Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Die Absicht Bölls

Arbeitsanweisungen

Materialien

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I. Arbeitsanweisungen:

1. Informiert Euch über den Lebenslauf Heinrich Bölls. Stellt heraus, welche Einstellungen und Haltungen für Böll charakteristisch sind.

2. Erarbeitet anhand der Materialien, in welchem konkreten Zusammenhang die Erzählung entstanden ist. Greift dabei - wenn nötig - auf zusätzliche Informationen zurück (evtl. Gruppe „Der zeitgeschichtliche Hintergrund befragen). Beachtet dabei Bölls Aussagen zum „Fall Brückner". Welche Absicht Bölls ergibt sich aus dem Entstehungszusammenhang? Welche Aussage steht für Böll im Vordergrund und welche Wirkung will er mit seiner Erzählung erzielen?

3. Erarbeitet anhand der Interviews, welche Auffassung vom Wesen und von der Wirkung von Literatur Böll vertritt. Stimmen Eure Ergebnisse zu 2. mit Bölls Literaturauffassung überein?

4. Informiert Euch über die Merkmale der Satire.

5. Untersucht die Kp. 1, 2, 10 und 41 im Hinblick auf sprachliche Mittel der Satire. Ermittelt, welche Mißstände aufgedeckt werden sollen und welche Norm dahinter als richtig herausgestellt werden soll.

6. Erarbeitet eine Präsentation (in der Form Eurer Wahl), die Eure Ergebnisse zusammenfassend darstellt. Achtet darauf, dass Ihr Eure Aussagen mit genauen Textnachweisen belegt.

II. Materialien:

Bölls politisch-gesellschaftliches Engagement bis zum "Terrorismus-Streit".- In: Bernhard Sowinski, Die verlorene Ehre der Katharina Blum, München 1994, S. 8 ff.

Heinrich Böll hat sich immer als ein Schriftsteller verstanden, der sein literarisches Schaffen eng an bestimmte Zeitprobleme gebunden hat: Zunächst war es das Geschehen des Krieges, das er, der ihn sechs Jahre als Soldat erlebt hat, in all seinen Bitterkeiten und Härten, aber auch in manchen humanen Bewährungen in Kurzgeschichten und frühen Romanen schilderte. Die Probleme der Notzeit nach dem Krieg, die dann mehr und mehr sein Werk prägten, forderten weiterhin seinen Gerechtigkeitssinn in der Darstellung mancher Schicksale und Geschehnisse heraus. Den materialistischen und egoistischen Auswüchsen des „Wirtschaftswunders", wie auch dem verstärkten Einfluß einstiger Nazis. antwortete er in zunehmendem Maße mit Stilmitteln der Satire. Ein ernsthaftes politisches Problem stellte für ihn die Remilitarisierung der Bundesrepublik in der Mitte der 50er Jahre dar, der er ebenfalls in satirischen Texten begegnete (vgl. H,. B.. Hauptstädtisches Journal) Bölls zunehmend kritische Haltung gegenüber Regierung und Gesellschaft der Bundesrepublik spiegelt sich in den 60er Jahren in zahlreichen Reden und Schriften. Besonders die Bildung einer großen Koalition zwischen CDU/CSU und SPD und einer gemeinsamen Regierung unter Kurt Georg Kiesinger als Bundeskanzler, der NSDAP-Mitglied seit 1933 war, und Willy Brandt als Vizekanzler und Außenminister und ihr gemeinsames Eintreten für eine Verfassungsänderung zur Durchsetzung von Notstandsgesetzen verurteilte er scharf als "absolute politische Promiscuität". Kiesinger sei eine "Zumutung" (Reid, S. 188). Schon 1965 hatte er übertreibend gemeint: "Die CDU hat in diesem Lande das Christentum, die SPD hat den Sozialismus zerstört." (Reid, S. 187) Als Kiesinger im November 1968 von der Journalistin Beate Klarsfeld öffentlich geohrfeigt wurde, schickte Böll ihr zur Anerkennung Blumen, worauf selbst Günter Grass dies verurteilte, weil es der Gewalt Vorschub leisten könnte (Reid, S. 188). Böll schloß sich damals auch der außerparlamentarischen Opposition (APO) und der großen Protestbewegung gegen die Notstandsgesetze an und war dann einer der Redner auf der Kundgebung im Mai 1968 in Bonn.

Schon 1967 wurde Böll durch die politische Entwicklung zu weiteren Stellungnahmen und Aktionen herausgefordert. Die studentischen Unruhen, besonders in Berlin, eskalierten, nachdem am 2. 6. 1967 der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien in Berlin durch einen Polizisten erschossen worden war. Gegen die studentischen Protestaktionen und Reformforderungen, die nun zunahmen, hetzten besonders die Zeitungen des Springer-Konzerns, während sich Böll auf die Seite der Studenten stellte, indem er um Verständnis für ihre Proteste warb. Im Oktober schloß sich Böll einem Boykott von 105 Mitgliedern der Autorenvereinigung „Gruppe 47" gegen die Springer-Presse an. Springers Zeitungen, besonders die Bild-Zeitung, richteten sich aber weiter gegen studentische Aktionen und ihre Wortführer, von denen Rudi Dutschke die größte Autorität und Redefertigkeit besaß. Ein Hauptpunkt studentischer Diskussionen war das Problem der Gewaltanwendung als Mittel des Protestes und zur Erreichung einer gerechten Sozialordnung, und zwar zunächst als Gewalt gegen Sachen, dann auch gegen Menschen. Bereits die große Demonstration gegen den Vietnamkrieg im Februar 1968 führte zu Ausschreitungen einzelner Gruppen.

Gewaltanwendung gegen Sachen und Menschen zur Erreichung radikaler Ziele wurde vor allem von einer Stadtguerillagruppe propagiert und eingesetzt, die sich später RAF = „Rote Armee-Fraktion" nannte und als „Baader-Meinhof-Gruppe" bekannter wurde, weil die einstige engagierte Journalistin Ulrike Meinhof und der von ihr 1970 aus dem Gefängnis mit Waffengewalt befreite Andreas Baader zu den Anführern dieser Gruppe zählten. Im April 1968 probte diese Gruppe ihre Taktik durch Brandstiftung in einem Frankfurter Kaufhaus. Die inzwischen gesteigerte publizistische Gegenkampagne der Springer-Zeitungen führte zur wenig differenzierenden Feindseligkeit in der Bevölkerung gegen alle demonstrierenden Studenten.

Aus Haß schoß am 11.4.1968 ein Arbeiter auf Rudi Dutschke und verletzte ihn lebensgefährlich. Die nun erneut einsetzenden Studentendemonstrationen zogen sich tagelang hin. Am 13. April forderte Heinrich Böll zusammen mit dreizehn anderen Autoren, zumeist Professoren (Adorno, Jens, Golo Mann, Mitscherlich u. a.), die Beachtung der Forderungen gewaltloser Studenten und eine öffentliche Diskussion über die Springer-Presse. Bölls politisches Engagement nahm in der Folgezeit mehr und mehr zu. Dem Protest gegen die Notstandsgesetze 1968 folgten sein Eintreten für die SPD im Wahlkampf 1969, vor allem aber 1972, Reisen in die Sowjetunion und in die Tschechoslowakei (einen Tag vor dem sowjetischen Einmarsch) sowie Tätigkeiten für das deutsche PEN-Zentrum

(dessen Präsident er 1970-72 war) und für den Deutschen Schriftstellerverband, den er mitbegründete, sowie für den internationalen PEN, als dessen Präsident (1972-74) er sich für die russischen Dissidenten einsetzte. Die Verleihung des Nobelpreises für Literatur im November 1972, ein Jahr nach dem erfolgreichen Roman Gruppenbild mit Dame, schwächte die journalistischen Angriffe gegen Böll kaum ab, stärkte allerdings sein Ansehen, vor allem auch im Ausland, so daß er nun mit einem größeren Prestige seinen Standpunkt öffentlich verkünden konnte.

