Unterkunft einer Arbeiterfamilie um 1900

Das Bild wurde von Sarah Jürgens und Stefanie Vorderwülbecke bearbeitet.

Bildkomposition: Beim Betrachten des schwarz-weißen Fotos fällt als erstes die Familie auf. Die Mutter sitzt mit ihrem Kind auf dem Bett, das sich im Mittelpunkt des Bildes befindet. Sie sitzt leicht schräg, hat ein Knie angezogen und ist barfuss. Auf ihrem Gesicht ist ein gezwungenes Lächeln zu erkennen; ansonsten blickt sie eher skeptisch in die Kamera.

Das Kind befindet sich vor der Mutter und verdeckt sie halb. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Jungen, der einfache Kleidung trägt und grimmig blickt.

Der Vater sitzt am rechten Rand des Bildes und wurde von der Seite fotografiert. Er sticht vor allem wegen seiner Größe ins Auge, weil er im Verhältnis zu Mutter und Kind größer erscheint und weiter vorne sitzt. Der Kopf ist leicht angehoben, was seine Stellung als Oberhaupt der Familie verdeutlichen soll. Er trägt eine Hose, die mit Hosenträgern über einem hellen Hemd befestigt ist, und weder Schuhe noch Socken.

Insgesamt wirkt die Familie ziemlich klein in der Wohnung mit hohen Wänden. Sie sitzt im unteren Drittel des Fotos und sieht verloren aus. Um sie herum herrscht aufgrund des Platzmangels Unordnung, wodurch die Wohnung noch kleiner erscheint.

Es fällt auf, dass sich im unteren Drittel eher dunklere Gegenstände befinden, die nach oben hin zur Decke immer heller werden. Die Wände haben eine hellere Farbe und stehen somit im Kontrast zum dunklen Boden.

Gesamtdeutung:  Bei dem Foto handelt es sich um die Darstellung einer Alltagssituation einer Arbeiterfamilie in einem Proletarierhaushalt um 1900.

Aufgrund des Kindes ist die Mutter wahrscheinlich arbeitslos und, da das Kind augenscheinlich noch keine 10 Jahre alt ist und somit noch nicht die Grenze zur Erlaubnis der Kinderarbeit erreicht hat, ist der Vater der einzige in der Familie, der Geld verdient.

Dass es sich um eine Arbeiterfamilie handelt, erkennt man daran, dass die Personen  zum einen einfache Kleidung tragen und zum anderen in einer Ein-Zimmer-Wohnung leben, welche mit direktem Blick zum dunklen Hof und auch zum nächsten Haus liegt.

Es lassen sich viele für Arbeiterfamilien typische Gegenstände finden, die auf das geringe Einkommen schließen lassen.

In der Wohnung steht bloß ein Bett für die drei Personen. Da es nicht groß genug für alle drei Familienmitglieder scheint, kann es möglich sein, dass das Kind auf dem Boden schlafen muss.

Aufgrund der Enge hat das Ehepaar keine Privatsphäre und, selbst wenn das Kind auf dem Boden liegt, ist es schwierig, einen möglichen weiteren Kinderwunsch zu erfüllen.

Wegen des kleinen Raumes ist auch das Klima sehr schlecht. Zudem wird in der Wohnung die nasse Wäsche getrocknet. Dadurch und durch die schlecht verputzten Wände, welche sogar Risse aufweisen, ist es außerdem feucht. Deshalb kann sich schnell Schimmel bilden, welcher die Gesundheit der Familie gefährdet. Krankheiten, wie Keuchhusten und Asthma waren daher zu dieser Zeit unter Arbeiterfamilien weit verbreitet.

Der Alltag ist gut organisiert. Der Vater geht 10-12 Stunden arbeiten, während die Mutter sich um das Kind und den Haushalt kümmert. Die Familie hatte nicht die Möglichkeit, Freizeitbeschäftigungen nachzugehen, da sie sich diese nicht leisten konnte. Einen Teil des Einkommens gab der Vater in einem Wirtshaus aus, welches er nach Feierabend als Kommunikationszentrum nutzte.

An dem Foto kann man die Folgen der Industrialisierung sehr gut erkennen. Die Schere zwischen arm und reich ging immer weiter auseinander und die Arbeiterfamilien, welche nicht so gut verdienten, litten unter diesen Umständen.

Die Landflucht erwies sich als keine gute Alternative, weil die Lebensbedingungen durch die entstandene Abhängigkeit vom Markt in den Städten schlechter waren, als auf dem Land. Die Städte waren mit dieser Situation völlig überfordert.