Damenzimmer, Aquarell von Matthias Grösser (1843)

Der Stil von Raumausstattung und Möblierung richtet sich ganz nach den alltäglichen Bedürfnissen des Bürgertums; alles ist schlicht bemessen und zweckmäßig, gediegen und harmonisch in der Ausführung.

Die bedeutendsten Leistungen des Biedermeier entstehen auf dem Gebiet der Möbelkunst, und in diesem Zusammenhang wird der Name „Biedermeier" auch erstmals als Stilbezeichnung eingeführt. Da die biedermeierliche Kultur in erster Linie vom Bürgertum ausgeht und getragen wird, aber auch aus Gründen der Sparsamkeit (zu der man sich nach den Wirren der Napoleonischen Kriege gezwungen sieht), entwickelt sich ein Stil, der von ursprünglicher Schlichtheit - auch des Materials - geprägt ist. Biedermeiermöbel sind ganz aufs Nützliche, die Bequemlichkeit, den Gebrauch zugeschnitten und von zweckentsprechender Unauffälligkeit. Man verzichtet auf dekoratives, nur schmückendes Beiwerk oder übertriebene Kostbarkeit in der Wahl der Hölzer und Stoffe; die kleineren Proportionen der Wohnräume bürgerlicher Familien setzen den Maßstab. Kommoden und Schränke zeigen glatte, schlichte Formen, allerdings schön furniert und intarsiert; meist wird dunkles oder helles Birkenholz, Esche oder Kirschbaum verarbeitet und unter geschickter Nutzung der Maserung sorgfältig poliert. Schlichter in Verarbeitung und Material gestaltet man auch die Möbelbeschläge. Sie werden nur gepreßt oder aus Messing gestanzt.

Hauptgruppe des Raumes bildet das Sofa an der Wand mit bequemer, tiefer Polsterung, davor der runde oder ovale Eßtisch - nach Gebrauch platzsparend zusammenklappbar-, um den mehrere, leicht und freundlich wirkende Stühle mit durchbrochener Lehne, geschweiften Beinen, roßhaargepolstert und mit gestreiften oder geblümten Stoffen überzogen, gruppiert sind. Die Lampe schließt mit ihrem Lichtkreis das Ensemble. Die „Runde" hat sinnbildliche Bedeutung: Die Kriege Napoleons haben Familien auseinandergerissen, Freundeskreise getrennt, jetzt schätzt man familiäre Häuslichkeit um so höher. Nahe zum Eßtisch werden kleine Beistelltischchen gerückt, ebenfalls mit Klappen zum Vergrößern oder Verkleinern, je nach Bedarf. Musikinstrumente - vor allem das Klavier - gehören fast selbstverständlich zur Ausstattung biedermeierlicher Wohnräume, großes musisches Interesse und häusliche Geselligkeit machen sie unentbehrlich.

Biedermeier ist eine mitteilsame Epoche; das Schreiben von Briefen, kleinen Billetten innerhalb des Freundes- oder Familienkreises gehört zu den wichtigsten Alltagstätigkeiten. Entsprechende Bedeutung hat der Sekretär, der „Schreibschrank" mit den breiten Sockelschubladen, der großen Platte, die unzählige kleine Schublädchen verbirgt, wenn sie, nicht benutzt, zurückgeklappt wird und das ausladende Möbelstück sehr vorteilhaft verkleinert.

In keinem zeitgenössischen Wohnzimmer fehlt die Servante, eine dreiseitig verglaste, an ihrer Rückwand verspiegelte Vitrine, in der all die schönen Gläser, Tassen, Figuren, Andenken, das ganze „Sammelsurium", das der Bürger jener Epoche hoch schätzt, ausgestellt wird Dieses Möbelstück samt Inhalt ist nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch praktisch. Nichts kann verstauben, angestoßen und zerbrochen oder was nach den bitteren Erfahrungen, die man während der Kriegsjahre mit marodierenden Soldaten gemacht hat, besonders wichtig ist - gestohlen werden.

Im frühen Biedermeier orientiert sich der Möbelbau noch gelegentlich am eleganten Empire. In der Mitte der Epoche werden Form und Gestaltung reicher, und gegen die vierziger Jahre sind dann Stuhlbeine und -lehnen stärker geschweift, nach 1840 treten an Sockeln und Beinen Volutenformen auf, die Hölzer werden durchbrochen und in dekorativer Weise angeordnet. Etwa ab Mitte der dreißiger Jahre kommen eiserne Möbel in Mode: Bettstellen, Stühle, Jardinieren. Kurioserweise rühmt man als ihren Vorzug, daß mit diesen Eisenkonstruktionen jede Holzart perfekt imitiert werden kann.