Als am 23. 12. 1971 nach einem Banküberfall von Unbekannten in Kaiserslautern, bei dem ein Zivilist erschossen worden war, die Bild-Zeitung schrieb "Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter!" (ohne irgendwelche Indizien für diese Behauptung zu besitzen), antwortete darauf Böll mit einem Artikel im "Spiegel" mit der Überschrift: "Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?" (der Titel stammte nicht von Böll), erreichte die Kontroverse zwischen Böll und den Springer-Zeitungen einen neuen Höhepunkt.

"Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?"

Schriftsteller Heinrich Böll über die Baader-Meinhof-Gruppe und "Bild".- In: Der Spiegel, Nr. 3/1972, S. 54-57

Wo die Polizeibehörden ermitteln, vermuten, kombinieren, ist "Bild" schon bedeutend weiter: "Bild" weiß. Dicke Überschriften auf der Titelseite der (Kölner) Ausgabe vom 23.12. 71: "Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter".

Im wesentlich kleiner gedruckten Bericht über den Kaiserslauterer Bankraub liest man dann von vier maskierten Gangstern, unter denen "vermutlich" eine Frau war; im Verdacht, so liest man weiter, stehe "unter anderem" die Gruppe um Ulrike Meinhof. Indizien: Informationen der Polizei über den Aufenthalt der Gruppe, ein roter Alfa Romeo, beim Überfall benutzt, Tage vorher in Stuttgart gestohlen, schon einmal bei einer Fahndung nach der Gruppe beobachtet; weitere Indizien: die "brutale Art" des Überfalls und die "generalstabsmäßige Planung".

Nun sind Banküberfälle meistens brutal, auch wenn die Verdächtigen nicht der Gruppe um Ulrike Meinhof angehören. Und gerade durch generalstabmäßige Planung des Überfalls werden meistens Opfer vermieden.

Immerhin wird dann Herr Rauber der Chef der Kaiserslauterer Kriminalpolizei, zitiert: "Wir haben zwar noch keine konkreten Anhaltspunkte, daß die Baader-Meinhof-Bande für den Überfall verantwortlich ist. Aber wir ermitteln selbstverständlich in dieser Richtung." Das klingt schon anders; nüchtern, sachlich, angesichts der Indizien plausibel, legitim, wenn man es schon als legitim ansieht, daß Polizeibeamte für monatlich 1373 Mark ihr Leben riskieren, unter anderem, um Banktresore zu schützen. Ein riskanter, schlechtbezahlter Beruf.

Im Manifest der Gruppe, nach dem Untertauchen erst hektrographiert, inzwischen im Wagenbach Rotbuch 26 (Alex Schubert: Stadtguerillas) erschienen, ist über dieses Problem zu lesen: "Am 14. Mai (1970 bei der Befreiung Baaders in Berlin) ebenso wie in Frankfurt, wo zwei von uns abgehauen sind, weil wir uns nicht einfach verhaften lassen wollten, haben die Bullen zuerst geschossen. Die Bullen haben jedesmal gezielte Schüsse abgegeben. Wir haben z. T. überhaupt nicht geschossen, und wenn, dann nicht gezielt: in Berlin, in Nürnberg, in Frankfurt. Das ist nachweisbar, weil es wahr ist."

"Wir machen nicht ,rücksichtslos von der Schußwaffe Gebrauch. Der Bulle, der sich in dem Widerspruch zwischen sich als „kleinem Mann" und als Kapitalistenknecht, als kleinem Gehaltsempfänger und Vollzugsbeamten des Monopolkapitals befindet, befindet sich nicht in Befehlsnotstand. Wir schießen, wenn auf uns geschossen wird. Den Bullen, der uns laufen läßt, lassen wir auch laufen."

Hebt man die Kränkung, die in der Bezeichnung "Bulle" liegt, gegen das Wort "Bande" auf, zieht man von den zahlreichen vermuteten die bisher nachgewiesenen Taten ab und vergleicht man diese Passage mit dem wilden Schluß des Manifestes DEN BEWAFFNETEN KAMPF UNTERSTÜTZEN. SIEG IM VOLKSKRIEG, so klingt das nicht ganz so wahnwitzig wild und schießlustig, wie die Gruppe bisher dargestellt worden ist. Ergänzt man die oben zitierte Passage durch eine andere, die sich mit der lebensgefährlichen Verletzung des Angestellten Georg Linke auseinandersetzt, so entsteht auch nicht gerade der Eindruck einer uneingeschränkten Ballerideologie: "Die Frage, ob die Gefangenenbefreiung auch dann gemacht worden wäre, wenn wir gewußt hätten, daß ein Linke dabei angeschossen wird -sie ist uns oft genug gestellt worden -, kann nur mit Nein beantwortet werden. [...]

Es ist eine Kriegserklärung von verzweifelten Theoretikern, von inzwischen Verfolgten und Denunzierten, die in die Enge getrieben worden sind und deren Theorien weitaus gewalttätiger klingen, als ihre Praxis ist. Gewiß war die Befreiung Baaders eben doch nicht der so ganz überzeugende (weder für Beobachter noch für Mitwirkende überzeugende) Sprung von der Theorie in die Aktion. Das Manifest enthält unter anderem auch fast so etwas wie ein Geständnis: "Weder das bißchen Geld, das wir geklaut haben sollen, noch die paar Auto- und Dokumentendiebstähle, derentwegen gegen uns ermittelt wird, auch nicht der Mordversuch, rechtfertigen für sich den Tanz."

Es kann kein Zweifel bestehen: Ulrike Meinhof hat dieser Gesellschaft den Krieg erklärt, sie weiß, was sie tut und getan hat, aber wer könnte ihr sagen, was sie jetzt tun sollte? Soll sie sich wirklich stellen, mit der Aussicht, als die klassische rote Hexe in den Siedetopf der Demagogie zu geraten? [...]

Ich kann nicht annehmen, daß Polizeibehörden und zuständige Minister über Helfershelfer wie "Bild" glücklich sein können - oder sollten sie's doch sein? Ich kann nicht begreifen, daß irgendein Politiker einem solchen Blatt noch ein Interview gibt. Das ist nicht mehr kryptofaschistisch, nicht mehr faschistoid, das ist nackter Faschismus, Verhetzung, Lüge, Dreck.

Diese Form der Demagogie wäre nicht einmal gerechtfertigt, wenn sich die Vermutungen der Kaiserslauterer Polizei als zutreffend herausstellen sollen. In jeder Erscheinungsform von Rechtsstaat hat jeder Verdächtige ein Recht, daß, wenn man schon einen bloßen Verdacht publizieren darf, betont wird, daß er nur verdächtigt wird.

Die Überschrift "Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter" ist eine Aufforderung zur Lynchjustiz. Millionen, für die "Bild" die einzige Informationsquelle ist, werden auf diese Weise mit verfälschten Informationen versorgt. Man hat ja wohl genug von den Verdächtigten oder nur verdächtig Aussehenden des Herrn XY Zimmermann gehört. Die Bezeichnung Rechtsstaat wird fragwürdig, wenn man die gesamte Öffentlichkeit mit ihren zumindest unkontrollierbaren Instinkten in die Exekutive einbezieht; wenn man die Qualität des Rechts der Quantität von Erfolg und Popularität opfert. Die nach Indizien zurechtdramatisierten Spielfilmrekonstruktionen, die Herr Zimmermann als Illustration zeigt, sind doch nichts weiter als miese Grusicals für den Spießer, der in Pantoffeln dasitzt, Bier trinkt und glaubt, er würde zum Augenzeugen, wo er doch nur einer undurchsichtigen Mischung von fact und fiction zuschaut, gelegentlich solchen, in denen Leichenteile die Hauptrolle spielen. Wie wär's, wenn Herr XY Zimmermann einen der immer noch gesuchten Naziverbrecher in der heiligen Krimistunde suchen ließe? Nur als Probe, um zu testen, wie's deutsche Krimigemüt drauf reagieren würde?

