Die politische Entwicklung der Republik Florenz

Um ca. 1100 n. Chr. erhielt Florenz die städtische Autonomie und erlebte eine wirtschaftliche und territoriale Expansion. Den reichen Adeligen mit Landbesitz im Umland, die in Florenz wohnten und um die Herrschaft stritten, standen kleine und mittlere Handwerker und ein ca. 30000 Personen umfassendes „Proto-Proletariat“1, damals „Ciompi“ („Taugenichtse“) genannt, gegenüber. Weitere wirtschaftliche Expansion war nur möglich, wenn sich auch die Politik darauf ausrichtete, deshalb strebte das Besitzbürgertum danach, die politischen Geschicke der Stadt selbst in die Hand zu nehmen. Die politischen und wirtschaftlichen Interessen bildeten zwei Parteiströmungen aus, die Ghibellinen (Kaiserfreundlichen) und die Guelfen (Papstanhänger). Die Kaiserfreundlichen sahen in den selbstständigen Stadtstaaten eine Gefährdung der Macht des Kaisers und versuchten die freiheitsbewussten Florentiner einzuengen. Die Ghibellinen  bestanden in Florenz aus dem traditionell gesinnten Adel. Die guelfische Parteiströmung fand vor allem im Finanzbürgertum Unterstützung. Dabei spielten weniger religiöse Motive eine Rolle, das Bürgertum wollte vielmehr unabhängig werden und seine Handelsbeziehungen durch die weltweiten Einflüsse der Kirche erweitern. Im Jahre 1282 wurde der verhasste Adel von der ersten Volksregierung, dem „Primo popolo“, in blutigen Kämpfen aus Florenz auf seine Landsitze vertrieben. Es folgte ein heftiger Widerstand der Ghibellinen gegen die Volksparteien, doch das erfolgreiche Handels- und Finanzbürgertum, das Florenz wirtschaftlich aufblühen ließ, entmachtete 1282 den Stadtadel und legte mit einer der ersten nichtaristokratischen Verfassungen des Mittelalters die bürgerliche Selbstregierung durch einen Stadtrat fest. Die Republik Florenz entstand. Nach der Entmachtung herrschten die Mitglieder der etwa 100 reichen Kaufmannsfamilien, die etwa 6000 Vollbürger der Stadt umfassten. Die Regierung war also weiter eine Angelegenheit der Besitzenden. Jedoch verlangten zunehmend kleine und mittlere Handwerker, die in neu gebildeten Zünften organisiert waren, auch Führungsansprüche. 1293 wurde eine neue Verfassungsänderung erzwungen („Ordinamenti di giustizia“, „Statuten der Gerechtigkeit“). Es wurde zum einen das „Lebensgesetz der republikanischen Verfassung“2 festgelegt, das besagte, dass die Verfassung die Selbstbestimmung und Freiheit der Bürger insgesamt und der Individuen zu sichern und zu schützen habe. Zum anderen setzten die Zünfte ihre Mitregierung durch. Der „Beamtenapparat als auch die gesetzgebenden Körperschaften“3 wurden von denen, die ein Gewerbe in einer der 21 anerkannten Zünfte aktiv ausübten, gewählt. Die Zünfte wurden unterteilt in sieben (später 12) obere Zünfte und 14 niedere Zünfte. Zu den oberen Zünften zählten Richter, Notare, Wollhändler, Wollfabrikanten, Bankiers, Pelzhändler, Ärzte und Apotheker. Die Gruppe der niederen Zünfte ist zusammengesetzt aus den eigentlichen Handwerkern, wie z.B. Metzger, Schuhmacher, Schreiner und Hufschmiede.Nur jemand aus den oberen Zünften durfte für die Signoria , für den Stadtrat oder zu einem der wichtigen Beamten gewählt oder gelost werden.

Die Signoria bestand aus 12 „Prioren“ (Vorsteher) aus den sechs Stadtteilen, die alle zwei Monate gewählt wurden. Jedoch änderte sich die Anzahl im Laufe der Zeit, so gibt es auch Quellen, die von 9 Mitgliedern der Signoria sprechen. Um eine gegenseitige Kontrolle zu gewährleisten, mussten die Priore während ihrer zweimonatigen Amtszeit zusammen im Regierungsgebäude, dem Palazzo della Signoria (heute Palazzo Vecchio), leben. Außerdem war der alleinige Gang in die Stadt und ins Volk untersagt. Es sollte sichergestellt werden, dass keiner seine Macht missbrauchte. Die Truppen von Florenz wurden durch zwei Stadtkommandanten (Podestà und Capitano) befehligt. Der Podestà wurde für ein Jahr gewählt. Um Einflussnahme durch Familien auf den Podestà zu verhindern, musste er aus einer anderen Stadt stammen und durfte kein anderes Privathaus als das seinige betreten. Der Capitano wurde für ein halbes Jahr gewählt und überwachte den Podestà.

Die „gonfalone“ (Volkskompanie) wurde als Nachbarschaftsverband seit 1250 militärisch organisiert und Oberbefehlshaber war der „Gonfaloniere“. Sie wurde zur Verteidigung gegen Übergriffe der entmachteten Adligen aufgestellt.

Die legislative Gewalt bestand aus fünf Körperschaften, nämlich dem Rat der Hundert, zwei Ratsversammlungen des Podestà, eine mit 90 Mitgliedern, die andere mit 300 und zwei Ratsversammlunges des Capitano mit 36 und 150 Mitgliedern. Die Amtsinhaber wurden jedes halbe Jahr neu gewählt.

