Projektbeschreibung

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Das Projekt der Q 1 - früher Stufe 12 - dieses Jahres wurde nach etwas modifizierten Regeln durchgeführt. War es in der Vergangenheit so, dass alle Leistungskurse und damit alle Schüler einer Stufe aus der Sicht ihrer Fächer einen Beitrag zu einem gemeinsamen Projektthema lieferten, so stellte sich dieses Vorgehen für den Doppeljahrgang aus G 8 und G 9-Schülern als schwierig heraus, ist doch die Zahl der Leistungskurse sehr groß und die Kombination sehr heterogen. Dieser Tatbestand führte dazu, dass das hier gezeigte Projekt sich auf die Zusammenarbeit der LK Deutsch und Englisch beschränkt und somit immer noch den geforderten fächerübergreifenden Aspekt wahrt. Die fächerübergreifende Arbeit ist einmal durch die Projektstruktur selbst gegeben, die die Berücksichtigung der Fächer Kunst und Geschichte fordert. Der Bezug zum Fach Englisch wird nicht nur durch die Auswahl der Gemälde (s.u.) hergestellt, sondern auch durch die Tatsache, dass die notwendigen Recherchen der Schüler zwangsläufig dazu führen werden, dass ein erheblicher Teil der zu findenden Literatur in englischer Sprache verfaßt ist, so dass die Schüler hier bereits erleben können, dass Englisch als lingua franca der heutigen Zeit unausweichlich ist.

Die Themenwahl resultierte aus einem Gespräch im LK Deutsch über die Zahl und die Art der in den Vorgaben für die Abiturprüfung vorgeschriebenen Texte und Themen. Eine Übersicht über diese machte schnell klar, dass für Gegenstände außerhalb dieser wenig Zeit bleiben würde, ist es doch ein verständliches Anliegen der Schüler, dass die Obligatorik ausführlich behandelt wird. Auch wenn theoretische Ausführungen zur Didaktik immer wieder den „Mut zur Lücke" propagieren, sprechen sowohl die Bedürfnisse der Schüler als auch langjährige Unterrichtserfahrung eine andere Sprache. Insbesondere zeigt die Erfahrung, dass Schüler ein hinreichendes Wissen über die Entstehungszeit eines literarischen Werkes besitzen und die Wissensbestandteile in einen Zusammenhang bringen müssen, um dieses wirklich zu verstehen. Mit anderen Worten: Sie müssen sich eine Vorstellung vom Leben der Zeit machen können, wenn vermieden werden soll, dass die Behandlung eines literarischen Werkes einfach nur aufgesetzt bleibt und sich darauf beschränkt, Fachmethoden anzuwenden.

Aus dieser Bestandsaufnahme entstand der Gedanke, die Projekttage, die immerhin die Möglichkeit boten, sich drei Tage lang nur mit einem Thema zu befassen, dafür zu nutzen, etwas mehr Einblick in das Leben der Menschen verschiedener Epochen zu gewinnen. Um dabei nicht nur Texte zu lesen und die Umsetzung in eine Vorstellung dem Vermögen dazu zu überlassen, wurde die Idee entwickelt, als Grundlage der Erarbeitung Gemälde und Fotografien zu verwenden. Der gewünschte Nebeneffekt sollte sein, die medienbedingte Gewohnheit, Bilder nur eben flüchtig an sich vorbeiziehen zu lassen, durch genaues Hinsehen zu ersetzen.

Von allen Gemäldegattungen schien die Genremalerei die für das Projekt Geeigneteste zu sein, liefert sie doch wesensmäßig eine Abbildung von Alltagsszenen als Schilderung von Lebensformen eines Volkes und seiner landschaftlichen Umgebung1, und das „depicted down to the smallest, most prosaic detail"2.

Der Umstand, dass der LK Englisch in das ursprünglich im LK Deutsch entwickelte Projekt einstieg, löste zumindest teilweise das Problem, dass Genremalerei als primär bürgerliche Kunst in Deutschland verspätet einsetzte, da im Deutschland des 18. Jahrhunderts „a conscious, not to say self-conscious middle-class outlook […] expression not in painting, but in literature"3 fand. Erst im Biedermeier-Deutschland des 19. Jhs. setzte sich Genremalerei als eine Erscheinung durch, als, „executed […] with an emphasis on the small and intimate, [genre paintings] satisfied the needs of the ordinary German Bürger who, apathetic to the wider issues of history and politics, did not require art to range beyond the narrow confines of his native province"4. Die conversation pieces, die sich ab den 1720er Jahren in England als Selbstdarstellung der gentry und der aufstrebenden upper middle class entwickelten, boten sich an, die „Lücke" für Deutschland zu füllen. Conversation pieces zeigen meist Gruppenportraits, wobei diese Gruppen in der Regel im Gespräch oder bei gemeinsamen Aktivitäten dargestellt werden, woraus die Bezeichnung für diese Art Gemälde resultiert. Die Verbreitung der Umgangsformen der polite society und die Bedeutung von höflicher Konversation für deren Zusammenhalt machten conversation pieces dann zu „objects that were perceived to be interesting enough to spark conversation about them"5, vor allem weil sie einen „stimulus for prop-based conversation openers"6 boten.

