Relief
Beschreibung: Im Vordergrund ist, halb verdeckt von Goethes Bein und dem ägyptischen Obelisken, ein griechisches Marmorrelief zu sehen. Die obere rechte Ecke ist abgebrochen. Der Stein ist mit Moos bewachsen und wird von Efeu umrankt. Auf dem Relief sind mehrere, teils nackte und gefesselte Personen zu sehen. Zwei davon (eine Frau und ein Mann) scheinen miteinander zu reden.

Kulturgeschichtlicher Zusammenhang: Ein Relief ist ein Kunstwerk, welches Situationen, Personen oder Gegenstände plastisch hervorhebt. Reliefe waren bereits zur Zeit des antiken Griechenlands beliebte Kunstwerke. Mythen und Legenden wurden mit viel Detail in das Material gemeißelt. Man verwendet vornehmlich Stein wie Marmor, aber auch Holz, Metall, Elfenbein, Eis oder sogar Schokolade.

Auf dem Relief in Tischbeins Bild ist eine Szene aus dem griechischen Tantalidenmythos von Euripides zu sehen: die Begegnung der Iphigenie mit ihrem Bruder Orest. Zur Zeit seines Aufenthalts in Italien arbeitete Goethe an der Versfassung seines Dramas „Iphigenie auf Tauris“, welches ebenfalls diese Szene beinhaltet.

In der Epoche der Klassik, in welcher das Portrait entstand, war die Rückbesinnung auf die Antike üblich. Die Menschen strebten nach Harmonie, Humanität und Toleranz, welche – so glaubte man - in antiken Mythen und Legenden vorgelebt wurden. Die griechischen Werke sollten nachgeahmt werden, um den maßvollen Ausgleich zwischen Leidenschaften und Vernunft zu erreichen, den eigenen Charakter zu veredeln und dadurch wirkliche Humanität zu leben.

Deutung: Die Darstellung der Iphigenienszene spielt auf Goethes Tätigkeit als Dichter an, ohne sie direkt aufzuzeigen. Die Humanität Iphigenies, ein zentraler Bestandteil des Dramas, wird augenscheinlich als Teil von Goethes Wesen dargestellt. Außerdem lassen sich Parallelen zwischen Goethe und Orest ziehen: beide sind Reisende auf der Suche nach Befreiung.

Die Efeuranke steht für die Entstehung von etwas Neuem auf der Basis von etwas Altem, so wie die antike Kultur in der Klassik wieder auflebt.