Die Wertvorstellungen und kulturellen Dispositionen des florentinischen Patriziats

Um die Wertvorstellungen des florentinischen Patriziats zu beschreiben, muss zunächst kurz die Entstehung jener Bevölkerungsgruppe als mehr oder weniger homogene soziale Gruppe, quasi als vierter Stand des Mittelalters, beschrieben werden. Jene Entstehungsgeschichte und daraus resultierende Identität dieses Standes lässt sich nur vor dem Hintergrund der allmählichen Entstehung kapitalistischer Wirtschaftsformen erklären. Selbige sind bedingt durch das im Hochmittelalter vor allem in Italien einsetzende Wachsen der Städte, welche zu kulturellen und wirtschaftlichen Zentren avancieren. Wesentlicher Faktor innerhalb der Stadt ist hierbei der Markt, welcher durch die Konzentration der wirtschaftlichen Lebens auf einen relativ kleinen geographischen Punkt erst die Existenz eines Berufszweigs wie den des Händlers ermöglicht. Infolge dieser Entwicklungen bildete sich vor allem in den wachsenden Städten zusammen mit den Zünften der Handwerker ein neuer Stand, der aus dem mittelalterlichen Schema Klerus-Adel-Bauerntum ausbrach.

Das Florentiner Patriziat setzt sich nun im Wesentlichen aus Händlern zusammen, Bürgern (zum ersten Mal in der Geschichte des Abendlandes seit dem Untergang der griechischen Polis kann wieder von einem Bürgertum - wenn hier auch in anderem Sinne - gesprochen werden) mit beträchtlichem wirtschaftlichen Einfluss. Damit ist es nur logisch, dass ihre Werte zum Großteil als Reaktion auf die Anforderungen zu verstehen ist, welche die neu entstehende Wirtschaftsform des Frühkapitalismus stellte. Rationalität, das Vorausberechnen der eigenen Aktionen sowie der seiner Mitbewerber, zweckmäßiges Haushalten mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, grundlegende Vorsicht sowie Selbstbeobachtung zum Zwecke des Aufspürens eigener Fehler und ihrer Vermeidung bei zukünftigen Handlungen: All dies sind für einen Kaufmann unerlässliche Eigenschaften, will er im Konkurrenzkampf nicht untergehen, sondern Erfolg davon tragen. Die Bedeutung dieser von Rationalität und Zweckmäßigkeit gekennzeichneten Werte - diktiert durch die Notwendigkeiten des Marktes - wird dann in ihrer vollen Tragweite sichtbar, wenn sie mit der Jenseitsgewandtheit des Mittelalters vergleicht, mit der Vorstellung des omnipräsenten, omnipotenten Gottes, mit dem allgemein herrschenden Mystizismus. Nun entsteht mit dem Bereich des kapitalistisch geprägten Handels eine Sphäre, die nun nicht mehr von göttlichen (Moral)Geboten dominiert wird, sondern von den ganz säkularen Bedingungen der Gewinnvermehrung. Diese Bewegung von einem Pol zum anderen, vom geistig Verklärten zu von den Bedingungen der realen Welt diktierten Rationalität, ist ganz klar als Teil des Wandels der Ideen und Ideale zu sehen, welcher in Gestalt der Renaissance und seiner philosophischen Schule, dem Humanismus, das Ende des Mittelalters einläutete. Wie sehr die oben genannten Ideale und Werte mit dem Modell des Kapitalismus zusammenhingen, zeigt die weitere geschichtliche Entwicklung: So erfuhr das Ideal der Selbstbeobachtung seinen Höhepunkt in der - an Selbstzerfleischung grenzenden, zum religiösen Zeremoniell hochstilisierten - Introspektion der Calvinisten, welche Arbeitsamkeit und Produktivität zu den höchsten Prinzipien erhoben.

