

22

1,03

Rückblende, Katharina und Götten auf der Party; Katharina räumt die Wohnung auf

23

1,37

Anonymer Anruf, Zettel unter der Tür

24

2,05

Katharina flieht aus ihrer Wohnung, Straßenszenen

25

0,04

Insert: Freitag, 07. Februar

26

1,35

Katharina telefoniert mit Blorna

27

0,39

Blornas besprechen die Lage

28

3,18

Katharina in Dominikanerabtei, sie trifft ihren Verehrer Professor Sträubleder

29

1,08

Tötges bei Katharinas schwerkranker Mutter

30

0,44

Katharina, Frau Woltersheim und ihr Freund K. Beiters auf dem Weg ins Präsidium, Photos

31

1,05

Beizmenne und Tötges über Else Woltersheim

32

2,50

Else Woltersheim wird verhört

33

1,54

Katharina erbricht aus Ekel vor dem Bericht über den Besuch der ZEITUNG bei ihrer todkranken Mutter

34

6,10

Vernehmung Katharinas (Einkommen und Fahrtkilometer)

35

1,16

Katharina liest nach dem Verlassen des Reviers Tötges Zeitungsbericht laut vor

36

2,28

in Katharinas Wohnung mit Beiters

37

3,48

bei Else Woltersheim, Gespräch mit Ludwig; Ludwig allein im Versteck

38

0,04

Insert: Samstag, 08. Februar

39

2,36

Ankunft Blornas, dessen Gespräche mit Staatsanwalt Hach, Reporter und Taxifahrer

40

5,10

Blornas Zuhause, Gespräch mit Sträubleder

41

2,49

Katharina nach dem Tod ihrer Mutter, Krankenhaus, Leichenhalle

42

0,49

Katharina fährt in den Großeinsatz der Polizei

43

2,28

Beizmenne zur Presse, Katharina im Polizeiaufgebot

44

2,27

Gespräch Blornas, Katharina im Hause der Blornas

45

0,04

Insert: Sonntag, 09. Februar

46

0,30

Aufmacher der Sonntagszeitung, Katharina wirft Zeitungsständer um

47

0,56

Katharina in der Kneipe und auf der Straße

48

0,39

Katharina holt die Pistole

49

2,55

Katharina erschießt Tötges in ihrer Wohnung

50

0,47

Verhör nach der Verhaftung

51

1,10

Katharina trifft Ludwig im Polizeikeller

52

0,47

Insert: Nachspiel

53

3,52

Beerdigung Tötges, Bölls Vorrede als Nachspann

54

0,05

Insert: Ende

Die Verfilmung der "Katharina Blum" - Gespräch mit Volker Schlöndorff.- In: Praxis Deutsch, Heft 57 (1983), S. 66

Viktor Böll: Aus dieser Vorlage hätte man aber eigentlich alles verfilmen können. Warum haben Sie es dann so linearisiert?

Volker Schlöndorff: Das Buch ist sehr filmisch geschrieben, auch mit Rückblenden und so was, nur ist das eine Filmsprache, die eigentlich seit zehn Jahren etwas überholt ist, jetzt vielleicht in der Literatur interessant ist, aber beim Film sind wir jetzt an einem Punkt, wo es uns mehr interessiert, längere, zusammenhängende Abläufe zu machen, nicht mit den filmischen Mitteln zu spielen, sondern möglichst Blöcke und Zeitabläufe zusammenzusetzen. Das muß nicht unbedingt chronologisch sein, aber in diesem Fall erschien es mir am richtigsten. Und wenn man sich dafür entschieden hat, muß man verschiedene Dinge eliminieren, zunächst mal das, was über diesen Zeitraum hinausgeht. Film ist da gewiß immer etwas begrenzt, weil wir sehr viel Wert auf die Oberfläche legen, das heißt, daß wir die Dinge zunächst einmal zeigen wollen, Architektur zeigen, Straßen zeigen, Menschen zeigen und Kostüme zeigen und nicht ideenmäßig springen und Brücken schlagen und so etwas. Die Art, wie wir jetzt filmen, ist sehr monographisch, nicht eindimensional, aber ganz bewußt beschränkt auf eine realistische Ebene. Und das ist eigentlich unliterarisch. [...]