Die Bundesrepublik Deutschland hat 60000000 Einwohner. Die Gruppe um Ulrike Meinhof mag zur Zeit ihrer größten Ausdehnung 30 Mitglieder gehabt haben. Das war ein Verhältnis von 1:2 000 000. Nimmt man an, daß die Gruppe inzwischen auf 6 Mitglieder geschrumpft ist, wird da Verhältnis noch gespenstischer. 1:10 000 000.

Das ist tatsächlich eine äußerst bedrohliche Situation für die Bundesrepublik Deutschland. Es ist Zeit den nationalen Notstand auszurufen. Den Notstand des öffentlichen Bewußtseins, der durch Publikationen wie "Bild" permanent gesteigert wird.

Was richtet eine Überschrift wie die zitierte an? Wer zieht "Bild" zur Rechenschaft, wenn die Vermutungen der Polizei sich als unzutreffend herausstellen? Wird "Bild" dementieren, sich korrigieren, oder wird Herr Springer sich an der Bildspalte 5 trösten, die die Überschrift trägt: "Soviel Liebe auf einmal." Dort werden die weihnachtlichen Spenden publiziert. Gott segne das ehrbare Handwerk. Ich hoffe, die Gräten im Weihnachtskarpfen waren nicht zu weich und haben sich tatsächlich quergelegt. [...]

Für einen so abscheulichen Satrapen wie Baldur von Schirach, der einige Millionen junger Deutscher in

die verschiedensten Todesarten trieb und zu verschiedensten Mordtaten ermutigte, sogar für ihn gab es Gnade. Ulrike Meinhof muß damit rechnen, sich einer totalen Gnadenlosigkeit ausgeliefert zu sehen. Baldur von Schirach hat nicht so lange gesessen, wie Ulrike Meinhof sitzen müßte. Haben die Polizeibeamten, Juristen, Publizisten je bedacht, daß alle Mitglieder der Gruppe um Ulrike Meinhof, alle, praktische Sozialarbeit getan haben und Einblick in die Verhältnisse genommen, die möglicherweise zu dieser Kriegserklärung geführt haben? Schließlich gibt es das Rotbuch 24 des Wagenbach Verlages, Titel: "Bambule". Verfasserin: Ulrike Meinhof. Lesenswert, aufschlußreich - als Film immer noch nicht gesendet. [...]

Ulrike Meinhof und der Rest ihrer Gruppe haben keinerlei Chance, irgend jemand politisch opportun zu erscheinen. Äußerste Linke, „äußerste Rechte, linke und rechte Mitte, Konservative und Progressive aller Schattierungen, sie alle kennen keine Parteien mehr, sie sind dann nur noch Deutsche und sich einig, einig, wenn sie endlich in ihre deutsche Schwatzgemütlichkeit zurückfallen, sich ungestört ihrem Fraktionschinesisch ergeben können, wenn geschehen sollte, was nicht geschehen darf; wenn man eines Tages lesen würde, daß auch Ulrike Meinhof, später Grashof, dann Baader und Gudrun Ennslin als "erledigt" zu betrachten sind. Erledigt wie Petra Schelm, Georg von Rauch und der Polizeibeamte Norbert Schmid. Erledigt, vom Tisch. [...] Muß es so kommen? Will Ulrike Meinhof, daß es so kommt? Will sie Gnade oder wenigstens freies Geleit? Selbst wenn sie keines von beiden will, einer muß es ihr anbieten. Dieser Prozeß muß stattfinden, er muß der lebendigen Ulrike Meinhof gemacht werden, in Gegenwart der Weltöffentlichkeit. Sonst ist nicht nur sie und der Rest ihrer Gruppe verloren, es wird auch weiter stinken in der deutschen Publizistik, es wird weiter stinken in der deutschen Rechtsgeschichte. Haben alle, die einmal verfolgt waren, von denen einige im Parlament sitzen, der eine oder andere in der Regierung, haben sie alle vergessen was es bedeutet, verfolgt und gehetzt zu sein. Wer von ihnen weiß schon, was es bedeutet, in. einem Rechtsstaat gehetzt zu werden von "Bild", das eine weitaus höhere Auflage hat als der "Stürmer" sie gehabt hat?

Waren nicht auch sie, die ehemals Verfolgten, einmal erklärte Gegner eines Systems, und haben sie vergessen, was sich hinter dem reizenden Terminus "auf der Flucht erschossen" verbarg? Wollen sie in dieser überreizten Situation, in dieser gegenseitigen Verhetzung, die Entscheidung ganz allein den Polizeibeamten überlassen, die verstört und überarbeitet sind und - hier mag's angebracht sein - auf eine psychologisch gefährliche Weise frustriert?

Weiß keiner mehr, was es bedeutet, einer gnadenlosen Gesellschaft gegenüberzustehen? Wollen die ehemals Verfolgten die verschiedenen Qualitäten des Verfolgtseins gegeneinander ausspielen und ernsthaft die Termini "kriminell" und "politisch" in absoluter Reinheit voneinander scheiden, einer Gruppe gegenüber, die ihre Erfahrungen unter Asozialen und Kriminellen gesammelt hat, und auf dem Hintergrund einer Rechtsgeschichte, wo das Stehlen einer Mohrrübe schon als kriminell galt, wenn ein Pole, Russe oder Jude sie stahl? Das wäre weit unter einem Denkniveau, wie es unter verantwortlichen Politikern üblich sein sollte.

Ulrike Meinhof will möglicherweise keine Gnade, wahrscheinlich erwartet sie von dieser Gesellschaft kein Recht. Trotzdem sollte man ihr freies Geleit bieten, einen öffentlichen Prozeß, und man sollte auch Herrn Springer öffentlich den Prozeß machen, wegen Volksverhetzung.

Die Bundesrepublik hat mehr als 60 000 000 Einwohner, die Gruppe um Ulrike Meinhof wahrscheinlich inzwischen sechs Mitglieder. Die Auflage von "Bild" liegt wohl um die 4000000, Die Zahl der Leser wahrscheinlich um die 10000000. Die Weihnachtsbotschaft von Herrn Springer lautet: "Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter." Mordet. Weiter. Fröhliche Weihnachten gehabt zu haben und ein glückseliges Neues Jahr. Harte Gräten, zähe Karpfen. Soviel Liebe auf einmal wie Herr Springer sie uns bietet, ist schwer zu ertragen, besonders in einem Rechtsstaat.