Herstellernamen biedermeierlichen Wohnmobiliars bleiben - mit wenigen Ausnahmen - meist unbekannt. Die Wiener Möbelfabrik Danhauser besteht von 1804 bis 1838 und stellt Möbel und Interieurs in reicher Vielfalt und auch serienmäßig her. Viele Entwürfe kommen aus der Werkstatt des Malers Joseph Danhauser (1805-1845), der als Sohn des Gründers nach dessen Tod die Fabrik leitete. In Wien stellen zu Beginn der zwanziger Jahre etwa 900 Kunsttischler Biedermeiermöbel in handwerklicher Vollendung her; mit vergleichsweise niedriger Produktion arbeiten in München etwa 40 und in Augsburg ca. 50 Kunstschreiner. Bekannt geblieben sind auch die Bugholzmöbel von Michael Thonet (1796-1871), der sich, aus dem Rheinland kommend, 1842 in Wien niederläßt und dort eine Produktion aufbaut. Der einfache Thonet-Stuhl aus Bugholz wird im 19. Jh. zum beliebten Mobiliar von Cafes.

Die Räume haben in der Regel mindestens zwei nicht sehr breite und hohe Fenster, drapiert mit duftigen Mullgardinen oder gerafften Vorhängen aus Musselin. Ein weißer oder pastellfarbener Anstrich oder gestreifte, selten auch geblümte Tapeten schmücken die Wände; die Fußböden bestehen aus braunen oder braun lackierten Dielenbrettern, manchmal noch weiß gescheuert und mit Sand bestreut. Vornehme Leute leisten sich Eichenholzparkett mit Fischgrätmuster. Teppiche in Bürgerhäusern gibt es noch wenige, sie sind handgefertigt, solide, keinesfalls elegant. Üblich sind handbestickte Klingelzüge. Die Bilder, meist Porträts, Stiche oder Silhouetten, zeigen schlichte Rahmen wie die Spiegel. Farblich ist alles dezent und zurückhaltend. Die Öfen, vierkantig oder rund, sind aus weißen Kacheln aufgemauert, mit blanken Messingtürchen versehen, haben ein offenes „Rohr", in dem der Teekessel warmgesetzt wird. Als Beleuchtung dienen Wachskerzen, Lampen werden mit Rüböl gefüllt, Kronleuchter sind aus Glas, Porzellan oder Metall mit Prismenbehang.

Nachmittägliche Besuchs- oder Kaffeevisiten, „ästhetische Tees", jede Art von Geselligkeit ist Anlaß, sich reichlich Geschirr, zahlreiche Gläser und Service anzuschaffen und diese, obwohl Gebrauchsgegenstände, sind vor allem im späteren Biedermeier schön geformt, dekorativ bemalt, zierlich geschliffen - Grund genug, um sie im „Museumsschrank des Bürgertums", der Servante auszustellen.

Zu den Ergebnissen des „Nähkästchen"-Eifers gehören die vielverbreiteten Stickmustertücher, gestickte Sprüche „für Haus und Küche" mit guten Wünschen, Maximen, Bildern, Buchstaben, Reimen, die im ausgehenden Jh. und nach der Jahrhundertwende ihre wahre Hochblüte erleben. Ihre Anfänge um 1820/30 verewigen sich vor allem in Kreuzstichmustern, später durch Stepp-, Gobelin-, Satin-, Hexen-, Spann- und Schrägstich auf Leinen. Als Stickmaterial verwendet man farbige Seidenfäden, Wollfäden in unterschiedlichen Stärken und Nuancen, Leinengarn, Weißgarn und bunte Seidenbänder. „Petit point" gilt als vorzüglich kunstvolle Variante; Themen dieser Stickerei sind das Alphabet, Blumen, Tiere, Jahreszahlen und Namen, Sprüche, auch Häuser, Reiter, Pferdchen, Schiffe oder kurze Sinnsprüche und Lebensregeln. Zu Beginn der Epoche bemüht man sich noch um feine Muster und dezente Farbgebung, später wird alles sehr bunt und etwas derber in Ausführung und Material. Fast schon künstlerische Begabung braucht man für die Stichmalerei oder Nadelstichkunst, bei der mit fein und raffiniert abgestuften farbigen Garnen ganze Bilder gestickt werden: Figuren, Blumen, Ranken, Zweige in phantasievollen Kombinationen der Muster und Kolorierung.

In ausgesprochen dürftigen Wohnverhältnissen leben die Proletarier. Ihre Wohnungen bestehen aus der zweifenstrigen Stube, in der für Kommode, Sofa, Tisch, Stühle, oft auch für den Herd - Kochstelle und Heizung zugleich - Platz sein muß, und der einfenstrigen Kammer mit den Bettgestellen, die sich manchmal mehrere Personen teilen müssen.

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