Schenkung eines Bürgers an Arme und Bedürftige , 1750

Das Bild wurde von Dennis Bernhardt und Hannah Lettmann bearbeitet.

Kupferstich im Querformat, 34 x 25 cm, unbekannter Künstler

Bildkomposition: Der Kupferstich „Schenkung eines Bürgers an Kranke und Bedürftige“ zeigt seinem Titel entsprechend eine tugendhafte, nachahmenswerte Handlung: Ein vornehm gekleideter Bürger steht vor seinem Anwesen einer Gruppe von in Lumpen gekleideter Armer und Kranker gegenüber, die ihm bittend die Hände entgegenstrecken. Der Bürger verliest eine Schriftrolle, wahrscheinlich vermacht er ihnen ein Stück Land.

Der Kupferstich ist dem Bildtypus der Genremalerei zuzuordnen, wobei eine Alltagsszene abgebildet werden sollte. Häufig wurden Menschengruppen während einer Handlung dargestellt. Die Lebensverhältnisse des Volkes sollten realistisch geschildert werden, wobei auch der moralische Gehalt von Bedeutung war: Die Schenkung an Arme wird als beispielhafte Handlung dargestellt und soll einen Anreiz zum Nachdenken geben.1

Der Hintergrund zeigt zwei weitere bürgerliche Häuser in einer ländlichen Umgebung sowie vier andere Bedürftige, die sich vom Anwesen des Bürgers im Vordergrund entfernen, möglicherweise wurden sie von ihm bereits beschenkt

Das Bild setzt sich aus drei Ebenen zusammen: Im Vordergrund ist der Bürger mit einer Gruppe von Armen und Gebrechlichen zu sehen. Der Mittelgrund zeigt ein weiteres bürgerliches Haus mit Bettlern, während im Hintergrund Felder und zwei weitere Bedürftige zu sehen sind, sodass der Fokus auf dem Bürger liegt und dessen tugendhafte Handlung im Mittelpunkt des Werkes steht.

Der Betrachter nimmt die Perspektive eines neutralen Beobachters ein, was zum Nachdenken über die gezeigte Situation anregen und die beispielhafte Handlung betonen soll. Dadurch, dass er nicht in das Bild einbezogen wird, entsteht eine kritische Distanz, die die Möglichkeit zur Reflexion über die dargestellte Szene eröffnet.

Der Bildraum wird durch zwei Goldene Schnitte aufgeteilt: Der Bürger und die Mauer im Mittelgrund grenzen die Handlung ein und bilden ihren Rahmen.

Durch die Kupferstich-Technik entsteht eine Parallelität der Strichführung, die schwellende Linie ist  für den Kupferstich markant.

Weiterhin bilden die geometrischen und symmetrischen Formen der Häuser einen Kontrast zu den Bettlern, wodurch diese angesichts der wohlhabenden Umgebung fremd anmuten, was ihre soziale Situation unterstreicht, zudem wird durch die Diagonale der Häuseranordnung und Objektverdeckung Raumtiefe geschaffen.

Als natürliche Lichtquelle dient die Sonne, die von links oben einfällt und damit im Rücken des Bürgers steht. Dies betont dessen Wohlstand, wobei auch die Bettler von der Sonne beschienen werden, was die Wohltat des Bürgers hervorhebt.

Die verschiedenen Bildebenen werden durch die Mauer, die im Goldenen Schnitt angeordnet ist, zunächst getrennt, sodass der Fokus auf dem Bürger und seiner Handlung liegt. Verbunden werden die Ebenen durch die Anordnung der Bettler, die sich sowohl im Vorder-, Mittel- als auch Hintergrund aufhalten.

Das Auge des Betrachters wird zunächst auf den Mittelpunkt des Bildes gelenkt: Man betrachtet die Schriftrolle, die vom Bürger gehalten und verlesen wird sowie den Bürger selbst und danach die Gruppe der Armen. Der Blick wird im Anschluss daran auf die Umgebung gelenkt, sodass der Kontrast zwischen der wohlhabenden, bürgerlichen Wohngegend und den Armen deutlich wird. Daraus leitet sich die Geschichte, die das Bild erzählt, ab: Arme und Bedürftige werden durch einen reichen Bürger mit einem Stück Land, Geld oder Sachgegenständen beschenkt.