Jürgen P. Wallmann: Der Schuss auf den Revolverjournalisten (Auszug).- In: Badische Zeitung, 10./11. 8. 1974

Man erinnere sich: Im Dezember 1971 hatte Heinrich Böll, zunehmend beunruhigt über eine in Hysterie umschlagende Pressekampagne in der Springer-Presse, vornehmlich in der „Bild-Zeitung", gegen wirkliche oder angebliche Mitglieder und Sympathisanten der Baader-Meinhof-Gruppe, im „Spiegel" einen Artikel veröffentlicht. In ihm bat Böll keineswegs um Sympathie für den kleinen Haufen verwilderter Anarchisten, er forderte nur Fairness und Gnade und wies darauf hin, dass die von einem Teil der Presse entfesselten Emotionen in Pogromstimmung umschlugen und zu Treibjagd und Lynchjustiz zu werden begannen. Doch seine Warnung vor der Menschenjäger-Mentalität, seine Bitte um Gerechtigkeit wurde weithin nicht verstanden, wurde missverstanden oder bewusst falsch gedeutet. Und nachdem die „Bild-Zeitung" einen Tag nach dem Erscheinen des Artikels das Startsignal gegeben, von Bölls Stellungnahme in bewusster Fehldeutung als von einem „Plädoyer für Gewalttäter" geschrieben und die Sprache des Schriftstellers mit der des SED-Propagandisten Karl-Eduard von Schnitzler und des Nazi-Propagandaministers Josef Goebbels auf eine Stufe gestellt hatte, da wurde Böll selbst zum Opfer einer konzentrierten Hetze. Monatelang übergoss man ihn mit Hohn und Schmähungen, die Infamie feierte tagtäglich neue Triumphe. Und die Tageszeitung „Die Welt" hielt es offenbar noch für eine witzige Pointe, als sie am 11. Februar 1972 melden konnte, ein Düsseldorfer Rentner werde neuerdings in zahlreichen anonymen Telefonanrufen und Briefen als „roter Hund" und „politischer Halunke" beschimpft – ein 73-jähriger Mann, der zufällig, wie der berühmte Schriftsteller, Heinrich Böll heißt.

Heinrich Böll, den die Kampagne – bei der er sich auch selbst gelegentlich ungeschickt verhalten hatte – ziemlich unvermittelt getroffen und arg strapaziert, ja erschreckt und verstört hatte, wurde am 9. Februar 1972 in einem Interview mit der Zürcher „Weltwoche" von Markus M. Ronner gefragt, ob er seinen Vorstoß im „Spiegel" als „Kampfansage gegen den Großverleger Axel Springer verstanden habe", was Böll bejahte, und der Interviewer stellte die Frage: „Werden die Vorgänge der vergangenen Wochen eines Tages in einem Roman ihren Niederschlag finden?" Dazu Böll: „Nein. Allerdings könnte es sein, dass das eine oder andere in verwandelter Form zur Rache verwendet wird. Auch ein Schriftsteller möchte sich gelegentlich mal rächen."

Rolf Michaelis: Der gute Mensch von Gemmelsbroich (Auszug).- In: Die Zeit, 2.8.1974

Dies ist die Geschichte einer Empörung in doppeltem Sinn. Ein sanfter Mensch, der einzige Erzähler deutscher Sprache, auf den das Wort zutrifft, mit dem seine Titelgestalt Katharina Blum ihre Freunde kennzeichnet: gütig („Im Protokoll stand ,nett zu mir‘‘, die Blum bestand auf dem Wort gütig, und als ihr statt dessen gar das Wort gutmütig vorgeschlagen wurde, weil gütig so altmodisch klinge, war sie empört") – Böll schlägt hier um sich. In die Enge getrieben von einer bestimmten Art deutscher Presse, der man zu viel Ehre antut, wenn man ihr den schmucken Vornamen Boulevard lässt, spitzt Böll die satirische Feder. In dem Augenblick, da er nicht mehr als PEN-Präsident diplomatisch Zurückhaltung üben muss, veröffentlicht er, was ihn seit den Verfolgungen – es gibt kein höflicheres Wort – der „Springer-Presse" vor zwei Jahren bedrückt. Was seiner Katharina widerfährt, ist im Dezember 1971 der Baader-Meinhof-Gruppe passiert: ohne schlüssigen Beweis und ohne Gerichtsurteil von der Sensationspresse verurteilt zu werden. Nach einem Bankraub in Kaiserslautern, bei dem ein Polizist erschossen wurde, war „Bild" mit einem Voraburteil in der Schlagzeile sofort zur Hand: „Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter". Gegen diesen in einem Rechtsstaat unzulässigen, später vom Deutschen Presserat auch gerügten Schuldspruch schrieb Böll am 10. Januar 1972 im „Spiegel" seinen berühmt gewordenen Artikel: „Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?" Die danach einsetzende Kampagne der „Springer-Presse" – bis hin zu den Unterstellungen, der PEN-Präsident Böll schweige zu den Verfolgungen sowjetischer Regimekritiker, und den hämischen Artikeln zur Verleihung des Nobelpreises im Herbst 1972 – hat Böll so verstört, dass er nicht nur spontan als Polemiker, sondern mit der notwendigen Phasenverschiebung jetzt auch als Erzähler antwortet. Wie bei keinem anderen seiner epischen Werke ist der (auch) biografische Anlass so genau zu orten. Böll setzt sich – stellvertretend für den Leser – zur Wehr gegen unlautere Formen journalistischer Berichterstattung durch Entstellung, durch Verschweigen.

Helmut M. Braem: Im Zorn erzählt – und wie mit der Faust geschrieben (Auszug)

Wie war das doch damals, im Winter 1972? Das Magazin „Der Spiegel" hatte in seiner Ausgabe vom 10. Januar einen Beitrag von Heinrich Böll veröffentlicht, in dem es um die Berichterstattung der „Bild-Zeitung" über die Baader-Meinhof-Gruppe ging. Da Böll bei seinen Attacken auf die Panikmacher mit Schlagworten nicht kleinlich und bei seinen Vorwürfen, es werde mittelbar zur Lynchjustiz aufgefordert, wiederum terminologisch großzügig war, griffen jene, die sich provoziert fühlten, zu ihrem Wortschlagzeug und hauten übel auf ihn ein. Die so genannte Springer-Presse veranstaltete ein Kesseltreiben, Löwenthal erklärte im Fernsehen, die „Bölls" seien gefährlicher als die Wegbereiter des Nazismus, Frank-Planiz redete den Bildschirmbetrachtern ein, Böll sei ein „Salonanarchist", in „Christ und Welt" sprach Krämer-Badoni im Zusammenhang mit Böll von „diesen Gewaltburschen". Der übel verleumdete Schriftsteller war außer sich geraten, und nun gerieten die Herausgeforderten außer sich. Kalter Krieg im Januar 1972.

Rudolf Krämer-Badoni: Berrigan und Genossen (Auszug)

„Der Prozess gegen den amerikanischen Jesuitenpater Berrigan und Genossen, als Dokumentaraufzeichnung kürzlich im Fernsehen gesendet, hat der Öffentlichkeit zum ersten Mal Katholiken gezeigt, die bewusst als Katholiken die Gewaltanwendung aus sozialen Gründen für geboten erachten [...]. Symptomatisch ist auch der Artikel, den Heinrich Böll vor vierzehn Tagen im „Spiegel‘‘ veröffentlicht hat. Der dezidierte Katholik zeigt großes Verständnis für die „Kriegserklärung‘‘ der Meinhof an „diese‘‘ Gesellschaft, da die Meinhof und ihre Leute vorher „praktische Sozialarbeit getan und Einblick in die Verhältnisse genommen haben, die möglicherweise zu dieser Kriegserklärung führten‘‘. Auch spricht er von legitimer Aufklärungsarbeit der Polizei nach Bankraub, aber nur, „wenn man es schon für legitim ansieht, dass Polizisten für 1373 DM monatlich ihr Leben riskieren, unter anderem, um Banktresore zu schützen.‘‘ Und wo die Meinhof großzügig erklärt, „den Bullen, der uns laufen lässt, lassen wir auch laufen‘‘, da empfiehlt Böll dem „Herrn Kuhlmann‘‘ von der Polizeigewerkschaft, seinen Kollegen dieses Manifest zu lesen zu geben; dann werden sie erkennen, dass die Meinhof Krieg führt „eindeutig gegen das System, nicht gegen seine ausführenden Organe‘‘. Gegen das System der Bundesrepublik also darf man den heißen Krieg erklären, da werden die Polizisten nach Lektüre in die Zuschauerreihen zurücktreten. Böll wirbt um Verständnis für die Meinhof, dabei aber nähert er selbst sich der Legitimierung von Gewaltanwendung."

