Johann Heinrich Wilhelm Tischbein , Goethe in der Campagna , 1787

Das Bild wurde von Julia Richter und Ulrike Schulte bearbeitet.

164 x 206 cm, Öl auf Leinwand, Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, Frankfurt am Main

Bildkomposition:

Das Bild ist in drei gestaffelten Ebenen aufgebaut, welche dem Bild Tiefe verleihen. Die erste ist der Vordergrund, in dem Goethe auf antiken Steinquadern sitzend zu sehen ist. Im Mittelgrund, der zweiten Ebene, ist die Landschaft der Campagna Romana mit verschiedenen Ruinen und teils alten Gebäuden erkennbar. Der Hintergrund zeigt eine Gebirgskette sowie Überreste eines römischen Aquädukts und den Himmel. Die Ebenen werden durch den Körper Goethes miteinander verbunden.

Der Bildraum wird durch eine Diagonale von links oben nach rechts unten in zwei Hälften geteilt. Die untere Hälfte wird dabei von Goethes Körper, die obere von der Landschaft eingenommen.

Die Linienführung im Bild ist größtenteils horizontal. Fast alle Linien laufen auf Goethes Gesicht zu, wodurch auch das Auge des Betrachters dorthin gelenkt wird. Dazu trägt auch die Horizonthöhe bei, die leicht unterhalb von Goethes Kopf verläuft. So wird Goethe über den Betrachter gehoben.

Das Licht fällt von oben links ein, sodass Goethes Gesicht betont wird. Goethes Umhang und das Relief reflektieren das Licht zusätzlich, wodurch er speziell hervorgehoben wird. Die Farben der Umgebung sind überwiegend grün bis bräunlich gehalten, nur an Goethes Kleidung treten Farben wie rot oder gelb hervor. Auffällig ist, dass der Himmel um Goethes Kopf herum wolkenfrei ist. Dies verstärkt die Aufmerksamkeit auf sein Gesicht.

Gesamtdeutung

Das Gemälde Tischbeins ist einerseits ein Portrait, andererseits ein Landschaftsbild. Für ersteres ist der Hintergrund zu groß, da bei einem Portrait eigentlich der Fokus auf der abgebildeten Person liegt. Für letzteres nimmt Goethe zu viel Bildfläche ein.

Man kann es als Seelenlandschaft bezeichnen, da Goethe vor allem geistig mit seiner Umgebung verbunden ist, nämlich den Überresten der antiken Welt.

Diese sind einem Zeitstrahl ähnlich angeordnet: zunächst der Obelisk als Repräsentant des alten Ägypten, dann das Relief, dem griechischen Mythos entnommen, und schließlich das römische Säulenkapitell. Diese Anordnung bildet die Grundlage, auf der Goethe seine klassischen Werke aufbaut. Um den Aspekt der Italienreise, auf der Goethe sich befand, zu unterstützen sind zusätzlich römisch-antike Monumente zu sehen. Hier wird der Irrtum deutlich, dass während der Klassik zwischen der römischen und griechischen Kultur nicht ausreichend unterschieden wurde, da Goethe sich bei seiner Arbeit an Iphigenie auf Tauris eigentlich nur auf den griechischen Mythos bezog.

Goethe, überlebensgroß dargestellt, ist in dem Bild ein Repräsentant des Weltbürgertums. Seine Gesichtszüge sind idealisiert und seine Kleidung sehr edel. Außerdem wird er als Meister der deutschen Dichtkunst gezeigt: er „schwebt“ über dem Betrachter und wird durch einen „Heiligenschein“ und sein helles Gewand hervorgehoben. Die Anspielung auf seine Tätigkeit erfolgt indirekt, indem das Relief eine Szene aus Iphigenie auf Tauris darstellt.

An dem Relief und den umliegenden Überresten wird auch sehr schön das Motiv von Zerfall und Neubeginn deutlich. Auf ihnen wächst neues Leben in Gestalt der Pflanzen. Außerdem kommt dem Obelisken eine neue Funktion zu, zuerst war er ein Symbol für den Sonnengott, nun dient er Goethe als Ruhestätte. Dies bezieht sich auf die Haltung zur Antike in der Klassik, als auf deren Werte wieder Bezug genommen wurde.

Ein weiteres wichtiges Motiv ist die Verbindung von Natur und Kultur. Diese wird einerseits deutlich darin, dass die Natur die Monumente sich langsam einverleibt, andererseits darin, dass Goethe selbst die Natur nutzt, um seinen Beitrag zur Kultur zu leisten.

Das Gemälde ist sehr detailreich. Es zeigt die Gesinnung in der Epoche der Klassik deutlich auf: die Rückbesinnung auf die Antike als Vorbild. Goethe als typischer Vertreter dieser Epoche wird dabei idealisiert in Szene gesetzt.