Sebastian Stosskopf, Grosses Vanitas-Stilleben, 1641

125 x 165 cm, Querformat, Öl auf Leinwand, Musée de l´Oevre Notre-Dame, Straßburg

Bildkomposition

Das Bild ist in vier gestaffelten Ebenen aufgebaut, durch die der Eindruck von Raumtiefe erzeugt wird. Dazu trägt bei, dass die linke Ecke des sich in der zweitvordersten Ebene befindlichen Tisches vom Bildrand abgeschnitten wird, ebenso, dass der Hocker vor dem Tisch und das runde Podest rechts im Bild nur jeweils mit ihrer Sitz- bzw. Stellfläche zu sehen sind, während gerade noch zu sehende Beine am unteren Bildrand verschwinden. Einen weiteren Beitrag zur Erzielung plastischer Tiefe leistet das im linken Hintergrund befindliche zweistufige Wandbord, dessen Stufigkeit durch die herunterhängende Decke betont wird. Verbindungen zwischen den Ebenen entstehen durch das vom rechten Bildhintergrund auf die mittlere Ebene zeigende Schwert sowie insbesondere die in ein Buch auf dem Tisch im Mittelgrund eingeklemmte Zeichnung, die vom Tisch herunterhängt und in die vorderste Ebene hineinragt. Auch die Anordnung der schräg stehenden Bücher auf dem Tisch des Mittelgrundes wie auch die geöffnete Schranktür im Hintergrund geben dem Raum Tiefe.

Die Lichtführung erfolgt von oben links nach unten rechts, so dass das Licht voll auf den im Bildmittelpunkt angeordneten Totenkopf fällt, während die Gegenstände auf der rechten mittleren mittleren und hinteren Bildseite sich im Schatten befinden und nur durch die Verwendung von Farben auffallen. Das einfallende Licht wird von hellen Gegenständen, der Laute in der linken Bildhälfte und dem Globus in der rechten Bildhälfte reflektiert, so dass diese einen Rahmen um den Tisch im Mittelgrund bilden, auf dem wiederum die bereits erwähnte Zeichnung sowie eine aufgeschlagene Partitur und eine Spanschachtel als sehr helle Gegenstände eine Art Unterlage für den Totenkopf bilden und diesen weiter hervorheben.

Die Anordnung der Gegenstände im Bild ist so beschaffen, dass sie einen Kreis um den sich im Bildzentrum befindlichen Totenkopf bilden; bezieht man die Ebenen mit ein, handelt es sich um eine ellipsenförmige Anordnung.

Die Farbgebung des Bildes ist - abgesehen von den erwähnten hellen Gegenständen - überwiegend in erdig-braun-goldenen Tönen gehalten, von denen nur Rottöne im Bildhintergrund (Innenseite der offenen Tür des Wandschrankes und Hängeseile von Sanduhr und Kerzenhalter) abweichen. Diese abweichenden Farben unterstützen die Bildkomposition, indem sie einen weiteren Rahmen um das Bildzentrum bilden.

Gesamtdeutung
Unter Berücksichtung der zentralen Positionierung des Totenkopfes und der von der anhängenden Aufschrift gelieferten Metaebene ist das gesamte Gemälde als ein sogenanntes vanitas-Stilleben, wie auch bereits der Titel des Gemäldes sagt, zu sehen. Teilweise beinhalten einzelne Bildgegenstände bereits in sich den Gedanken der Vergänglichkeit alles Irdischen. Ein anderer Teil der Bildgegenstände stellt einfach menschliche Errungenschaften, Verhaltensweisen und Werthaltungen dar. Diese sind, wie z.B. Wissenschafts- und Fortschrittsglaube, Ruhm durch Tapferkeit, Herrschaft und Reichtum Kennzeichen einer Haltung, die sich am Diesseits orientiert und die Erfüllung des menschlichen Lebens verspricht. Es sind Gegenstände, die der Selbstbehauptung des Menschen dienen. Die Metaebenen lassen jedoch auch diese Gegenstände unter dem Gesichtspunkt der Vergänglichkeit erscheinen und zwingen den Betrachter dazu, daran zu denken, dass er keine der irdischen Errungenschaften nach dem Tod behalten kann, sondern dass er nur tote, leblose Dinge zurückläßt. Somit wird er angehalten, angesichts seiner eigenen Sterblichkeit den Wert dieser Dinge zu relativieren und sich an bleibenden Werten zu orientieren. Diese findet er nur im Glauben an das Jenseits, in dem ihm ein ewiges Leben und ein Leben in der Herrlichkeit Gottes als Erlösung von der irdischen Beschränktheit angeboten wird. Insofern ist das Gemälde Ausdruck des Sicherheitsbedürfnisses der zeitgenössischen Menschen, resultierend aus den Verunsicherungen durch Kriege und durch die Umstürzung des bisherigen Weltbildes. Das Gemälde versichert den Menschen der Existenz Gottes und seiner Gnade, die zu erlangen der Mensch jedoch verdienen muß, indem er sich an den richtigen Werten orientiert. Die Gegenstände lassen das Bild unschwer in das Zeitalter des Barock einordnen: zum einen stellen sie den Entwicklungsstand der jeweiligen Gegenstände zu dieser Zeit dar, zum anderen machen insbesondere die von Reichtum zeugenden Gegenstände (Pokale, Rüstung) das Zeittypische deutlich.