In der Sekundärliteratur lassen sich auch andere Beschreibungen von Regierungssystemen in Florenz finden, doch soll an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen werden. Leider werden nur ungenaue Zeitangaben gegeben, so lassen sich die unterschiedlichen Systeme schwer einordnen. Gemein ist allen die kurze Amtszeit, das Verbot der Wiederwahl in zwei aufeinander folgenden Wahlperioden und die Fülle an Ämtern. Das garantierte, dass es zu keiner Machtkonzentration und Amtsmissbrauch kommen konnte und die Macht in den Händen möglichst vieler Bürger lag. Hiermit sollte aber nur verhindert werden, dass eine der reichen Familien die Regierung übernahm. Von einer Demokratie im heutigen Sinne kann nicht gesprochen werden, wenn man bedenkt, dass der politische Einfluss immer noch vorwiegend bei den etwa 6000 Vollbürgern blieb, bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 50000! Während die unteren Zünfte darum kämpften, auch politische Ämter wahrnehmen zu können, waren die Tagelöhner und Arbeiter zunft- und damit politisch völlig rechtlos. Genauso hatten  auch Frauen, der Klerus und nun endgültig auch der grundbesitzende Stadtadel keinen Einfluss auf die Regierung. Der Ärger der „populo minuto“ („kleinen Leute“) war nun nicht mehr nur auf den Adel gerichtet, sondern auch gegen Korruption und Macht der „populo grasso“ („fetten Leute“) und der Zünfte. Es waren vor allem die niederen Wollarbeiter, die nur kurzfristige Arbeitsverträge hatten und keine Zunft bilden durften, die versuchten, aus ihrer rechtlosen und unterdrückten Stellung herauszukommen und für bessere Bezahlung und für das Recht auf Bildung eigener Zünfte kämpften. 1378 kommt es zum  Aufstand der Wollarbeiter (Ciompi). Für nur sechs Wochen übernahmen sie die Macht in der Stadt und veränderten die Zustände. Sie bildeten z.B. drei neue Zünfte, die sich zum größten Teil aus Tagelohnarbeitern zusammensetzten. Jedoch wurden die Ciompi gewaltsam niedergeschlagen und die alte Ordnung wurde wieder hergestellt. Die, laut der Arbeitgeber, „arbeitsscheuen und aufrührerischen“ Arbeiter bekamen auf Grund der Angst vor weiteren Aufständen natürlich absolutes Koalitionsverbot. Nun herrschte ein Regime der niederen Zünfte (Kaufleute, Handwerker, Ladenbesitzer).

Obwohl Parteienbildung nicht erwünscht war und das System mit kurzen Amtszeiten darauf ausgerichtet war, dass die Macht in möglichst vielen Händen lag, kam es zu Machtkämpfen zwischen den patrizischen Familien. Die Herrschaft einflussreicher Familien („Oligarchie“) war die faktische Regierungsform. Die geschriebene Verfassung wurde häufig geändert oder konnte sogar von dem „Parlamento“ (Volksversammlung) mit einem zeitlich befristeten Notstandsausschuss („Balìa“) ganz außer Kraft gesetzt werden. Theoretisch waren die Mitglieder des Parlamento alle Bürger, doch faktisch wurden nur von der Regierung Eingeladene zugelassen. Personen für Staatsämter wurden oft nicht gewählt, sondern in einem komplizierten Verfahren gelost. Die „Accopiatori“, die „staatlichen  Losbeutelbeamten“, entschieden darüber, wessen Name in den Losbeutel gelangte. Deswegen bemühten sich die Herrscher um einen großen Freundeskreis („Amicitia“). Die „Amici“ wurden mit Gefälligkeiten von dem Herrscher abhängig gemacht, so dass sie sich für ihn einsetzten, und dann in politische Positionen gebracht.

Die Familien Albizzi, Strozzi und Uzzanao teilten sich Ende des 14. Jh. die Herrschaft über Florenz, während allmählich die neuen Träger der Macht heranwuchsen: Die Familie Medici.

Der Konflikt zwischen den Guelfen und Ghibellinen wurde verdrängt durch Parteienbildung in „Ottimati“ (konservative Patrizier) und „Popolani“ (Volkspartei). Die Medici waren zuerst auf der Seite der Popolanen. Die „populo minuto“ (kleinen Leute) wurden also zum Machtmittel und verhalfen den Medici zum Aufstieg.

Florenz hatte zwischen 1100 und 1500 häufige Wechsel der Regierungsform. Niccolo Machiavelli sah in seiner Denkschrift über die Reform des Staates von Florenz von 1520/21 die Ursache darin, dass Florenz nie eine „wirkliche Republik noch ein geordnetes Fürstentum“4 gewesen sei. Machiavelli glaubte, der Grund für die „fehlerhaft[en]“5 Verfassungen sei gewesen, dass die Veränderungen der Verfassung nie für das allgemeine Wohl vorgenommen wurden, sondern zur Verstärkung und Sicherheit einer Partei gedient hätten. Aber auch diese Sicherheit sei nie gegeben gewesen, da stets eine unzufriedene Partei zurück geblieben sei und die nächste Umwälzung unterstützt habe.6

1 Joachim Rohlfes/Peter Völker: Der frühmoderne Staat, 1. Aufl. Stuttgart 1993, S. 9

2 ebd., S. 9

4 Niccolò Machiavelli, Denkschrift über die Reform des Staates von Florenz, 1520/21, in: Herfried Münkler

   (Hg.); Niccolò Machiavelli, Politische Schriften, Frankfurt a.M. 1990, S. 347 f.

5  ebd., S. 347 f.

6  vgl.  http://www.michael-mueller-verlag.de/cgi-

   local/mmv_locator.pl?mo=main&lc=italien/toscana/b_05_florge.html

    vgl. Rohlfes/Völker, S. 8 ff.

    vgl. Gene Brucker: Florenz in der Renaissance, 1. Aufl. Hamburg 1990, S. 167 ff.

Greta Gronau