VB: Ich habe mit Heinrich Böll auch schon über den Film gesprochen, und er sieht das auslösende Moment in der Rede, die Tötges da vor dem Mord schwingt.

VS: Sie hat sich ja eine Pistole besorgt. Ich sehe das so: Damit der Zuschauer das gefühlsmäßig nachvollziehen kann, weil das immer wieder anklingt, muß es immer wieder aufgebaut werden, und natürlich ist das dann noch mal eine Steigerung, wenn Tötges zur Türe reinkommt. Und wenn der Tötges etwas anderes gesagt hätte, sich anders verhalten hätte, dann hätte sie wahrscheinlich nicht geschossen. Da kommt ja auch die Spannung her. Wird sie es denn nun tun oder nicht, wird es ihm gelingen, sie einzuwickeln, verhält er sich so völlig anders, daß sie es jetzt auf einmal nicht mehr tun will. Der letztlich entscheidende Augenblick ist dann, wenn er vor ihr steht und sie an die Brust faßt, so daß es fast noch den Charakter einer Notwehr hat. Es ist wichtig, daß viele Schwellen eingebaut sind, sie immer wieder in Wut gerät und dann doch zurückkommt zur Vernunft und zunächst keine Gewalt anwendet. Und bis so jemand wie die Katherina abdrückt, dazu müssen eben ganz viele Schwellen überwunden sein, auch noch diese letzte.

VB: Das finde ich eigentlich auch.

VS: Diese lange Rede haben wir ja extra hineingenommen, die ist ja nicht in der Erzählung. Als wir uns die Situation vorgestellt haben, kam uns das zu kaltblütig vor, daß sie da sitzt, die Tür geht auf, Tötges kommt rein und sie ballert los.

VB: Das ist im Buch nicht so! Sie macht ihm die Türe auf, erschrickt, weil sie ihn noch unten an der Haustür vermutet, er aber schon vor der Wohnungstür steht, weicht zurück und schießt dann wie in Trance, als er sie bedrängt. Ich meine, daß da der Affekt deutlicher wird.

VS: Im Buch kann man beschreiben, was in ihr vorgeht. Das geschieht in der Erzählung indirekt, indem ihr Bericht über den Vorgang wörtlich zitiert wird. Damit man sich aber im Film als Zuschauer vorstellen kann, was geht im Augenblick in ihr vor, muß man die Situation noch einmal aufbauen. Denn während Tötges spricht, hört man ihm kaum zu, sondern jeder empfindet mit ihr. Sie ist deshalb auch ganz ausgespart, die Kamera ist genau auf ihn gerichtet, als säße der Zuschauer an der Stelle Katharinas auf dem Stuhl. Das ist ganz aus ihrer Sicht erzählt, wie er immer näher kommt und immer mehr redet.

VB: Die Kamera wechselt doch auch auf ihn, man nimmt seine Position doch auch ein.

VS: Ja, wenn er dann effektiv vor ihr steht. Aber der Gang von der Tür bis zu ihr wird ausschließlich von ihrer Position aus gezeigt. Erst dann sieht man eine kurze Reaktion von ihr aus seiner Sicht. Es war ursprünglich so gedreht, wenn Sie das interessiert, daß überhaupt nicht auf sie zurückgeschnitten wird, bis zu dem Moment, wo er vor ihr steht und sagt: "Ich schlage vor, daß wir jetzt erst mal bumsen." Dann erst wurde ihre Reaktion gezeigt. Aber das kam mir beim Schnitt zu manieriert vor, zu unnatürlich und deshalb bin ich wieder auf die banale Lösung, auf den Schnitt auf sie gekommen, weil das natürlicher wirkt. Das war deshalb auch schwierig und wirkte unnatürlich, weil, und das sind die Details, die immer interessant sind, wenn jemand angeschossen wird im Film, dann schießt man ja nicht auf ihn, sondern die Schüsse sind eingebaut in eine Weste. Das sind kleine Dynamitplättchen mit einem Blutsäckchen drauf. Diese Plättchen müssen elektrisch gezündet werden, das heißt, der Mann mußte verkabelt sein. Der mußte also an den Stromkreis angeschlossen sein und konnte aber nicht die ganze Zeit, wenn er da von draußen hereinkommt, ein Kabel nachschleppen. Der hatte dann ein Kabel mit einem Bananenstecker, der gerade unten am Hosenbein heraushing. Und erst in dem Augenblick, wo er so nahe bei ihr ist, daß die Kamera nicht mehr seine Beine sieht, konnte jemand am Boden zu ihm hinkrabbeln und die Weste an den Stromkreis anschließen. Dadurch war es möglich, das tatsächlich in einer Einstellung durchzudrehen, und trotz all dieser Mühen haben wir es nachher zerschnitten, weil wir gesagt haben, es ist doch wichtig, daß einmal ihre Reaktion dazwischenkommt. Das ist die eigentliche Filmsprache, daß man sich solche Einstellungen ausdenkt, und dann nachher am Schneidetisch wieder umschneidet und sagt, das ist schon wieder zu sehr ausgedacht, zu literarisch. [...]