„Und was ich damit darstellen wollte, ist eigentlich das, was im Zusammenhang mit der Baader-Meinhof-Auseinandersetzung die schreckliche Rolle des Professor Brückner war, eines Menschen, der in Berührung gekommen ist mit den Baader-Meinhof-Leuten, der sie beherbergt hat, der eigentlich etwas Selbstverständliches getan hat, und auf eine Weise zerstört worden ist in seiner psychischen Situation [...] da kommt der Einstieg in diese Problematik: Nicht direkt die Gruppe, sondern alle die Leute, die fast wie Aussätzige behandelt worden sind."
Aus: Dieter Zilligen, Interview mit Heinrich Böll.- In: Bücherjournal, NDR III, 19.10.1974, 20,15-21,00 Uhr

Heinrich Böll/Markus Ronner, "Man kann nicht sehr weit gehen..."

Interview mit Markus M. Ronner ("Die Weltwoche", Zürich) am 9.2.1972

MARKUS M. RONNER: Herr Böll, Sie haben in den vergangenen Wochen auf journalistischem Gebiet ausgesprochen schlechte Erfahrungen gemacht. Warum gewähren Sie der Weltwoche dieses Interview?

HEINRICH BÖLL: Weil ich froh bin über die Gelegenheit, die Hintergründe und die Genese dieser Geschichte in einem neutralen Blatt eines neutralen Landes zu klären, das - welche Fehler es auch haben mag - nichts mit der deutschen Rechtsvergangenheit zu tun hat. Ich werde in dieser Angelegenheit keinem einzigen deutschen Blatt mehr Rede und Antwort stehen.

M. R.: Sie haben einmal erklärt, man müsse zu weit gehen, um herauszufinden, wie weit man gehen könne. Inwiefern sind Sie in Ihrem Spiegel-Artikel zu weit gegangen?

H. B.: Ich weiß gar nicht, ob ich da wirklich zu weit gegangen bin. Das Zitat, auf das Sie anspielen, stammt aus einer Rede vom Jahre 1966, in der ich darauf hingewiesen hatte, daß jeder in jeder Gesellschaft über bestehende Grenzen hinausgehen müsse, um herauszufinden, wann auf ihn geschossen wird.

M. R.: Mit der Pistole oder verbal?

H. B.: Sowohl als auch. Es gibt übrigens, wie ich später erfuhr, ein ähnliches Zitat von Proust, das ungefähr so lautet: "Wir dürfen uns nicht davor fürchten, zu weit zu gehen, denn die Wahrheit liegt jenseits."

M. R.: Also sind Sie doch zu weit gegangen?

H. B.: Vielleicht. Und, wie es scheint, deshalb zu weit, weil ich in einer gnadenlosen Gesellschaft um Gnade gebeten habe. Denn das war ja eigentlich der Hintergrund meines Artikels. Und was mich erstaunt und erschreckt, ist ja gar nicht die Kritik als solche, sondern die Tatsache, daß eine Gesellschaft, eine Kultur, die sich christlich nennt, diese Dimension der Sache noch nicht begriffen hat.

M. R.: Vielleicht besteht ein Teil Ihres Zuweit-Gehens für manche Leute schon darin, daß Sie Dinge, die für Sie als selbstverständlich gelten, nicht zu sagen pflegen; daß Sie es vielmehr gewohnt sind, Dinge zu sagen, über die man schon ein bißchen nachdenken muß. [...]

H. B.: Nein. Ich habe lediglich meine persönliche Erfahrung gemacht.

M. R.: Und das wäre?

H. B.: Ich weiß jetzt, woran ich bin. Ich weiß, daß man als Liberaler wenig differenzierte Verbündete hat, während die andern, nennen wir sie die Rechten, sich undifferenziert miteinander verbünden. Das ist das Erschreckende.

M. R.: Aber möchten Sie es, was die Liberalen betrifft, anders haben?

H. B.: Nein, denn eine Voraussetzung für die Humanisierung der Welt ist es ja gerade, daß sich Intellektuelle nicht kritiklos- miteinander verbünden. Gleichwohl hätte ich in meiner Sache mehr Solidarität, mehr Unterstützung von liberalen und sogar von konservativen Leuten erwartet.

M. R.: Würden Sie ein andernmal wieder einen Artikel in der Art Ihres Spiegel-Aufsatzes schreiben?

H. B.: Ja, wenn auch etwas weniger literarisch.

M. R.: Aber Sie sind Schriftsteller. Wollten Sie denn unter Ihr sprachliches Niveau gehen?

H. B.: Nein, das könnte ich nicht. Das hielte ich für Herablassung.

M. R.: Sollte sich demnach ein Schriftsteller vielleicht überhaupt nicht journalistisch betätigen?

H. B.: Wo ist die Grenze? Ist denn das, was ich getan habe, für Sie eine journalistische Betätigung?

M. R.: Was den Spiegel-Artikel betrifft: zweifellos.

H. B.: Ja, vielleicht stimmt das. Aber wie soll ich's machen? Wenn ich mich aufrege oder wenn ich mich in einer bestimmten Sache engagieren will, ist es ja sinnlos, das in einer kleinen literarischen Zeitschrift mit geringer Auflage zu tun. Damit ist es wieder versteckt

im Literaturbetrieb; und gerade das wollte ich nicht. Deshalb muß ich die Zeitung gelegentlich als Instrument benützen können.

M. R.: Ist ein Dichter, wenn er solches tut, wenn er also nicht dichtet, sondern sozusagen Alltagsprosa schreibt, ein normaler Bürger, oder ist er mehr als das?

H. B.: Er ist überhaupt ein normaler Bürger, auch wenn er dichtet.

M. R.: Ist Dichten denn nicht eine elitäre Tätigkeit?

H. B.: Nein, ich halte das Dichten für eine demokratische Tätigkeit.

M. R.: Aber ein Dichter wie Heinrich Böll besitzt Macht, mehr Macht als ein gewöhnlicher Bürger. Und man hat ihm vorgeworfen, diese Macht nicht verantwortungsvoll auszuüben.

H. B.: Ich habe mir diese Macht nicht zugesprochen. Und ich gebe zu, daß ich mir ihrer auch nicht immer bewußt bin. Und wenn ich jetzt spüre, wie gern man bereit ist, sie mir zu nehmen, bin ich froh darüber. Es ist gut, daß das Denkmal zerstört wird.

M. R.: Haben Sie sich deshalb geweigert, weiterhin als deutscher Kulturexport herhalten zu müssen?

H. B.: Ja, ich habe es zwar getan, aber ich nehme das wieder zurück, weil es für Willy Brandt, Walter Scheel und andere Politiker, die ich im Augenblick für wichtig halte, kränkend sein könnte. Und das will ich nicht. ...

M. R.: Ich habe Ihren Vorstoß im Spiegel - fast möchte ich sagen abstrahiert von der Baader-Meinhof-Gruppe - als Kampfansage an Großverleger Axel Springer verstanden, an jenen Mann somit, der mittels einzelner seiner Pressepublikationen in den vergangenen Jahren den Löwenanteil an der Volksverdummung in seinem Lande für sich beanspruchen darf.

H. B.: Ja, der Anlaß ist eine Kampagne gegen die Springer-Presse; Und das war vielleicht mein Fehler, daß ich so etwas als einzelner gewagt habe, ohne mich vorher nach Verbündeten umzusehen. ...

