Die Wirtschaft von Florenz in der Zeit der Renaissance

 

Gene Brucker schreibt bei seiner Darstellung der neuen Denkweise und der neuen Formen der Kunst über das Florenz des 14. Jahrhunderts: „Die Patrizier waren es eigentlich, die die Renaissance hervorbrachten: ihr Lebensstil, ihre Wertorientierungen, ihre Denk- und Wahrnehmungsweise [...]"1 Tatsächlich war Florenz zu dieser Zeit die „Stadt der Städte" in der damals bekannten Welt, eine Stadt, in der die reichen Bürger darum wetteiferten, die Kunst und die Philosophie zu fördern und ihre Stadt mit Bauten und Kunstwerken aller Art zu verschönern.

Diese Freigiebigkeit war jedoch nur dadurch möglich geworden, dass Florenz bereits seit dem 12. Jahrhundert trotz aller inneren Wirren und Auseinandersetzungen um die politische Herrschaft in der Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, der sich bis zur Großen Pest 1346 ungebrochen fortsetzte und danach an den alten Stand anzuknüpfen verstand. Beendet wurde die wirtschaftliche Prosperität der Stadt erst durch die Verlagerung der Handelswege nach Übersee während des 16. Jahrhunderts. Dieser Prozeß wurde durch die Kaufleute eingeleitet, die Fernhandel mit Luxuswaren aus dem Orient betrieben und sich auf die Leitbranche der Zeit, die Tuchproduktion und den Handel mit Textilprodukten, konzentrierten.

Tuche wurden im Zuge eines allgemein steigenden Wohlstands der oberen Schichten in Europa in immer besserer Qualität nachgefragt; zusätzlich entwickelte sich - ausgehend von Frankreich - wechselnde Mode, die vor allem nach neuen Farben und Mustern verlangte. Zunächst waren Wolltuche üblich; später kamen dann Seide, Brokat, Samt hinzu.

Die Wolltuchherstellung war ein durchaus komplizierter Arbeitsprozeß mit vielen einzelnen Herstellungsschritten: die Rohwolle mußte geschlagen, gekämmt, gewaschen, gezupft, geölt und gekrempelt werden, ehe sie gesponnen wurde. Das so hergestellte Garn wurde zu Rohtuch gewebt, dann genoppt, gewaschen und gewalkt, danach gespannt. Die nächsten Arbeitsgänge bis zum fertigen Tuch waren das Rauhen, Tuchscheren, Färben, Stopfen, Pressen und Falten. Der ganze Herstellungsprozeß war durchaus zeitaufwendig, zumal viele verschiedene Handwerker daran beteiligt waren. Dementsprechend dauerte es lange, bis das beim Kauf der Rohwolle eingesetzte Kapital durch den Verkauf des Produktes Erträge brachte - die Umlaufgeschwindigkeit des Kapitals dauerte mindestens mehrere Monate, konnte aber auch bis zu zwei Jahren in Anspruch nehmen. Kapital hatte sich in Oberitalien insbesondere durch die günstige Lage im Fernhandel mit dem Orient in besonderem Maße angesammelt und wurde von den Kaufleuten früh in die Wollindustrie investiert.

Im 13. Jahrhundert erreichte Florenz die führende Stellung in der Wollindustrie, was dadurch begünstigt wurde, dass der englische König Florentiner Kaufleuten und Bankiers Kredite nicht zurückzahlen konnte und ihnen als Sicherheit für das Kapital und die auflaufenden Zinsen Sonderkonditionen für die Ausfuhr der besonders feinen englischen Wolle einräumen mußte. Hinzu kam, dass die sich in Florenz ansiedelnden Humiliatenmönche über Kenntnisse für eine deutliche Verbesserung und Modernisierung der Tuchherstellung verfügten, die sich in Florenz schnell ausbreiteten und dazu führten, dass Florentiner Tuch eine besonders hohe Qualität erreichte, die sogar die Tuche aus dem bis dahin führenden Flandern übertraf.

Wolltuchherstellung in Florenz (Darstellung um 1350)

Bild links: Das Garn wurde auf große Spulen zum Kettscheren umgespult. Am Schergatter wurde dann die Kette geschert und am Webstuhl das Tuch gewebt. Bild Mitte: Die Tuche wurden danach gefärbt, gewalkt und danach gespannt und später ausgebessert. Bild links: Danach wurden sie angeboten, begutachtet und verkauft.

Der hohe Kapitaleinsatz für die Tuchherstellung, der durch die hohe Nachfrage und die entstehende Massenproduktion von Tuchen noch gesteigert wurde, bedrohte etliche Handwerker in ihrer Selbständigkeit, so dass gerade in diesem Bereich sich neue Wirtschaftsformen entwickelten: Aus dem Kaufmann, der mit der Rohwolle handelte, wurde daher schnell der Tuchproduzent, der als Verleger den Handwerkern Material, Werkzeuge (Webstühle) und/oder Geld vorlegte und sie dadurch von sich abhängig machte. Er organisierte die höchst arbeitsteilige Produktion und förderte durch Aufträge an besonders qualifizierte Handwerker die Spezialisierung auf einzelne Stufen des Produktionsprozesses. Zudem verfügte er durch seine Reisetätigkeit bzw. über seine Niederlassungen in anderen Ländern über die Informationen, die es ihm erlaubten, der Nachfrage der wechselnden Moden nachzukommen und marktgängige Ware herstellen zu lassen.

