Goldene Pokale und Gläser

Beschreibung: Im linken Hintergrund auf dem oberen eines zweistufigen Wandbords, das mit einer grünen Decke bedeckt ist, befinden sich zwei Trinkgläser aus Opakglas, die jeweils am oberen und unteren Rand schlicht vergoldet sind. Ihre Plazierung ist so beschaffen, dass sie jeweils zwischen drei Pokalen, die auf dem unteren Bord stehen, angeordnet sind. Alle drei Pokale sind mit reichen Goldschmiedearbeiten verziert, vor allem der mittlere erinnert durch seine barocken Verzierungen an einen Meßkelch. Die beiden anderen, ihn einrahmenden Pokale sind fast gleich gearbeitet. Ihre Verzierung besteht aus einem Traubenmotiv; der Kelch des linken Pokals ruht auf einer männlichen Figur mit einem Stab in der Hand, die das Verbindungsglied zum Pokalfuß darstellt. Der Kelch des rechten Pokals ruht auf einer korrespondierenden weiblichen Figur, ebenfalls mit einem Stab in der Hand. Die Anordnung der Stücke scheint sie als Schaustücke auszuweisen. Das auf sie fallende Licht erzeugt eine Spiegelung auf der darunter befindlichen Decke.

Kultureller Zusammenhang: Verarbeitung von Gold ist in Europa seit dem 3. Jahrtausend v.Chr. bekannt, und zwar wurde Gold sowohl zu Schmuck als auch zu Kultgeräten und Prunkwaffen oder auch als Zierde an Pferdegeschirr verarbeitet. Goldschmiedearbeiten dienten dazu, den Status des jeweiligen Besitzers, in der Regel eines Fürsten, auszudrücken und wurden daher auch den Toten in ihre Gräber mitgegeben, damit sie auch nach dem Tode in ihrem neuen Leben im Jenseits ihren Status beibehalten konnten. Im Zuge der Völkerwanderung und der Christianisierung Europas wurden Goldschmiedearbeiten sowohl von den adligen Herrschern als vor allem auch von der Kirche in Auftrag gegeben und benutzt, und zwar als Zeichen der Herrschaft bzw. als liturgische Geräte. Im Zuge des Frühkapitalismus und des damit sich verbreitenden Wohlstands bedeutender bürgerlicher Handelsherren fanden Goldarbeiten seit dem 15. Jh. von Italien ausgehend auch Eingang in weitere Schichten, wenngleich sie in nichtkirchlichem Zusammenhang in erster Linie aufgrund ihres Preises in erster Linie von dem zunehmend auf prunkvolle Repräsentation setzenden Adel benutzt wurden.

Trinkgläser waren ebenfalls nur in wohlhabenden oder reichen Häusern anzutreffen, da der Herstellungsprozeß von Glas langwierig war. Wie selten und auch wie teuer Glas im Mittelalter war, zeigt sich daran, dass selbst die Burgen adliger Herren nur in den seltensten Fällen Glasfenster besaßen. Erst seit dem 15. Jh. wurde zunehmend Fensterglas verwendet, das jedoch bis zum Zeitalter der Industrialisierung weiterhin sehr teuer blieb.

Deutung: Der durch den Preis bedingte Verwendungszweck von Goldschmiedearbeiten läßt diese als Symbole von Herrschaft und gleichzeitig auch als Symbole des Heiligen erscheinen (man denke an die goldenen Heiligenscheine in mittelalterlichen Darstellungen). Von Bedeutung scheint jedoch die Verzierung mit Trauben zu sein. Trauben werden gemeinhin als Symbole des Blutes Christi1 gedeutet, eine Verbindung, die durch die Wandlung von Wein in das Blut Christi zustande kommt. In dieser Sicht gewinnen auch die männliche und die weibliche Figur unterhalb des Pokals Bedeutung: geht man davon aus, dass die Traubenkelche auf Christus hinweisen, so erscheinen diese Figuren in der von der christlichen Lehre den Menschen zugedachten Rolle. Sie befinden sich gebückt auf der Erde, d.h. sie tragen die Lasten des irdischen Daseins, das auch als Jammertal aufgefaßt wird, und ihre Sünden werden durch das Opfer Christi gesühnt, so dass sie letztlich erlöst werden können. Zusammen mit den Glasbechern, die Zerbrechlichkeit symbolisieren, zeigt diese Gruppe aus Pokalen und Gläsern die Vergänglichkeit und damit Überflüssigkeit des Reichtums (vanitas-Motiv) und verweist auf die Erlösung des Menschen durch Christus, an die gemahnt wird.

1 http://urgrunz.de/page/Kunstunterricht/bildanalyse/Bildsymbole.doc [entnommen 16.3.2012]