Gruppe um den Verletzten

Beschreibung: Um den Verletzten, dessen Verletzung nicht erkennbar ist, knien vier Männer. Einer von ihnen, der am teuersten Gekleidete – was darauf schließen lässt, dass er Arzt ist - sitzt neben einer Schüssel, aus der er mit Hilfe eines Schwamms Wasser holt.
Ein weiterer Mann hält ein Handtuch, wozu genau es gebraucht wird, ist jedoch nicht erkennbar.
Ein dritter Mann stützt den Verletzten auf seinen Beinen ab und hält ihn fest.

Die konkrete Funktion des vierten Mannes ist nicht auszumachen.
Allgemein ist zu sagen, dass der Arzt das Szenario größtenteils verdeckt.

Kulturgeschichtlicher Zusammenhang: Unfälle als Konsequenz vom Umgang mit Maschinen waren zur Zeit der Industrialisierung an der Tagesordnung.

Häufig kam es zu schweren Verletzungen, die direkt vor Ort behandelt werden mussten.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war es in den meisten Fabriken üblich, einen Fabrikarzt zu haben, der professionelle Erste Hilfe leisten konnte. Zusätzlich gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Arbeiter, die von den Berufsgenossenschaften ausgebildet wurden und ebenfalls Notfallhilfe leisten konnten.
Die geleistete Hilfe wurde häufig von mangelnder Hygiene begleitet. Zwar war die These, dass unzureichende Hygiene Krankheiten übertragen sowie verschlimmern könne, verbreitet, jedoch legten die meisten Ärzte trotzdem keinen Wert darauf, weil sie schlichtweg anderer Meinung waren.

Sollte der Unfall schwerwiegende Konsequenzen haben, war eine Absicherung im Falle von Arbeitsunfähigkeit nicht zu erwarten. Zwar gab es seit 1871 ein Haftpflichtgesetz, das den Arbeitgebern auferlegte, im Falle einer Verletzung als Folge von unzulänglichen Sicherheitsmaßnahmen für die Invalidenrente des Arbeiters aufzukommen, da man dieses jedoch häufig nur durch ein Gerichtsverfahren durchsetzen konnte, was vor allem finanzielle Mittel voraussetzte, wurden nur 20% der Verletzten wirklich entschädigt.
Um die Zahl der Verletzten zu verringern, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Gewerbeaufsicht gegründet. Ihre Aufgabe war es, Fabriken auf die Einhaltung von staatlichen Vorschriften zur Vermeidung von Unfällen zu überprüfen.
Zu einer wirklichen Wende kam es erst im Jahre 1881, als Bismarck die Sozialgesetzgebung und das Sozialistengesetz erließ. Zum einen gab es einen Versicherungszwang – das heißt: die Arbeiter mussten von ihrem Arbeitgeber krankenversichert werden - zum anderen gab es das Unfallversicherungsgesetz, welches besagt, dass Arbeiter und Betriebsbeamte mit einem Jahreslohn von maximal 2000 Mark gegen Unfälle versichert sein mussten. Ein weiterer späterer Beschluss war die Invaliditäts- und Altersversicherung, welche man mit der heutigen Renten- und Berufsunfähigkeitsversicherung vergleichen kann. Sie besagt, dass Arbeiter und Beamte mit einem maximalen Jahreseinkommen von 2000 Mark gegen Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Invalidität oder Alter versichert sein mussten. Durch diese Gesetzgebung profitieren Kaiser und König insofern, da sich das Volk nicht gegen das Sozialistengesetz auflehnt, weil es ebenfalls davon profitiert. Dadurch werden auch die Gewerkschaften unterdrückt.
Das Sozialistengesetz zielt auf die „Vernichtung“ von Sozialdemokratie ab. Sowohl sozialdemokratische, sozialistische und kommunistische Bestrebungen als auch Vereine und Gewerkschaften sollen verhindert werden.

Allgemein ist zu sagen, dass diese Gesetze allesamt darauf abzielen, die Arbeiter vor der garantierten Armut als Konsequenz von Arbeitsunfähigkeit zu schützen.

Deutung: Der Unfall stellt das zentrale Bildelement des Werkes dar. Er ist das stärkste Indiz für die unzureichende Unfallverhütung in Fabriken zur Zeit des 19. Jahrhunderts. Die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen stellt Bahr in mehreren Elementen des Bildes dar. Durch den Unfall spitzt er die Situation auf den ‚worst case’ zu. Bahr ruft dadurch zur Verbesserung der Missstände auf. Des Weiteren macht er mit der Ersten Hilfe im staubigen Arbeiterraum auf die mangelnde Hygiene aufmerksam. Als ehemaliger Maschinenbauer scheint Bahr durch seine Berufserfahrung oft solche Unfälle und ihre Erstversorgung miterlebt zu haben. Er war sich offensichtlich über die Konsequenzen unzureichender Hygienemaßnahmen bewusst und wollte auch auf diese aufmerksam machen, um eine Verbesserung zu erreichen.