M. R.: Sie haben die ehedem Verfolgten in diesem Land mit den Verfolgten Baader und Meinhof verglichen. Stehen Sie auch heute noch zu diesem Vergleich?

H. B.: Ja, ich stehe dazu. Ein Verfolgter ist ein Verfolgter, ob gut oder schlecht. Der Zustand der Verfolgtheit ist existentieller, nicht moralischer Art.

M. R.: Damit aber stellt sich sogleich die Frage, ob ich einen Verfolgten, der ein Mörder ist, der Polizei übergeben soll oder nicht.

H. B.: Ja. Und ich frage Sie: Hört jemand auf, mein Freund zu sein, wenn sich herausstellt, daß er ein Verbrecher ist?

M. R.: Frau Meinhof ist nicht Ihre Freundin. Sie wird möglicherweise über Sie lachen.

H. B.: Soll sie sich über mich totlachen! Das ist mir egal. Aus ihrer marxistisch fundierten Denkweise heraus kennt sie den Begriff Gnade ja gar nicht.

M. R.: Kennt denn die heutige Gesellschaft ganz allgemein den Begriff der Gnade überhaupt noch?

H. B.: Ich glaube, daß man sie wieder darauf aufmerksam machen muß. Der Zustand der Gnadenlosigkeit wäre allerdings dann erreicht, wenn es innerhalb der demokratischen Gesellschaft keinen Widerstand mehr gäbe. Den muß es also geben, und zwar nicht nur auf dem Wege der Ochsentour, daß man also in eine Partei geht, sich hochdient und's besser macht; es muß auch eine intellektuelle und radikale Konfrontation geben. [...]

Heinrich Böll/Rene Wintzen, Eine deutsche Erinnerung

Interview mit Rene Wintzen, Oktober 1976

RENE WINTZEN: Seit 1946 haben drei Schriftsteller deutscher Sprache den Nobelpreis für Literatur erhalten. 1946, gleich nach dem Krieg, war es Hermann Hesse, 1966 Nelly Sachs und 1972 schließlich wurden Sie, Heinrich Böll, mit diesem Preis ausgezeichnet. Obwohl sie deutsch schrieben, besaßen Hermann Hesse und Nelly Sachs die deutsche Staatsbürgerschaft nicht mehr. Hesse war inzwischen Schweizer und Nelly Sachs Schwedin geworden. Beide hatten das nationalsozialistische Deutschland verlassen. Beide hatten sich gewissermaßen von ihren Ursprüngen losgesagt und waren in Distanz getreten zu ihrem Vaterland. Damit will ich folgendes sagen: als die Schwedische Akademie Sie auszeichnete, ehrte sie einen Deutschen, einen wirklichen Deutschen; keinen Flüchtling, keinen Emigranten, keinen Juden oder Verfolgten, sondern einen, der deutscher Staatsbürger war wie zweiundsechzig Millionen andere. Damit wurde Deutschland und der deutschen Literatur im Dritten Reich, während des Krieges und nach dem Krieg in Ihrer Person und in Ihrem Werk Anerkennung gezollt. Empfinden Sie das ebenso wie ich? Fühlen Sie sich tatsächlich als Deutscher, ja mehr noch: als Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland?

HEINRICH BÖLL: Die Frage kann ich eindeutig mit Ja beantworten.

[...] Natürlich fühle ich mich deutsch, ich spreche deutsch, ich schreibe deutsch, ich bin als Deutscher geboren, hab mich auch nie als Nicht-Deutscher empfunden, wie käme ich dazu? Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit, die gar keine, aber auch gar keine nationalistische Komponente hat.

Ich glaube, daß jemand mit der Sprache, in der er schreibt, mehr bekennt als Nationalitäts-Zugehörigkeit. Begriffe wie Vaterland, Nation, nicht der Begriff Heimat, das ist wieder etwas ganz anderes, sind eigentlich sekundär, fast oberflächlich, in manchen Fällen sogar dumm, verglichen mit der Verbindung oder dem Ausdrucksmittel Sprache für einen Schriftsteller. Es gibt überhaupt keine höhere Form des Bekenntnisses zu einem Volk, als in seiner Sprache zu schreiben; selbst wenn man schlecht schreibt. Denn man benutzt ja die Sprache als Ausdrucksmittel, und das bedeutet viel mehr als ein Paß oder ein Personalausweis oder ein Wahlzettel.

Aber um zurückzukommen auf die Bundesrepublik Deutschland: ich bin ein ganz bewußter Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Ich bin mir klar darüber, daß das ein sehr junges Land ist. Ich glaube, das vergißt man auch in der Welt. Ich weiß auch, warum, ich selber vergesse es auch manchmal: weil es eben dieses deutsche Reich gab und Entwicklungen zwischen 1870 und 1933, die ein Bild von Deutschen und Deutschland geprägt haben, Klischees auch, die in den einzelnen Regionen Deutschlands fast nie zutrafen. Selbst die Preußen waren nie so preußisch, wie man sie dargestellt hat. [...]

R. W.: Sie akzeptieren also eine Kontinuität der Geschichte, in Ihrer Person und in Ihrem Werk. Sie wurden vor dem Aufkommen des Dritten Reiches in Deutschland geboren, Sie verlebten Ihre Jugend im Dritten Reich und waren im Krieg. Kann man demzufolge - im Vergleich zu den beiden anderen deutschen Preisträgern des Nobelpreises für Literatur - vielleicht sagen, daß Sie seit mehr als fünfzig Jahren Ihre eigene Kontinuität im geschichtlichen Rahmen Ihres Landes wahren und folgerichtig eine Beteiligung an der Geschichte Deutschlands als Ihre persönliche Aufgabe ansehen?

H. B.: Ja natürlich, als, wie kann man das nennen: Erbe. Ich war bei Kriegsende fast 28 Jahre alt, also alt genug, um zu wissen, was passiert war, um zu wissen, woran ich beteiligt war, ohne große persönliche Reue und auch ohne großes persönliches Schuldgefühl, muß ich sagen, aber einvernommen in diese Geschichte, die über uns, mit uns und in uns abgelaufen ist. Und da wird, glaube ich, die Frage, ob der eine schuldiger war als der andere, uninteressant, ganz uninteressant. Ich habe mich auch nie besser gefühlt als irgend jemand, auch nicht schlechter, und insofern ist das Bekenntnis zur Bundesrepublik Deutschland sehr wichtig, nicht nur für mich, wahrscheinlich für meine Kollegen, für alle, sehr wichtig. [...]

Der Einstieg ist gar nicht immer das sogenannte Engagement, sondern die Sprache, und mit der Sprache wird das Material Staat, Gesellschaft geprüft. Verstehen Sie, das ist fast ein chemisch-physikalischer Vorgang. Wenn aber dann bei dieser Prüfung, die sich im Ausdruck niederschlägt, Konflikte auftauchen, alte Ängste auftauchen, verdrängte und verschobene Probleme, dann kommt es möglicherweise zur Attacke. Aber ich glaube nicht, daß die Attacke das Primäre ist, das Primäre ist die Sprache und der Wunsch, ein bestimmtes Problem, eine bestimmte Sache, eine Person darzustellen, ihre Verwicklung, ihre Verstrickung, ihre mögliche Schuld; ich sehe den Einstieg gar nicht so moralisch oder moralistisch, wie es manchmal aussieht. Vieles ist ja auch Spielerei, so satirische Dinge, die man ganz genau entwerfen kann, fast wie eine mathematische Formel; es gibt sehr viele verschiedene Einstiege in die Sprache, und da ich überhaupt nicht historisch schreiben kann, auch nicht utopisch schreiben kann, auch nicht möchte, gerate ich immer wieder in diese Gegenwart, die sich in der Sprache so ausdrückt, daß Konflikte offenbar werden.

