Sanduhr

Beschreibung: Im Bildhintergrund ist eine in einem hölzernen Gestell mit gedrechselten Säulen befindliche, von der Decke hängende Sanduhr zu sehen. Sie nimmt innerhalb des dargestellten Raumes einen gut sichtbaren Platz ein. In dem oberen Kolben befindet sich nur noch eine geringe Menge Sand, so dass die Uhr in Kürze ablaufen wird.

Kulturgeschichtlicher Hintergrund: Die Sanduhr besteht aus zwei Glaskolben, die jeweils am Hals mit einander verbunden sind. Der durch diese Engstelle rieselnde Sand mußte so geregelt werden, dass das Durchfließen geregelt erfolgte, wozu eine Lochblende aus Metall, Glas, Holz oder Glimmer zwischen den Kolben angebracht wurde. Um eine zuverlässige Zeitmessung zu erreichen, wurde ein sehr kleinkörniger und homogener Sand verwendet; gelegentlich nahm man auch Marmorstaub, Bleisand oder auch zerriebene Eierschalen. Je nach Menge des Sandes und Größe der Lochblende messen Sanduhren verschieden lange Zeitspannen. Sehr gebräuchlich waren Sanduhren, die eine halbe Stunde anzeigten. Solche wurden z.B. in Kirchen verwendet: sie wurden auf der Kanzelbrüstung sichtbar aufgestellt, um den Priester daran zu erinnern, dass seine Predigt innerhalb der halben Stunde beendet sein sollte. Gleiche Verwendung fand die Sanduhr vor Gericht, um die Zeit der Plädoyers zu bemessen. Der heute noch in der Schiffahrt benutzte Ausdruck „Glasen" für einen Zeitabschnitt stammt ebenfalls vom Gebrauch von Sanduhren. Dort wurde die Schiffswache alle vier Stunden ausgetauscht, so dass eine halbstündige Sanduhr achtmal durchlaufen mußte; daher nennt sich der Zeitraum von 4 Stunden 8 Glasen.

Sanduhren waren vermutlich Geräte zur Zeitmessung, die schon im frühen Mittelalter bekannt waren. Allerdings stammt der erste Nachweis ihrer Existenz aus der Fresko „Die gute und die schlechte Regierung", das 1338 von Lorenzetti für den Palazzo Pubblico in Siena gemalt wurde. Seit dieser Zeit gibt es zahlreiche Belege für Sanduhren, die auch gläserne Uhren genannt wurden, in ganz Europa. Neben Sanduhren waren gebräuchliche Instrumente der Zeitmessung mechanische Uhren, die ebenfalls seit dem Frühmittelalter belegt sind und von Mönchen erfunden wurden. Sie waren regelmäßig mit einem Schlagwerk bzw. einer Glocke verbunden, um den Ablauf einer Zeitspanne weithin hörbar anzuzeigen. Wegen der Größe dieser Uhren und auch wegen der Kosten ihrer Herstellung gab es sich zunächst nur in Klöstern und in Kirchen. Entsprechend richtete sich das mittelalterliche Leben weithin nach den von der Kirche vorgegebenen Stunden, da die Tageseinteilung der Mönche und Nonnen von den Uhren angegeben wurde. Seit dem 15. Jahrhundert findet man dann auch öffentliche Uhrentürme, vor allem an Rathäusern, mit denen wohlhabende Städte ihren Reichtum anzeigten. Sie läuteten die Öffnung und Schließung der Stadttore, Beginn und Ende von Markt und Gericht sowie andere wichtige Ereignisse in der Stadt ein und zeigten deren Ende an. Auch reiche Adlige schmückten ihre Schlösser mit Turmuhren. Mit den öffentlichen Uhren wurde dann auch die Stunde geschlagen, so dass zunehmend das Leben nicht mehr nur nach kirchlichen Vorgaben eingeteilt wurde. Nach dieser Verweltlichung der Zeit setzte dann ab 1430 mit der Erfindung der Taschenuhr durch Peter Henlein, der durch die weitere Verbesserung des Federantriebs handliche und genaue Uhren herstellte, eine Individualisierung der Zeitmessung ein, d.h. die Zeiteinteilung des Menschen wurde unabhängig von kirchlichen und öffentlichen Zeitankündigungen.

Deutung: In der ersten erhalten Darstellung der Sanduhr von Lorenzetti (s.o.) ist sie ein Attribut der guten Regierung, die mit Maß ihre Geschäfte führt und für das Wohlergehen ihrer Untertanen sorgt, so dass sie als Symbol der Mäßigung (temperantia) gedeutet werden muß, d.h. sie steht für die Mäßigung von Leidenschaften, in die sich zu ergeben nur Unheil erzeugt1. Generell kann die Uhr, und damit auch die Sanduhr, als ein Symbol des Ablaufens der Zeit gesehen werden, d.h. sie erinnert an die Vergänglichkeit und damit auch an die Sterblichkeit des Menschen. In diesem Zusammenhang ist sie ein memento mori-Symbol, eine Deutung, die durch das Auftauchen der Sanduhr in zahlreichen Totentanz-Darstellungen des 15. bis 17. Jhs. unterstrichen wird.

1 vgl. Dieter Lohr, Sand- und Räderuhren in der Malerei, http://kops.ub.uni-konstanz.de/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-4584/458_1.pdf?sequence=1 [entnommen 16.3.2012], auch: Harry Kühnel, Alltag im Spätmittelalter, 3Graz 1986, S. 9 ff.