Gesamtdeutung: Der vorliegende Kupferstich dient der Darstellung einer beispiel- und tugendhaften Handlung, die zum Nachdenken und Nachahmen anregen soll, wobei besonders die wohlhabenden bürgerlichen Hausherren als Leser des Hausbuches, in dem die Illustration abgebildet wird, angesprochen sind. Aus diesem Grund übergibt auch ein Bürger das Geschenk.

Die Tat des Bürgers wird als mild, wohltätig und positiv dargestellt, was die Tugendhaftigkeit unterstreicht und nachahmenswert erscheinen lässt.

Die Illustration vermittelt somit eine Moral, da der Bürger eine Vorbildfunktion erhält. Durch die Neutralität der Perspektive ist die Botschaft nicht aufdringlich, regt aber dennoch zum Nachdenken an.

Durch die Säkularisierung ist die gesellschaftliche Wichtigkeit der Kirche gesunken und im Kupferstich deshalb nicht mehr vorhanden. König und Geistliche fehlen also, welche eigentlich typisch für die Zeit der Aufklärung sind. Das Fehlen dieser herrschenden Instanzen zeigt die Einstellung des Künstlers ihnen gegenüber: Könige und Kirche können oder wollen nicht beschenken oder helfen, von ihnen werden ohnehin keine milden Gaben erwartet.

Dies ist typisch für die aufklärerische Überzeugung, sich selber helfen zu müssen.

Darüber hinaus ist die Darstellung realistisch, da sie zeitgemäße und keine irrealen Bildelemente enthält, die die Botschaft des Bildes verfälschen könnten. Beispielsweise waren Perücken für bestimmte Gesellschaftsschichten verboten, sie dienten als Statusobjekt und waren aufgrund der Verzierungen und des Puders sehr teuer, weswegen sich die Bettler weder diese noch notwendige Alltagskleidung wie Schuhe leisten konnten.

Der Kupferstich kann insofern als repräsentativ für die Epoche der Aufklärung angesehen werden, als dass Kupferstiche in hoher Stückzahl produziert werden und so weit verbreitet werden konnten. Da die Analphabetenrate noch sehr hoch war, konnte durch die darstellende Art des Kupferstiches leicht moralisches Gedankengut weitergegeben werden, insbesondere bezüglich der Hausväterliteratur waren sie für die Hausbücher typisch.

Kupferstich:

Namhafte Künstler fertigten seit der Renaissance Kupferstiche im Auftrag von Fürsten und Herrschern an. Sie waren eine Kunstform, die beliebt war bei Buchillustrationen, um deren äußeres Erscheinungsbild zu verschönern. Er war beliebt für die Abbildung von Städten, Herrschaftssitzen und Portraits. Ebenso diente er dem Zweck der Gemäldereproduktion, wurde dann aber abgelöst von der Aquatinta- und Schabtechnik, da hiermit detailliertere Grauabstufungen dargestellt werden konnten.

Durch die besondere Herstellungsweise, den Tiefdruck, sind immer charakteristische Merkmale eines Kupferstiches zu erkennen. Hierzu gehört immer eine gewisse Parallelität der Strichführung. Es gibt nur Punkte und Striche, keine Tonabstufungen und unter einer Lupe ist zu erkennen, dass jeder Strich oder Punkt in einer haarfeinen Linie beginnt, dann anschwillt und wieder in einer feinen Linie endet. Diese Linienführung wird „schwellende Linie“ oder „Taille“ genannt.

Ebenso hat jeder Strich gerade Ränder, was bedingt ist durch die Werkzeuge und die damit mögliche Herstellungstechnik.2

1 http://de.wikipedia.org/wiki/Genremalerei  26.03.12, 7:55
2 http://de.wikipedia.org/wiki/Kupferstich , 28.03.12, 10:44