Einher mit dem angehäuften Reichtum und dem daraus resultierenden wirtschaftlichen und politischen Einfluss - in den italienischen Stadtstaaten gelang es den wohlhabenden Bürgern, ihre wirtschaftliche Macht in politische umzuwandeln, ein revolutionärer Vorgang in der europäischen Geschichte - ging auch die Notwendigkeit, diesen Einfluss offen zur Schau zu stellen und die eigene Macht zu demonstrieren. Zwangsläufig resultierte dies einerseits in einer Förderung der Künste: Das Mäzenatentum erlebte in Florenz eine nie zuvor gesehene Blüte, im Auftrag eines reichen Bürgers geschaffene Kunstwerke dienten als Instrumente zur repräsentativen Darstellung seiner Macht, der Glanz jener Kunstwerke schien auch seine Auftraggeber in ein helleres Licht zu tauchen. Hierin liegt einer der wesentlichen Gründe für die kulturelle Blüte, die Florenz während des 13. und 14. Jahrhunderts erlebte und seinen Höhepunkt in der Förderung der Künstler durch die Medici fand. Gleichzeitig wird in diesem Punkt deutlich, dass die Künstler, so sehr die Idee der Individualität in jener Zeit auch bereits durchdringt (Vorformen der Demokratie; Konstituierung eines betrachtenden Subjekts in der Malerei durch die Zentralperspektive; Händler als rational agierende Subjekte), noch längst nicht als freischaffende Künstler arbeiten können, die nach Belieben Werke hervorbringen können – dominiert wird die Kunst vom der Geschäftsbeziehung Auftraggeber – Künstler.

Zweite Folge der Notwendigkeit der Zurschaustellung des eigenen Einflusses war logischerweise die Betonung des Äußeren, die Konzentration auf die schimmernde Oberfläche. Glanzvolle Empfänge, teure Gewänder und Festmähler dienten alle einem konkreten Zweck: Einen brillanten Schein zu erwecken. Und da all dieser Schein erschaffen wurde, um das Auge des Betrachters zu beeindrucken, wird das Sehen zum primären Sinn (nicht nur) jener Zeit. Diese Entwicklung des Okulozentrismus ist ebenfalls als Folge des Aufkommens der Renaissance und ihrer Ideen zu betrachten: Nach der Jenseitsfixierung des Mittelalters entdeckt der Mensch das Diesseits, das Weltliche für seine Sinne wieder aufs neue. Und was er an dieser Welt vor allem entdeckt, sind ihre Formen und Farben, ihre visuellen Attribute. So nimmt es nicht Wunder, dass (neben der Bildhauerei, welche ebenfalls das Auge anspricht) die Malerei zur bedeutendsten Kunstform der Renaissance wird. Das wesentliche Werkzeug der Malerei ist zu jener Zeit die Zentralperspektive, welche mit mathematischer Präzision Regeln vorgibt, wie ein Bild konstruiert werden muss, um eine – so glaubt man - möglichst naturgetreue Abbildung des Gesehenen darzustellen. Und es ist die Zentralperspektive, welche über die Konstruktion eines einzelnen, vom Maler gewählten Blickpunkts die Idee eines individuellen Subjekts, welches ein Objekt betrachtet, einführt. Es wird also ersichtlich, wie sehr einzelnen Ideen (Subjekt/Individualität, Zentralperspektive, Okulozentrismus, Rationalität usw.) ineinander verwoben sind. Auch in Bezug auf den Okulozentrismus lässt sich historisch gesehen ein roter Faden entdecken: Wie so vieles andere in der Renaissance ist die Hierarchisierung der Sinne – mit der Fähigkeit des Sehens an der Spitze – ein aus der griechischen Antike übernommenes Artefakt, auch wenn jene Herrschaft des Sehens dort eine andere Qualität besaß. Zum Höhepunkt des Okulozentrismus kommt es schließlich im Barock, welcher von einer ungeheuer stark ausgeprägten Kultur der prachtvollen Repräsentierung der eigenen Macht bestimmt wird – einer Epoche, in der der Schein über allem anderen herrscht.

Simon Elchlepp, Abi 2003