Frau links
Beschreibung: Die Frau auf der linken Seite sitzt auf der Bank neben einem Mann. Sie ist in einer geraden Sitzposition abgebildet. In ihrer Hand hält sie Stricknadeln und strickt. Ihr Blick ist geradeaus gerichtet, vermutlich schaut sie den beiden Männern auf der rechten Seite des Bildes interessiert zu. Ihr Kleid ist in einem schlichten braun-ocker Ton gehalten und hat lange Ärmel. Sie trägt eine Frisur aus geordneten Locken, die vor und hinter dem Ohr sowie am Hinterkopf herabfallen.

Kulturgeschichtlicher Zusammenhang: Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gewann die Handarbeit einen neuen Stellenwert in der bürgerlichen Gesellschaft. Handarbeit war von so elementarer Bedeutung in der Gesellschaft, dass sogar vor „anonym" gefertigten Serienprodukten gewarnt wurde. Es ging bei der Handarbeit um die Fertigung eines Andenkens. Gemeint ist damit ein selbst gemachter Gegenstand, der als Erinnerung für eine bestimmte Situation bzw. für ein bestimmtes Gefühl diente. Zur Zeit der Klassik bestimmte die vorherrschende Frauenrolle, dass es ein „Privileg" (obwohl dieser Begriff etwas überspitzt die Situation darstellt) der Frauen war, so etwas anzufertigen. Ein aus „Frauenhänden" kommendes Objekt galt als Garant der Authentizität und konnte nicht von Männern nachgeahmt werden. Denn Männer war es vorbehalten arbeiten zu gehen und finanziellen Lohn dafür zu erhalten.

Durch die Handarbeit gewann selbst die leichteste Arbeit einen Wert. Dabei ging es der Gesellschaft weniger um die kunsthandwerkliche Qualität, sondern vielmehr um die Intimität, also der Bedeutung, die dem selbstgemachten Objekt zukam.

Häufig wurden die Andenken (z.B. Perlenarbeiten, Stickereien oder Haarflechtobjekte)mit Motiven oder bestimmten Szenen verziert, um die Bedeutung des Objektes zu betonen.

Natürlich gab es auch Auftragsarbeiten, bei denen es um die künstlerische Ausarbeitung ging oder seriell angefertigte Andenken.

Deutung: Die Frau in dem Bild strickt vermutlich gerade ein Andenken an die Zeit in dem Berliner Wohnzimmer. Sie möchte sich an diese Zeit erinnern bzw. das selbstgemachte Objekt wahrscheinlich jemanden schenken, um diesem die Erlebnisse an diesem Tag unvergesslich zu machen.

Sie trägt im Gegensatz zu den anderen Frauen kein auffälliges blaues Kleid, sondern ein schlichtes braunes. Da es sich vermutlich um eine ältere Frau handelt, könnte sie noch an den Idealen der Geschlechtertrennung festhalten und eine Gegnerin bzw. jemand sein, der sich nicht der Frauenbewegung anschließt.