Für 1338 sind für Florenz 300 Fernhandelskaufleute und 30 000 Wollarbeiter bezeugt; die Jahresproduktion in der Tuchherstellung erreichte einen Wert von 1 200 000 Florin.

Um ihre führende Marktposition zu halten und auszubauen, bemühten sich die Florentiner Tuchhersteller um Monopole für bestimmte Rohstoffe. Besonders wichtig war dabei Alaunsalz, das bei der Textilherstellung als Reinigungsmittel, um Fett und Verunreinigungen der Rohwolle zu beseitigen, und als Beizmittel, um ein Abfärben der Stoffe zu verhindern, gebraucht wurde. Durch einen Vertrag mit dem Papst gelang es den Florentinern 1466, die Alaunvorkommen in Tolfa unter ihre Kontrolle zu bringen. Nachdem Florenz 1470 einen Krieg gegen Volterra um die dortigen Alaunvorkommen gewonnen hatte, kontrollierten von allem die in Florenz führenden Medici Abbau und Verkauf des Alauns in ganz Europa.

Viele der Tuchproduzenten waren nicht nur in diesem Gewerbe tätig, sondern die faktisch nur geringe Zunftbindung ermöglichte es den Florentinern, neben einer Tätigkeit im Handel und als Verleger auch als Bankiers tätig zu sein. Häufig schlossen sich Kaufleute und Bankiers zu zeitlich begrenzten Gesellschaften zusammen, um das verfügbare Kapital durch Einlagen von Gesellschaftern zu erhöhen. Solche Geschäfte erforderten aufgrund der Gewinnerwartung feste Zinssätze als kalkulierbare Kosten. An sich verdammte die Kirche zu dieser Zeit jedoch das Verleihen des Geldes gegen Zinsen, weil alles, was über die geliehene Summe hinaus zurückgezahlt werden mußte, als Wucher galt. Vermehrung des Geldes ohne Arbeit beruhte nach kirchlicher Lehre auf dem Ausnutzen der Zeit, die als Geschenk Gottes angesehen wurde. Geld wurde daher als unproduktiv angesehen und galt als reines Tauschmittel. Erst die durch den Franziskaner Petrus Johannes Olivi eingeführte Unterscheidung zwischen Geld und Kapital (daher die Bezeichnung Kapitalismus) schrieb dem Zins, der auf Kredite gezahlt werden mußte, die Eigenschaft zu, auf Arbeit zu beruhen. Die ethische Bewertung änderte sich zwar nicht, wurde aber durch die zur gleichen Zeit aufkommende Lehre vom Fegefeuer als Ort, an dem die Seele des Toten für Sünden büßen konnte und die Chance erhielt, in den Himmel zu kommen, relativiert. Unter anderem ist es so zu erklären, dass insbesondere die von Geldgeschäften profitierenden Patrizier hohe Summen einsetzen, um Kirchen zu verschönern und auszustatten.

Florenz war auch Ausgangspunkt neuer Formen der Flexibilisierung des Kapitals. Ursprünglich mußte der reisende Kaufmann das Geld für die Bezahlung der Waren bar mit sich tragen, was angesichts der Unsicherheit der Reisewege ein großes Risiko darstellte und zudem das Kapital für die Dauer der Reise band. An Ort und Stelle mußte es dann in die jeweils geltende Währung umgerechnet und gewechselt werden. Angesichts dieser Probleme „erfanden" die Kaufleute Formen des bargeldlosen Zahlens. Es gab den einfachen Wechsel, bei dem sich ein Schuldner notariell verpflichtete - es gab 1338 ca. 600 Notare in Florenz -, ein Darlehen an einem anderen Ort und/oder in einer anderen Währung zurückzuzahlen. Hierbei wurde der Zins versteckt geleistet, indem er in den Wechselkurs eingerechnet wurde.

Daneben gab es die Form des Handelswechsels, der weitergereicht werden konnte und durch eine Bank garantiert wurde, die letztlich das Bargeld auszahlte. Bankwesen setzte das Vorhandensein von Einlagen voraus; die Bankkunden errichteten Konten bei der Bank (Conti correnti), aus denen Überweisungen und Zahlungen geleistet wurden und zu denen häufig ein Kontokorrentkredit gehörte. Bereits im 11. Jahrhundert existieren solche Banken in Genua; in Florenz gelangen sie zur Blüte, so dass im 13. Jahrhundert die Familie der Bardi bereits eines der führenden Bankhäuser Europas ist. Die Bardi werden im 14. Jahrhundert durch die Bank der Medici abgelöst, die Geschäfte mit dem Papst und den europäischen Königshäusern machte.