H. B.: Die bewußte politische Beteiligung, wenn man das so nennen will, kam eigentlich erst Mitte der fünfziger Jahre, als klar war, daß mit der Wiederaufrüstung, mit dem Interesse an der permanenten Konfrontation, man gleichzeitig die, sagen wir, kleinen Leute mit ihrer Nazi-Vergangenheit erschrecken konnte, die Großen aber freiließ. Es gab ja ungeheuerliche Vorgänge. Ich glaube, General Clay oder ein anderer hat auf Anraten von Adenauer Leute, die als Kriegsverbrecher verurteilt waren, aus der Haft in Urlaub geschickt mit dem stillschweigenden Einverständnis, die brauchen nie mehr wiederzukommen. Wenn Sie sich vorstellen, daß gleichzeitig sehr viele deutsche Soldaten, die nicht direkt Schuld hatten, sagen wir, im Sinne politischer Verantwortung Schuld hatten, noch jahrelang in Kriegsgefangenschaft gehockt haben, daß man irgendeinen kleinen Nazi-Funktionär noch piesacken konnte mit seiner Vergangenheit, dann sehen Sie die perfekte Heuchelei, mit der man eine Art demokratische Moral aufbaute. Indem man neue Privilegien schaffte für alte Privilegierte.

Gleichzeitig schwieg man den kommunistischen Widerstand während der Nazizeit vollkommen tot - bis heute fast. [...]

Aber auch da war für mich jedenfalls das Sprachliche wieder der Einstieg, denn - ich kann jetzt nicht zitieren - wenn Sie Adenauers Memoiren lesen, als Deutscher auf deutsch lesen, verrät die Sprache fast alles, verrät alles. Da braucht man gar kein politischer Analytiker zu sein, die Sprache verrät fast alles, sie verrät die Manipulation, sie verrät die Tricks, die da angewendet wurden, und das haben wir dann später Restauration genannt, ich glaube mit Recht, und da fängt eigentlich das bewußte politische Engagement an, das nun seit über zwanzig Jahren, eigentlich bis auf den heutigen Tag, unter den gleichen Bedingungen anhält.

Heinrich Böll/Wiltrud Mannfeld, Schriftsteller und Bürger dieses Landes

Interview mit Wiltrud Mannfeld am 18.12.1977 im ZDF

WILTRUD MANNFELD: Herr Böll, Sie sind jetzt in den letzten Wochen, eigentlich ohne daß Sie sich geäußert haben zunächst mal, mit etlichen anderen in eine Rolle gekommen als Intellektueller - ist schon ein schlimmes Wort - einerseits als Leute, die mit Verbrechern zusammen genannt werden, andererseits aber auch als Leute, die man von Staats wegen einlädt. Wie fühlt man sich eigentlich in dieser Rolle?

HEINRICH BÖLL: Ja, man erkennt daran die Schizophrenie des öffentlichen Bewußtseins in einem Land, ich sage bewußt nicht Staat, denn über die Bundesrepublik müssen wir dann noch extra reden, in einem Land, das nie ein Verhältnis zu denen gefunden hat, die man dann Intellektuelle nennt. Ich möchte das auch ein bißchen reduzieren. Ich bin als Romanautor und Erzähler, Erzähler ja nur potentiell und partiell ein Intellektueller. [...]

W. M.: Ist das in anderen, sagen wir mal, Demokratien anders?

H. B.: Ich glaube, ja. Es gibt natürlich in Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien, in Schweden, sagen wir in vergleichbaren demokratisch angelegten Ländern Polemiken. Es gibt Krach unter Autoren, von Autoren mit Politikern. Aber das wirklich Verleumderische an dieser, sagen wir, Auseinandersetzung der letzten beiden Monate wäre in keinem anderen Land denkbar. Da ist etwas ganz falsch, weil man uns ja auch an der falschen Ecke angreift. Wir haben sehr viel Angreifflächen geboten. Und ich hab schon einmal gesagt, wenn die Leute wirklich lesen würden, würden sie fürchterliche Sachen bei mir entdecken, viel schlimmer, als sie da zitieren. Aber sie lesen nicht, und da bleibt's bei diesem oberflächlichen, sagen wir ruhig, Verleumdungsversuch, der übrigens tief sitzt, das wollen wir uns auch nicht vorenthalten. Und das ist tief eingedrungen in die Seele des Volkes. Aber vorbei - wir wissen, wo wir leben. Offenbar wird nicht der Versuch unternommen, dieses Verhältnis zur, sagen wir, intellektuellen Geschichte eines Landes, nicht eines Staates, zu klären. Und im übrigen glaube ich, daß wir, die da so immer genannt werden, gar nicht gemeint waren. Wir waren das Ziel, sind auch getroffen worden bei diesen Schießübungen, aber es ging darum das ist meine Analyse, jetzt, wo ich das überschaue und meine Konsequenzen ziehe innerlich -, es ging darum, die Menschen einzuschüchtern, die nicht so unabhängig sind wie wir; alle, die da genannt worden sind, sind unabhängige Menschen, sowohl als Intellektuelle und materiell, was sehr wichtig ist. Ich glaube, daß diese Einschüchterungsversuche an tiefere Schichten gerichtet waren, an Studienräte, Lehrer, junge Beamte, vielleicht junge Offiziere, was weiß ich, die man natürlich..., denen man Angst machen kann, wenn man uns schon angreifen kann. Verstehen Sie, was ich meine? Das ist, glaub ich, der politische Hintergrund gewesen. Der wird jetzt sichtbar.

W. M.: Sie haben mal gesagt, daß die, daß für die Kunst eigentlich drei..., daß die Kunst dreierlei ist: frei, geordnet und untröstlich.

H. B.: Ja.

W. M.: Was ist das: untröstlich?

H. B.: Die Untröstlichkeit sitzt da, worüber wir eben gesprochen haben, in den Zwischenräumen, zwischen vorgesehener Ordnung und nicht-erfüllter Ordnung. In allen Ländern und Staaten der Welt - Länder und Staaten muß man ja unterscheiden, denn verschiedene Länder haben ja verschiedene Staaten in ihrer Geschichte gehabt, verschiedene Staatsformen -, gibt es Unrecht, das gleichzeitig etwas sehr Unschönes ist. Sagen wir, die Gesetze, die ja eigentlich ein großes Verdienst der Menschheit sind, das wollen wir ergänzend sagen zu dem, was ich eben gesagt habe, denn das Recht, die Aufhebung der Rechtlosigkeit, in eine großartige Errungenschaft der Menschheit, von Intellektuellen übrigens herbeigeführt, nebenbei, aber es gibt eben sehr viele Menschen, die ich drücke das bewußt ganz banal populär aus - ihr Recht nicht bekommen, nicht nur das,

was ihnen gesetzlich zusteht, Freiheit, Freiheit usw., sondern auch die ungeschriebenen Gesetze, also etwa Recht auf Wohnung, Heimat, Liebe, Brot usw. wird vielen Menschen vorenthalten, in den verschiedenen Gesellschaftsordnungen, verschiedenen Gruppen, ja, und auch unterschiedlich in der Quantität. Und diese Tatsache kann ja eigentlich ein Künstler, das Wort engagiert oder nicht, ist da t"richt, es ist zu dumm, um diese Trauer zu decken, kann ihn ja gar nicht in den Zustand des Getröstetseins versetzen. Er wohnt ja in dieser Differenz, da ist er ja zu Hause, in dem, was dem Menschen möglich wäre, in dem, was dem Menschen versprochen ist vom Staat und auch von der Gesellschaft, wozu Familie und Ehe usw. gehören, und dem, was er nicht bekommt. [...]

