Frau mit Kind (und Mann)

Beschreibung: In der Bildmitte sieht man eine Frau, die von einem Mann in den Raum geleitet wird. An der Hand hat sie einen kleinen Jungen.
Ihre Gestik ist erschrocken, diesen Eindruck verstärkt die Arm- und Handhaltung. Vermutlich handelt es sich bei dem Verletzten um ihren Mann. Der kleine Junge schaut betreten zu Boden und scheint von dem Geschehen in der Fabrik kaum etwas mitzubekommen. Des weiteren fällt auf, dass er etwas in der Hand hält. Vermutlich wollte er seinem Vater gerade mit der Mutter etwas zu essen bringen. Dies war zur Zeit der Industrialisierung durchaus üblich, da die Arbeiter keine Pausen zum Essen machen durften.

Der Mann, welcher die Frau in den Saal leitet, trägt hochwertige Kleidung, die sich von der Arbeiterkleidung deutlich abhebt. Dies lässt darauf schließen, dass er entweder ein Vorgesetzter oder ein Gehilfe des Doktors, welcher ähnliche Kleidung trägt, ist.

Kulturgeschichtlicher Zusammenhang: In der Zeit der Industrialisierung mussten oftmals auch Frauen und Kinder arbeiten, da das Gehalt des Vaters oft nicht ausreichte um die gesamte Familie zu ernähren. Dies kommt daher, da der Lohn grundsätzlich nur für eine Person berechnet wurde, nicht aber die angeschlossene Familie berücksichtigte. Trotzdem war der Vater der Hauptverdiener. Frauen und Kinder konnten nur leichte Arbeiten ausführen, die nicht viel Geld einbrachten. Somit war der Vater das Vorbild sowie der Beschützer der Familie. Zu seinem Sohn hatte er vermutlich trotz alledem ein profanes Verhältnis. Dies ist auf das geringe Zeitpensum zurückzuführen, dass er mit seinem Kind verbringen konnte. Die ungeregelten Arbeitszeiten gaben den Firmenbesitzern die Möglichkeit, ihre Arbeiter solange arbeiten zu lassen, wie sie es für richtig erachteten. 17-Stunden-Tage waren keine Seltenheit. Durch den Unfall des Vaters verliert die Familie ein wichtiges monatliches Einkommen, das sie nun kompensieren muss. Vermutlich wird der kleine Junge der nächste Geldverdiener sein. Die Pflicht arbeiten zu gehen nimmt ihm die Möglichkeit eine Schule zu besuchen und somit ein gewisses Niveau an Bildung zu erlangen. Schulen waren im 19. Jahrhundert für die ersten 8 Jahre kostenlos. Nach der sogenannten Werktagsschule gab es die Möglichkeit der Feiertagsschule. Diese dauerte erneut 3 Jahre und endete mit der Reifeprüfung, die ähnlich dem heutigen Abitur ist. Allerdings war diese weiterführende Schulform kostenpflichtig und somit für Arbeiterkinder ohnehin kaum erschwinglich.
Deutung: Mit dem ängstlichen Blick der Frau stellt Bahr speziell ihre Zukunftsängste dar. Dies tut er zu einer Zeit, wo die Nachversorgung und Absicherung im Falle der Arbeitsunfähigkeit schon vorhanden ist. Eigentlich müsste die Frau sich nicht um ihre Zukunft sorgen. Dass sie es trotzdem tut, ist ein ausdrucksstarkes Element. Bahr macht hiermit darauf aufmerksam, dass diese Nachversorgung nicht vielversprechend ist. Sie war an vielerlei Bedingungen gebunden. Im Hinblick auf das Ausfallgeld ist zu sagen, dass es lediglich 13, ab 1903 26 Wochen bezahlt wurde. Es betrug weitaus weniger als das eigentliche Einkommen und war auf höchstens 2 Mark pro Arbeitstag beschränkt. Mit dieser geringen Einkunft war lediglich das Leben einer Person finanziell gesichert. Die Familie steht also – trotz Absicherung – vor einem drastischen Geldverlust. Dieser bedeutete zur Zeit der Industrialisierung, in der die Lebenshaltungskosten im Vergleich zum ohnehin geringen Einkommen sehr hoch waren, eine extreme Armutsgefährdung.