 

Die Tätigkeit des Kaufmanns und Bankiers erforderte einen hohen Bildungsstand, der in Florenz bei den patrizischen Familien als selbstverständlich angesehen wurde. Kinder besuchten zunächst die Elementarschule, wo sie lesen und schreiben lernten. Im Alter von 10 Jahren begannen sie mit der Mathematik, die Arithmetik, Bruchrechnung, Zinsberechnung und Buchhaltung umfaßte. In der Regel mit 14 Jahren folgte eine Lehre bei einem Kaufmann oder Bankier. Es ging darum, die Geschäftsabläufe kennenzulernen, wozu auch der mehrjährige Aufenthalt in einer Auslandsniederlassung gehörte, da das Beherrschen mehrerer Fremdsprachen als unerläßlich angesehen wurde. Der künftige Kaufmann benötigte darüber hinaus auch Kenntnisse fremder Währungssysteme und der Zolltarife, Maße und Gewichte. Weiter war das Studium der Marktbedingungen erforderlich, und nicht zuletzt ging es darum, möglichst viele persönliche Bekanntschaften zu schließen, um einschätzen zu können, wie vertrauenswürdig ein potentieller Geschäftspartner war.

Trotz aller Besonnenheit, Vorsicht und Rationalität des Handelns war das Risiko der Kaufleute und Bankiers sehr hoch, sowohl aufgrund der allgemeinen Unsicherheit des Handels zu dieser Zeit wie auch der Konkurrenz, der der einzelne Kaufmann ständig ausgesetzt war. Entsprechend gab es zahlreiche Firmenzusammenbrüche, so z.B. die Bankrotte der Familien Bardi, Pitti und Peruzzi, die mit dem Verlust der Zugehörigkeit zu den führenden Familien Florenz einhergingen. Sogar das Unternehmen der Medici war beim Tode Lorenzos im Jahre 1492 fast zahlungsunfähig, zum einen, weil das politische Engagement Lorenzos dazu führte, dass er die Geschäfte vernachlässigte, zum anderen wesentlich mitverursacht durch die hohen Summen, die er für die Förderung der Künste ausgab.

Die frühkapitalistische Wirtschaft förderte individualistische Werte, da der Geschäftserfolg wesentlich von den Fähigkeiten und dem Einsatz des einzelnen abhing. Gleichzeitig bestimmten jedoch auch korporative Werte das Denken und Handeln der Florentiner Patrizier. Hierzu gehörte insbesondere die Loyalität Freunden gegenüber. Sie erforderte die gegenseitige Bereitschaft, Belastungen, Probleme und Verantwortung zu teilen und offene Worte miteinander zu reden. Ein Beispiel für solche Loyalität gibt der Briefwechsel des Kaufmanns Francesco Datini aus Prato mit seinem Florentiner Notar, in dem nicht nur geschäftliche Entscheidungen, sondern auch familiäre Situationen und Verhaltensrichtlinien offen diskutiert und beraten werden. Freundschaften waren auch zur Absicherung der Stellung ungemein wichtig; sie schränkten die Handlungsfreiheit des einzelnen durchaus ein, denn nicht nur der, der die Freundschaft benötigte, wurde durch sie verpflichtet, sondern auch der, der sie gab (Patron - Klientelverhältnis). Sie einzuhalten, war eine Frage der Ehre. Ehre bedeutete nicht nur, sich nach den Maßstäben der eigenen Schicht zu verhalten, sondern auch, von dem Gefühl für die eigene Würde und Verantwortung durchdrungen zu sein. Daraus folgte eine permanente Selbstbeobachtung: Selbstdisziplin, Reflexion und Korrektur des eigenen Verhaltens gehörte zu den Tugenden, die von einem Angehörigen der Kaufmanns- und Bankiersschicht erwartet werden durften. Ein korporativer Wert war auch die Identifikation mit der Stadt und der Einsatz für sie, was bedeutete, dass der Florentiner Patrizier selbstverständlich für politische Ämter in Florenz zur Verfügung stand und sich bemühte, durch Förderung der Künste aktiv am kulturellen Leben der Stadt teilzunehmen; im Jahre 1434 gaben die Medici 600 000 Florin für öffentliche Zwecke aus. Das ästhetische Bewusstsein dieser Schicht zeigt sich sowohl in der Förderung der Geisteswissenschaften und Kunst wie auch in der Tatsache, dass über die öffentliche Vergabe von Aufträgen häufig durch Kommissionen aus Angehörigen der Arti maiori entschieden wurde, so z.B. bei dem Auftrag für die Türen des Baptisteriums oder für die Errichtung der Domkuppel. Gleiches gilt für die Stadtplanung in Florenz, die von einer Kommission geleitet wurde und die erste Stadtplanungsbehörde in Europa darstellt. Sie hatte das klare Ziel, die wirtschaftliche und ästhetische Kriterien miteinander zu vereinbaren und die wirtschaftliche Bedeutung von Florenz auch durch die Schönheit zum Ausdruck zu bringen.

Wirtschaften in der Stadt, Miniaturen aus dem „Hausbuch der Cerruti”, um 1500.-

1 Gene Brucker, Florenz in der Renaissance. Stadt, Gesellschaft, Kultur, Reinbek 1990, S. 53

Dorothee Ammermann