William Powell Frith , The Railway Station , 1862

Das Bild wurde von Rebecca Lörwald und Tennyson Rajenthiran bearbeitet.

117 x 256 cm, Öl auf Leinwand, Royal Holloway Collection

Bildkomposition: Das Bild lässt sich in zwei Ebenen einteilen, durch die der Eindruck von Raumtiefe erzeugt wird. In der oberen Ebene ist die Architektur des Bahnhofes sichtbar. Dieser Teil des Bildes ist symmetrisch, wodurch Ruhe erzeugt wird und Harmonie vermittelt wird. Im Gegensatz dazu ist der untere Teil des Bildes asymmetrisch. Die Menschenmenge erzeugt eine Stimmung der Dynamik. Weiterhin verursacht die Aufbruchsstimmung der Menschenmenge eine Dramatisierung des Bildes. Der Künstler hat in seinem Werk die Fluchtpunktperspektive verwendet, denn alles läuft auf den Ausgang aus der Bahnhofshalle zu. Die Menschenmenge steht allerdings im Vordergrund des Geschehens. Ihre Bewegungen und Haltungen sind so eindeutig zu identifizieren. Es scheint, als wäre der Künstler Teil der Reisegesellschaft gewesen. Der Zug bildet die Verbindung zwischen den Ebenen, die von dem Goldenen Schnitt ebenfalls unterteilt werden. Dabei ist die Linienführung im oberen Bereich des Bildes so, wie die Bögen des Daches geformt sind. Im unteren Bereich ist keine klare Linienführung zu identifizieren, denn die Linienführung soll die Vielfältigkeit der Menschenmenge aufzeigen. Die beherrschenden Farben des Bildes sind bräunlich gelbe Farbtöne, die ein einheitliches Bild ergeben. Auf bestimmte Menschengruppen soll die besondere Aufmerksamkeit des Betrachters gelenkt werden. Dies ist auch durch die Farbgebung dieser zu erkennen. So sind die hauptagierenden Personen in hellen Tönen und Rottönen gestaltet worden. So unterstützen die Farben die jeweilige Ebene des Bildes. Durch die Fenster des Daches und des Bahnhofgeländes fällt das Licht auf die Menschen, sodass diese noch mehr in den Vordergrund gerückt werden. Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund des Bildes werden durch das Bildelement des Zuges verbunden. Er ist sowohl Symbol der Dynamik als auch Symbol der Statik. Durch die vielen Bildelemente erzeugt das Bild bei dem Betrachter eine große Spannung, sodass sein Auge von einer Person zur anderen gelenkt wird. Es gibt so viel in dem Bild zu betrachten, dass sich aus der einfachen Reisegesellschaft eine einheitliche Gemeinschaft formt, die dem Betrachter eine Geschichte erzählt.
Gesamtdeutung: Unter Berücksichtigung der Ebenen des Kunstwerkes und deren Bildelemente ist dieses Bild eindeutig als ein Genrebild zu identifizieren. Dadurch dass William Powell Frith mit einem Fotographen und einem Architekten zusammengearbeitet hatte, ist dieses Bild eine sehr detailgetreue Darstellung der alltäglichen Situation an der Paddington Station. Frith möchte mit seinem Werk das gesamte menschliche Leben in einer Alltagssituation zeigen. So lässt er ungefähr 100 verschiedene Menschen in seiner Kunst vorkommen und lässt sie alle unterschiedlich agieren. Daher warten die einen Menschen auf ihre Liebsten, die andern verabschieden sich oder warten einfach nur auf ihren Zug, um eine Reise anzutreten. Das Besondere an diesem Bild ist, dass Frith Menschen aus allen Standesschichten Englands zusammen kommen lässt. Diese umarmen sich auch, sodass jegliche Grenzen der Schichten aufgehoben werden. Dieses Bild entspricht zwar nicht der Wirklichkeit des englischen Alltags, allerdings ist die Situation des Bahnhofs repräsentativ für die Gesellschaft des viktorianischen Zeitalters. Um dies zu zeigen, nutzt Frith den Bahnhof. Der Bahnhof ist ein Ort, der sich immer wieder verändert, da die Züge sich nie lange an ein und demselben Ort aufhalten. Somit entsteht eine große Dynamik in dem Bild, sodass es wie eine erzählende Geschichte wirkt und der Betrachter von dieser gefesselt ist. Dieser Eindruck wird durch die Mode der Menschen unterstützt und die Architektur des Gebäudes bildet den Gegensatz zu der Menschenmenge. Allerdings schafft es Frith diese beiden Ebenen harmonisch zusammenlaufen zu lassen, sodass ein einheitliches Kunstwerk entsteht.

Goldener Schnitt: Lehnübersetzung von lat. sectio aurea = goldener Schnitt, golden in der Bed. von „schön, sodass man davon begeistert ist“ + Schnitt in der Bed. von „Unterteilung“.

Unter den Begriff „der goldene Schnitt“ versteht man ein bestimmtes Verhältnis zweier Zahlen, meist Längen von Strecken, das in der Kunst und Architektur oft als ideale Proportion und als Inbegriff von Ästhetik und Harmonie angesehen wird. Außerdem tritt es auch in der Natur in Erscheinung und zeichnet sich durch eine Reihe interessanter mathematischer Eigenschaften aus. Zwei Strecken stehen im Verhältnis des goldenen Schnittes, wenn sich die größere zur kleineren verhält wie die Summe aus beiden zur Größeren und somit sich ein Längenverhältnis von 5:8 ergibt.