Stellen die Gemälde des 18. und der 1. Hälfte des 19. Jhs. in erster Linie bürgerliche Verhältnisse dar, so ist es ab der 2. Hälfte des 19. Jhs. möglich, Darstellungen derjenigen Bevölkerungsschichten einzubeziehen, für die sich bei den älteren Gemälden eher die Frage stellt, warum sie nicht oder sehr selten auftauchen. Entsprechend wurden Gemälde mit ausgewählt, die Szenen aus dem Leben der Industriearbeiterschaft zeigen. Die Entwicklung der Fotografie erlaubt es dann, für das 20. Jahrhundert auch Fotos zur Grundlage der Arbeit zu machen, zumal diese ebenfalls „Genreszenen" zeigen.

Weder alle Schüler des LK Deutsch noch alle des LK Englisch haben Kunst als Fach gewählt. Aus diesem Grund erschien es zweckdienlich, den Schülern eine detaillierte Anleitung zum Umgang mit den Gemälden zur Verfügung zu stellen - auch wenn diese teilweise von der strikten Abfolge der Bildanalyse im Fach Kunst abweicht -, die den Sinn hatte, die Arbeit vorzustrukturieren und unnötigen Zeitverlust zu vermeiden. Ebenfalls wurde den Schülern ein sachgerechter Ablauf der von ihnen in Partnerarbeit zu bewältigenden Arbeitsschritte und ein Beispiel für eine Bildinterpretation unter Einbeziehung kulturgeschichtlicher Aspekte vorgestellt. Diese starke Vorstrukturierung durch die Lehrkräfte rechtfertigt sich zum einen aus der Reduzierung der Projekttage auf drei, zum anderen aus den umfangreichen Recherchen, die die Schüler anstellen müssen. Kriterien für die Bewertung der Schülerleistung sind:

  • Entwicklung der zu untersuchenden Fragen aus der Bildbeschreibung

  • Umfang und Güte der Recherchen

  • Umfang und Güte der zu erstellenden erläuternden Texte

  • Einhaltung der vorgegebenen formalen Anforderungen

  • sowie Zielgerichtetheit und Ausdauer bei der Bearbeitung der Aufgaben

Es soll nicht verschwiegen werden, dass Projektarbeit, sofern sie nicht ausschließlich auf kreative Gestaltung bereits erarbeiteten Stoffes beschränkt ist, gewisse Schweirigkeiten aufwirft. Dies gilt umso mehr für ein Projekt wie das vorliegende: Eigentlich erforderte es eine Erarbeitung, die im Sinne einer Literaturarbeit mindestens auf einem Überblick über den Forschungsstand zu den einzelnen Aspekten beruhen und zu einer Abwägung der in der Literatur vertretenen Ansichten gelangen würde. Unter schulischen Bedingungen ist eine derartige Vorgehensweise jedoch nicht möglich, insbesondere dann nicht, wenn die Schule in einem ländlichen Raum fern von Universitätsbibliotheken angesiedelt ist. Die Entwicklung von Fragestellungen zur Erarbeitung eines Aspektes ist es nämlich erst, die bestimmt, auf welche Sekundärliteratur zurückgegriffen werden muß, und der Zeitraum von der Bibliographie bis zum Eintreffen per Fernleihe bestellter Bücher ist auch bei der schnellsten Prozedur grundsätzlich so lang, dass die Projekttage längst beendet sind, bis das erste Buch eintrifft. Zwar ist es durchaus möglich, Internetrecherchen durchzuführen. Deren Ergebnis ist jedoch eher zufällig in dem Sinne, dass die Treffer - auch bei den geeignetesten und durchdachtesten Schlagwortsuchen - immer davon abhängig ist, dass Institutionen, Autoren oder Interessierte etwas ins Netz eingestellt haben. Dazu kommt die entsprechende Schwierigkeit der Verifizierung der gefundenen Aussagen.

Die geschilderten Schwierigkeiten gelten nicht nur für die Schüler, sondern auch für die die Projektarbeit vorbereitenden Lehrer. Auch wenn diese gerne eine nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte Projektvorbereitung erstellen würden, stoßen sie auf die zuvor skizzierten Probleme wie auch auf die Tatsache, dass zu einer wissenschaftlichen Erarbeitung, wie jeder sie während seines Studiums praktiziert hat, schlichtweg die Zeit fehlt.

So müssen alle Beteiligten in Kauf nehmen, aber sich auch bewusst sein, dass Unvollständigkeit der Ergebnisse und in gewissem Sinne auch mangelnde Nachprüfbarkeit insofern vorprogrammiert sind. Allerdings ist zu hoffen, dass die Projektarbeit wenigstens ein Orientierungswissen vermittelt, und darüber hinaus die Fähigkeit, die „richtigen" Fragen zu stellen, geübt wird. Das ist allerdings auch schon ein bedeutsamer Schritt des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens.

Mögen die Betrachter unserer Arbeit diese unter den genannten Konditionen dennoch erbaulich finden!

1 http://de.wikipedia.org/wiki/Genremalerei [entnommen 17.3.2012]

2 B.E. Schatzky, Genre Painting and the German Tragedy of Common Life.- In: The Modern Language Review vol. 54, no. 3 (July 1959), pp. 358

3 ebda.

4 ebda.

5 ebda.

6 ebda.