Friedrich Justin Bertuch (1747-1822)

Friedrich Johann Justin Bertuch wird am 30. September 1747 als Sohn eines Garnisonsarztes in Weimar geboren. Seine Mutter verliert er als Kind, sein Vater stirbt, als er 15 Jahre alt ist; mittellos wächst er im Hause eines Onkels auf. Er besucht das Weimarer Gymnasium, beginnt ein Studium der Theologie und der Rechtswissenschaften, beschäftigt sich mit Literatur und Naturwissenschaften, bricht aber mit 22 Jahren das Studium ab und verpflichtet sich als Hauslehrer bei einem dänischen Adeligen, der zuvor Gesandter in Spanien war. Von ihm lernt er die spanische Sprache. 1774, seit einem Jahr ist er wieder in Weimar ansässig, übersetzt er den „Don Quichotte" ins Deutsche und verlegt ihn selbst. Er hat Kontakt zu Wieland, arbeitet an dessen „Teutschem Merkur" mit. Mit eigenen literarischen Arbeiten nicht sehr erfolgreich, wird er zum großen Anreger, der zwar keine politische Karriere macht, dafür aber immer mehr an wirtschaftlicher Macht und damit an Einfluss gewinnt. 
Noch 1774 legt er den Entwurf für jene Zeichenschule in Weimar vor, die nach seinen Ideen eingerichtet wird und die später Heinrich Meyer leitet. 1775 wird er Geheimer Sekretär des Herzogs und bleibt in verschiedenen Funktionen bis 1787 im Staatsdienst. 1777 nimmt er den großen Baumgarten in Erbpacht, in dem der schon erwähnte kleine See zum Schlittschuh laufen eingerichtet ist. Er erwirbt Grundstücke und baut am Baumgarten (mit einigen späteren Umbauten und Erweiterungen) den prächtigen Häuserkomplex, in dem heute das Stadtmuseum untergebracht ist (Karl-Liebknecht-Straße 5). Hier entfaltet er bis zu seinem Tode 1822, was man, modern gesprochen und bezogen auf die kleinen Weimarer Verhältnisse, ein Wirtschaftsimperium nennen kann: den einzigen Betrieb solcher Größenordnung in Weimar, in dem - genaue Zahlen gibt es nicht - zwischen 200 und 400 Personen beschäftigt waren. Das wäre einer heutigen Zahlenrelation von 3 000-4000 Arbeitern eines Betriebes auf ca. 65000 Einwohner vergleichbar. Dieses frühkapitalistische Unternehmen hat Bertuch allein aufgebaut. Seinen Geschäftssinn beweist er bereits in der Zusammenarbeit mit Wieland: Durch einen „Sozietätskontrakt" verschafft sich Bertuch eine Teilhaberschaft am „Teutschen Merkur", die ihm ein Drittel des Reinerlöses einbringt - im Jahre 1782 immerhin bereits fast 400 Taler.

Vielfältig sind die Aktivitäten des Geschäftstüchtigen. 1782 begründet Bertuch in seinem Haus eine Fabrik für künstliche Blumen, einen kunstgewerblichen Modeartikel, mit dem er in ganz Deutschland Erfolg hat.

1791 gründet er das „Landes-Industrie-Comptoir", ein Industrieunternehmen mit verschiedenen Produktionszweigen. 1793 definiert Bertuch selbst diese Art Unternehmen in einer Zeitschrift öffentlich als „ein unfehlbares Mittel, die deutsche Industrie zu beleben und Nahrung und Wohlstand unter uns zu verbreiten" - hier zeigt sich übrigens wiederum aufklärerisches Gedankengut, auf eine Art „soziale Marktwirtschaft" praktisch angewendet:

„Ich verstehe unter Landes-Industrie-Institut eine gemeinnützige öffentliche oder Privat-Anstalt, die sichs zum einzigen Zwecke macht, teils die Natur-Reichtümer ihrer Provinz aufzusuchen und ihre Kultur zu befördern, teils den Kunstfleiß ihrer Einwohner zu beleben, zu Leiten und zu vervollkommnen. Am besten und für das Land am wohltätigsten werden alle dergleichen Unternehmungen durch kaufmännische Societäten oder sogenannte Aktien-Gesellschaften oder, wenn ihr Objekt nicht so groß ist, bloß durch einen tätigen und geschickten Privat-Mann gemacht."

Ein solcher Privatmann, der über die geforderte „Lokal-Nützlichkeit und Lokal-Wirksamkeit" hinaus nationale und europäische Wirksamkeit erlangt, ist Bertuch selbst. Zu dem Comptoir zählen im Lauf der Zeit die schon früher errichtete Papier- und Farbenmühle, die Buchdruckerei, eine kartografische Abteilung, seit 1804 als „Geographisches Institut" selbstständig, u. a. m. Bertuch bezeichnet sich, solche Produktions-„Instrumente" für eine „literarische und artistische Industrie" im Rücken, als „literarischen Geburtshelfer". Er unterstützt die erste Goethe-Ausgabe bei Göschen finanziell; er verlegt die „Allgemeine Literatur-Zeitung" seit 1785 mit beträchtlichem Erfolg, was die wachsende Anzahl von Abonnenten und seine jährlichen Einnahmen betrifft. Zusammen mit dem Maler und Kupferstecher Georg Melchior Kraus gibt Bertuch von 1786 bis 1827 das „Journal des Luxus und der Moden" heraus (42 Bände), die erste, überaus erfolgreiche Illustrierte Europas, in der über Mode, Schmuck, Wohnung, technische Erfindungen etc. verständlich und aufklärend-belehrend berichtet wird. Bilderbücher für Kinder, Übersetzungen, medizinische Veröffentlichungen-Kultur in einem sehr weiten und vielleicht sehr modernen Sinne wird da einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und vermittelt. Goethes klassische Verarbeitung des antiken Iphigenie-Stoffes und die grafische und verbale Skizze einer „neu erfundenen Englischen Patent-Waschmaschine" - erst mit diesem Nebeneinander von und dieser Spannung zwischen Idealem und Realem, vielleicht auch Trivialem, sehen wir die ganze Breite und Vielfalt Weimarer Kultur um 1800.

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