VB: Ich meine auch, daß durch den doch sehr selbständig agierenden Reporter das, was im Buch im Vordergrund ist, nämlich der Apparat, der Lüding, der die Fäden in der Hand hält, in den Hintergrund gerät.

VS: Das ist eine Frage der Perspektive. So wie es aus Katharinas Sicht, der Erfahrung, die sie macht, erzählt wird, paßt die Schilderung des Apparates nicht dazu. Wenn man den Apparat wie in einem Pressefilm - das gibt es ja auch als Genre - mit einbezogen hätte, dann wäre für mich die Katharina zu kurz gekommen. Das ist hier eine Frage von Prioritäten. Will ich den Presseapparat schildern, oder will ich mehr auf die Katharina und die anderen Personen in ihrer Privatheit eingehen. Und da fand ich eben, daß die Katharina als ziemlich zeittypische Person zu schildern wichtiger war, als eine Analyse des Presseapparates zu leisten.[...]

VB: Zur Wirkung des Films. Ich habe da mit Bekannten drüber gesprochen, was Tötges anbelangt, und alle meinen eigentlich, daß er seine gerechte Strafe bekommen hat. Hatten Sie sich das so gedacht?

VS: Ich kann nicht sagen, daß man das vorhergesehen hätte. Es ist so, daß man selber betroffen war beim Drehen, von Szene zu Szene, daß das sich dann sehr stark zuspitzt auf diese Emotion. Ich meine nicht, daß das Reflektion ausschließt. wie das öfters behauptet worden ist. Für mich war die wesentlichste Reaktion der Zuschauer, die aus dem Film kamen, der Satz: Das mußte mal gesagt werden! Ich sehe das als eine Art Volksabstimmung, das macht, glaube ich, den Erfolg des Films aus. Man geht weniger da rein, weil es ein gut gemachter Film ist, sondern um zu dokumentieren, daß man sich aus der Seele gesprochen fühlt. Daß die Katharina eine positive Figur ist, die sich nicht unterkriegen läßt, daß man sich nicht unterkriegen lassen darf, daß man sich wehren muß und sich wehren kann. Die Ermutigung in dieser Richtung ist der Grund des Erfolges und nicht die Darstellung der Verfilzung von Presse und Polizei. Allerdings hat niemand von uns gedacht, daß nach soviel Jahren Pressehetze gegen die Linke und gegen Baader-Meinhof usw. in einem deutschen Kino applaudiert wird, in dem Moment, wo eine mutmaßliche Anarchistin einen Journalisten erschießt. Ich dachte immer, an dieser Stelle bleibt der Film den Leuten quer im Hals stecken.

Die Verfilmung der "Katharina Blum" -Gespräch mit Heinrich Böll am 22. 10. 1976.- In: Aus: H. B., Werke, hg. v. B. Balzer Bd. 12: Interviews 1961-1978. Köln 1979, S. 666-674

Viktor Böll: Ich möchte jetzt zu deiner Drehbuchmitarbeit kommen. Wie ging das vonstatten?