W. M.: Das kann man ... Andererseits kann man das auch Radikalität nennen.

H. B.: Auch ja. Das kann man auch.

W. M.: Diese Forderungen nach dem Das-Mögliche-wahr-zu-Machen.

H. B.: Die Konfrontration des Versprochenen mit dem Gegebenen kann man Radikalität nennen.

W. M.: Herr Böll, ich glaub, Sie sind in diesem Sinn ein Radikaler. [...]

W. M.: Was ist das: Anarchie?

H. B.: Es ist der Wunsch nach Herrschaftslosigkeit und der Wunsch, auch selber nicht zu herrschen. Das ist so schwer zu verstehen. Deshalb bin ich immer wieder entsetzt, wenn man mich irgendwo für eine Autorität hält, das finde ich ganz schrecklich. Und ein politisch bewußter, organisiert arbeitender Anarchist, der ich nicht bin, lehnt jede Form der Diktatur ab, auch die Diktatur des Proletariats. [...]

W. M.: Herr Böll, in Ihren Werken sind es oft also Leute, die, wie es manchmal heißt, einfach abhauen. - Ja. - Sie hauen nicht ab, sondern im Gegenteil, Sie waren jetzt Ende Oktober mit vielen Ihrer Kollegen in Bonn, um wie es heißt, den Rechtsstaat zu verteidigen. Wie stellt man sich das vor?

H. B.: Es ist ein weiterer oder, sagen wir, wieder aufgenommener Kampf um die Verteidigung von Selbstverständlichkeiten. Und das ist eigentlich eine traurige Sache, daß man erst mal Selbstverständlichkeiten nennen muß, und die auch noch verteidigen muß. Sagen wir etwa die Selbstverständlichkeit, daß selbst der schwerste Verbrecher Anspruch auf Recht hat. Ich komme darauf, daß, was ich eben gesagt habe, nicht, daß das nicht mißverstanden wird, meine Vorstellung von Gesetzesübertretungen. Das Recht, so wie wir das haben in Westeuropa und in der westlichen Welt, ist eine mindestens so kostbare Errungenschaft wie unsere Kultur. Ich möchte ... oder sagen wir ... Ja, das gehört zur Kultur sowieso. Und das ist von Intellektuellen, von kritischen, analytischen Intellektuellen im Laufe der abendländischen Geschichte ist dieses Recht geschaffen worden. Und das darf nicht verletzt werden. Da bin ich fast noch empfindlicher, als wenn man die Literatur angreift.

W. M.: Und was haben Sie und Ihre Kollegen konkret vor, zu unternehmen? Wie sieht diese neue ..., diese neue Initiative aus?

H. B.: Die Initiative soll hauptsächlich darin bestehen, und das ist fast schon eine utopische Vorstellung, Ermutigung zu schaffen, bei Redakteuren, bei Publizisten, bei Funk- und Fernsehleuten, bei Lehrern. Erst mal besteht das darin, daß wir nicht zurückweichen, uns durch diese ganzen, sagen wir, Angriffe, nennen wir es noch nicht Kampagne meinetwegen, überhaupt nicht in die Defensive drängen lassen. Das werden Sie auch nicht erlebt haben, daß irgendeiner sich da defensiv verhalten hat. Und die Ermutigung, das klingt wirklich utopisch, ich hoffe, es ist keine Utopie, sollte ausstrahlen auf unsere Kollegen, die in den Verlagen sitzen, die in den Funk- und Fernsehanstalten sind, die Redakteure sind, die Lehrer sind oder was. Denn das permanente Zurückweichen, das noch gar nicht greifbar ist, das Schlimme ist das Ungreifbare, ein klarer Fall von Zensur ist greifbar, Schluß, aber das Ungreifbare, was geschieht, diese Entmutigung von jungen Lehrern und jungen Arbeitern und Angestellten und Beamten, die muß aufgefangen werden, sonst sacken wir - ich sage wir, die Bundesrepublik in dem Fall - sacken wir wirklich in einen verödeten Staat ab, was die Leute gar nicht wollen - ich unterstelle das keinem -, aber es geschieht unmerklich. Und wir wollen natürlich auch mit Politikern reden, darin besteht auch unsere Aktivität, hoffentlich nicht unsere Utopie. [...]

siehe auch: Heinrich Böll, Zehn Jahre später.- In: Heinrich Böll, Die verlorene Ehre der Katharina Blum, 28. Aufl. 1995, S.139 ff.

Satire

(lat. satura, sc. lanx, = 1. mit verschiedenen Früchten gefüllte Opferschale, 2. Füllsel, von satur = satt, voll oder von etrusk. satir = reden; die Verbindung mit griech. satyros ist unwahrscheinlich, die Schreibung Satyre daher falsch)

Spott- und Strafgedicht, lit. Verspottung von Mißständen, Unsitten, Anschauungen, Ereignissen, Personen, Literaturwerken usw. je nach den Zeitumständen, allg. mißbilligende Darstellung und Entlarvung des Kleinlichen, Schlechten, Ungesunden im Menschenleben und dessen Preisgabe an Verachtung, Entrüstung und Lächerlichkeit, - also stets als Angriff gestaltet - in allen lt. Gattungen vom Gedicht, Epigramm, Spruch, Dialog, Brief, Fabel, Schwank, Komödie, Fastnachtsspiel, Drama, Epos, Erzählung bis zum satirischen Roman, meist mit didaktischem Einschlag, und in allen Schärfegraden und Tonlagen je nach der Haltung des Verfassers: bissig, zornig, ernst, pathetisch, ironisch, komisch, heiter, liebenswürdig. Der Angriff der Satire erfolgt nicht direkt, sondern der Angriff auf den mißbilligten Gegenstand wird durch die verwendeten sprachlichen Mittel indirekt geführt.

Stets ruft die Satire durch Anprangerung der Laster die Leser zu Richtern auf, mißt nach einem bewußten Maßstab das menschliche Treiben und hofft, durch Aufdeckung der Schäden eine Besserung zu bewirken.

in Anlehnung an: Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, 5. verb. und erw. Aufl. Stuttgart 1969, S. 671 f.

Ironie (von griech. eironeia = Verstellung im Reden) Ironie ist eine rhetorische Figur, bei der das tatsächlich Gesagte zur wörtlichen Bedeutung des Geschriebenen oder Gesprochenen im Widerspruch steht. Dabei ist die jeweilige Aussage so angelegt, dass dieser Widerspruch dem Leser oder Hörer sofort deutlich werden kann.

Um eine solche ironische Wirkung hervorzurufen bedient sich der Autor entweder des feinen, versteckten Spotts oder er gibt vor, etwas offensichtlich Lächerliches ernst zu nehmen, was gleichfalls entlarvend wirkt. Ironie kann auf diese Weise alle Schattierungen von heiter bis bitter durchlaufen. Beißender Spott wird als Sarkasmus bezeichnet.

in Anlehnung an: Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, 5. verb. und erw. Aufl. Stuttgart 1969, S. 361 f.

Verfremdung Als Verfremdung bezeichnet man im Allgemeinsinn jede künstlerische Distanzierung zwischen realer Alltagswelt und -sprache und künstlerisch-fiktiver Welt und ihrer Sprache. Die Verfremdung wird sprachlich durch Ironie, Komik, Groteske oder Satire ausgedrückt.

Im engeren Sinn versteht man unter Verfremdung das Verändern des Gewöhnlichen ins Ungewöhnliche, des Vertrauten ins Unvertraute.

in Anlehnung an: Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, 5. verb. und erw. Aufl. Stuttgart 1969, S. 820
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