Schiller am 26.5.1789 auf dem Weg zur Antrittsvorlesung, Ölbild von Erich Kuitan 1909/10.- In: Thomas Kopfermann, Dietrich Steinbach, Epochenzentrum Weimar _ Jena, Leipzig 2002, S. 89

Schiller schreibt am 28.5.1789 an seinen Freund Körner:

Vorgestern, als den 26., habe ich endlich das Abenteuer auf dem Katheder rühmlich und tapfer bestanden und gleich gestern wiederholt. Ich lese nur 2mal in der Woche, und zwei Tage hintereinander, so daß ich 5 Tage ganz frei behalte.

Das Reinholdische Auditorium bestimmte ich zu meinem Debut. Es hat eine mäßige Größe und kann ohngefähr 80 sitzende Menschen, etwas über 100 in allem fassen; ob es nun freilich wahrscheinlich genug war, daß meine erste Vorlesung der Neugierde wegen eine größre Menge Studenten herbeilocken würde, so kennst Du ja meine Bescheidenheit. 

Ich wollte die größre Menge nicht gerade voraussetzen, indem ich gleich mit dem größten Auditorium debütierte. Diese Bescheidenheit ist auf eine für mich sehr brillante Art belohnt worden. Meine Stunden sind abends von 6 bis 7. Halb 6 war das Auditorium voll. Ich sah aus Reinholds Fenster Trupp über Trupp die Straße heraufkommen, welches gar kein Ende nehmen wollte. Ob ich gleich nicht ganz frei von Furcht war, so hatte ich doch an der wachsenden Anzahl Vergnügen, und mein Mut nahm ehr zu. Überhaupt hatte ich mich mit einer gewissen Festigkeit gestählt, wozu die Idee, daß meine Vorlesung mit keiner andern, die auf irgendeinem Katheder in Jena gehalten worden, die Vergleichung zu scheuen brauchen würde, und überhaupt die Idee, von allen, die mich hören, als der Überlegene anerkannt zu werden, nicht wenig beitrug. Aber die Menge wuchs nach und nach so, daß Vorsaal, Flur und Treppe vollgedrängt waren und ganze Haufen wieder gingen. Jetzt fiel es einem., der bei mir war, ein, ob ich nicht noch für diese Vorlesung ein anderes Auditorium wählen sollte. Griesbachs Schwager war gerade unter den Studenten, ich ließ ihnen also den Vorschlag tun, bei Griesbach zu lesen, und mit Freuden ward er aufgenommen. Nun gab's das lustigste Schauspiel. Alles stürzte hinaus und in einem hellen Zug die ]Johannisstraße hinunter, die, eine der längsten in Jena, von Studenten ganz besät war. Weil sie liefen, was sie konnten, um in Griesbachs Auditorium einen guten Platz zu bekommen, so kam die Straße in Alarm und alles an den Fenstern in Bewegung. Man glaubte anfangs, es wäre Feuerlärm, und am Schloß kam die Wache in Bewegung. Was ist's denn? Was gibt's denn? hieß es überall. Da rief man denn: Der neue Professor wird lesen. Du siehst, daß der Zufall selbst dazu beitrug, meinen Anfang recht brillant zu machen. Ich folgte in einer kleinen Weile, von Reinhold begleitet, nach, es war mir, als wenn ich durch die Stadt, die ich fast ganz durchzuwandern hatte, Spießruten liefe.

Griesbachs Auditorium ist das größte und kann, wenn es voll gedrängt ist, zwischen 3 und 400 Menschen fassen. Voll war es diesmal, und so sehr, daß ein Vorsaal und noch die Flur bis an die Haustüre besetzt war und im Auditorium selbst viele sich auf die Subsellien stellten. Ich zog also durch eine Allee von Zuschauern und Zuhörern ein und konnte den Katheder kaum finden; unter lautem Pochen, welches hier für Beifall gilt, bestieg ich ihn und sah mich von einem Amphitheater von Menschen umgeben. So schwül der Saal war, so erträglich war's am Katheder, wo alle Fenster offen waren, und ich hatte doch frischen Odem. Mit den zehn ersten Worten, die ich selbst noch fest aussprechen konnte, war ich im ganzen Besitz meiner Contenance, und ich las mit einer Stärke und Sicherheit der Stimme, die mich selbst überraschte. Vor der Türe konnte man mich noch recht gut hören. Meine Vorlesung machte Eindruck, den ganzen Abend hörte man in der Stadt davon reden, und mir widerfuhr eine Aufmerksamkeit von den Studenten, die bei einem neuen Professor das erste Beispiel war. Ich bekam eine Nachtmusik, und Vivat wurde 3mal gerufen. Den andern Tag war das Auditorium ebenso stark besetzt, und ich hatte mich schon so gut in mein neues Fach gefunden, daß ich mich setzte. Doch habe ich beidemal meine Vorlesung abgelesen und nur wenig bei der zweiten extemporiert.

 

Endpassage aus Schillers Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?"

Unser menschliches Jahrhundert herbeizuführen, haben sich - ohne es zu wissen oder zu erzielen - alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt. Unser sind alle Schätze, welche Fleiß und Genie, Vernunft und Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht haben. Aus der Geschichte erst werden Sie lernen, einen Wert auf die Güter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener Besitz so gern unsre Dankbarkeit rauben: kostbare teure Güter, an denen das Blut der Besten und Edelsten klebt, die durch die schwere Arbeit so vieler Generationen haben errungen werden müssen! Und welcher unter Ihnen, bei dem sich ein heller Geist mit einem empfindenden Herzen gattet, könnte dieser hohen Verpflichtung eingedenk sein, ohne daß sich ein .stiller Wunsch in ihm regte, an das kommende Geschlecht die Schuld zu entrichten, die er dem vergangenen nicht mehr abtragen kann? Ein edles Verlangen muß in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen. Wie verschieden auch die Bestimmung sei, die in der bürgerlichen Gesellschaft Sie erwartet - etwas dazusteuern können Sie alle! Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit aufgetan, zu der wahren Unsterblichkeit, meine ich, wo die Tat lebt und weiter eilt, wenn auch der Name ihres Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte.

 

Schiller wohnte von 1789 bis 1793 in der "Schrammerei" in Jena.- In: Thomas Kopfermann, Dietrich Steinbach, Epochenzentrum Weimar _ Jena, Leipzig 2002, S. 84

Jena, Unterm Markt 1, Schillers Wohnung 1794-95.- In: Thomas Kopfermann, Dietrich Steinbach, Epochenzentrum Weimar _ Jena, Leipzig 2002, S. 85

Das Griesbachsche Haus in Jena, in dem Schiller seine Antrittsvorlesung hielt. Er wohnte hier von 1795 bis 1799.- In: Thomas Kopfermann, Dietrich Steinbach, Epochenzentrum Weimar _ Jena, Leipzig 2002, S. 85

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