Heinrich Böll: Ja, also die Margarethe von Trotta hat ein Drehbuch verfaßt. Das habe ich mir angeguckt und habe mir Notizen dazu gemacht. Ich erinnere mich nicht mehr aller Details. Das müßte man am Drehbuch, an der ersten, zweiten und dritten Version feststellen, wie sich das im einzelnen entwickelt hat.

V B.: Speziell die Szenen, die neu sind. Die Klosterszene zum Beispiel. Hat die nur die Funktion, den Sträubleder näher zu kennzeichnen, im Film?

H. B.: Die zielt auch darauf, die Verstrickung Kirche-Arbeitgebermilieu klarzumachen.[...]

V B.: Neu ist auch der Reporter, den man bei der Arbeit sieht. Im Buch kann man nicht feststellen, ob Tötges überhaupt diese Artikel alle selber schreibt. Im Buch steht mehr der Apparat im Vordergrund, der Lüding, der bestimmt, was "reinkommt" und was nicht, während im Film mehr die Person des Reporters im Mittelpunkt steht. Ich meine, daß durch diese Personalisierung am Ende des Films, mit dem Tod Tötges, die Geschichte zu Ende ist, aber ...

H. B.: ... das Problem der Manipulation bleibt.

V B.: Im Buch bleibt es. Da taucht ja ein neuer Reporter auf, der genau wie Tötges arbeitet, auch ein neuer Fotograf.

H. B.: Ich glaube nicht, daß man das so interpretieren kann. Es ist ganz klar, daß der Apparat "Presse", so wie er im Film gezeigt wird, nicht aufhört zu existieren. Das ist ja auch die Funktion der Schlußszene. Da wird ja ganz klar gesagt, was die Presse für eine Funktion haben soll, und daß sie weiterfunktionieren muß in diesem Sinne. Ich finde, daß durch die Schlußszene, über die man streiten kann, doch klargestellt ist, daß das weitergeht.

V B.: Aber tendenziell gesehen tritt doch im Film der Apparat mehr in den Hintergrund, während in der Erzählung weniger der agierende Reporter, als das Produkt, die "Zeitung", zu sehen ist.

H. B.: Der Lüding tritt doch im Film auch auf!

V B.: Ja, aber doch nur in der Schlußszene.

H. B.: Das finde ich ausreichend. Und zur Personalisierung: Im Film wird alles personalisiert, weil es durch Personen dargestellt wird. Das ist natürlich eine große Gefahr, auch bei der Hauptfigur, auch bei Nebenfiguren, daß man auf eine Person fixiert, fixieren muß und damit das sogenannte System weniger sieht. Aber ich denke mir, daß das System trotzdem sichtbar wird. Die Zusammenarbeit von Presse und Polizei wird im Film sogar stärker dargestellt, und dieses ist ja auch ein Teil des Systems. Ein anderer Teil.[...]

V B.: Ich will noch mal auf das Verhältnis Buch zu Film kommen. Über dieses Verhältnis möchte ich einmal eine These aufstellen: Der Film geht mit der Wirklichkeit des Buches so um wie die "Zeitung" im Buch mit der Wirklichkeit der Katharina. Das wird deutlich an der Szene mit Kommissar Beizmenne bei der Wohnungsdurchsuchung. Wo im Buch reflektiert wird, ob er Katharina beleidigt haben könnte, ob das Ganze nicht eine Erfindung des Staatsanwaltes ist, wird dieser Tratsch Beizmenne eindeutig zugeschrieben, wenn man ihn zu Katharina sagen läßt: "Hat er dich denn gefickt?" Das brutalisiert den Beizmenne ja sehr stark.

H. B.: Den Vergleich Film gegenüber Buch wie "Zeitung" gegenüber Katharina halte ich nicht für gerecht. Der Film hat eine Tendenz, die mit meinem Einverständnis reingekommen ist. Treue gegenüber einem Buch ist ja etwas anderes als Wahrheitstreue gegenüber einer Story. Literatur im Vergleich mit dem daraus gemachten Film ist ja nicht vergleichbar mit dem Umgehen mit einem Menschen in einer Zeitungsreportage.

V B.: Ja, sicher, das Verhältnis bleibt aber da. Ich meine, der Film bringt Dinge als Tatsachen, die in der Erzählung halt "Tratsch" sind.

H. B.: Ja, es ist natürlich eine Gefahr, daß man einen Antikolportagefilm mit Kolportageelementen versieht.

V B.: Das wird auch in der Mordszene deutlich. Während in der Erzählung der Affekt hervortritt, Katharina erschrickt, als sie Tötges die Türe öffnet, weil sie ihn noch unten an der Haustür vermutet, er aber schon vor der Wohnungstür steht, und schießt, als er sie bedrängt, im Film sitzt sie da ...

H. B.: ... lauert sie praktisch ...

V B.: Sie ist sehr gefaßt, der Affekt ist nicht da.

H. B.: Das finde ich nicht. Jemand, der eine Pistole lädt, ist ja noch lange nicht entschlossen zu schießen. Das ist im Film doch auch durch das ganze Gequatsche provoziert, das Tötges noch von sich gibt. Ich glaube, daß das Auslösen zum Schießen erfolgt, weil sie die totale Kommerzialisierung ihres Falles erkennt. Ich weiß nicht, ob das rauskommt.[...]

V B.: Ich habe, gerade was die Mordszene anbetrifft, Freunde gefragt, wie sie den Schluß sehen, und das einzige, das dabei herauskam, war die Meinung, die ich mal sehr überspitzt wiedergeben will: gut, daß das Schwein tot ist! Ich meine, Katharinas Haß gegen Tötges, der ist ja berechtigt, und man sieht ja nicht, daß da irgendwo ihr Verhältnis zum Markt reflektiert wird. Wie sie praktisch prostituiert wird durch die „Zeitung", das sieht man, wie die "Zeitung" ihre Mitmenschen dazu ermuntert, ihr, zum Beispiel, ein Glas Bier ins Gesicht zu schütten. Der Haß, der da entsteht bei ihr, der könnte schon ausreichen als Grund, Tötges zu erschießen.

H. B.: Ich meine, reflektieren kann eine Schauspielerin in Worten schon gar nicht in einer solchen Szene. Aber - Zuschauer, ihre ganze Antipathie auf den Tötges verlegen, täuschen sich natürlich selbst. Denn der repräsentiert den Markt, auf dem sie auch leben. Man kann natürlich nicht auf dem Gesicht der Schauspielerin oder sogar in wörtlichen Reflexionen ausdrücken, daß diese Erkenntnis sie zum Schießen bringt, aber es müßte eigentlich klar sein, daß sein Verhalten, und wie er es ausdrückt, die Sache auslöst und gar nicht die persönliche Abneigung.

V B.: Wir bewegen uns jetzt ja innerhalb der Figur und schließen nicht mit ein, wie der Tötges gesehen wird. Die Lenkung, die im Film ist, die für Katharina und gegen Tötges, ich meine, die ist so stark, daß man auch berechtigt denken kann: gut, daß der tot ist.

H. B.: Ich bin mir durchaus bewußt, ich habe das auch schon von anderen gehört, daß der Applaus für den Schluß auch ein Applaus für eine Hinrichtung sein könnte. Das ist natürlich sehr gefährlich, und dieses Element sollte eigentlich durch diese Rede von Tötges verhindert werden.

V B.: Aber die Wirkungsmechanismen von Film, die kennen wir ja nicht so gut.

H. B.: Die müßte man rauskriegen.

V B.: Aber soviel kann man vielleicht sagen: Wenn man den Film so kolportagehaft aufbaut, dann kann man am Schluß nicht erwarten, daß der Zuschauer diese Kolportage übersieht und über den Markt nachdenkt. Ich meine, das ist die Gefahr, wenn man das so anlegt.

H. B.: Ja, das wäre schade, wenn das völlig verlorenginge. Schon die ganze Geschichte ist ja eine Marktgeschichte, Versorgung des Marktes mit Stoff. Es ist im Film etwas Kolportagehaft, auch wie er das Geld da so hinschmeißt, aber so wird das gemacht. Der ganze Typ, wie er sich aufführt, das beruht auf genauen Recherchen.

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