Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen (Januar 1844)

Vorwort

Caput I

Caput V

Caput VII

Caput XXVI

Vorwort

Das nachstehende Gedicht schrieb ich im diesjährigen Monat Januar zu Paris, und die freie Luft des Ortes wehete in manche Strophe weit schärfer hinein, als mir eigentlich lieb war. Ich unterließ nicht, schon gleich zu mildern und auszuscheiden, was mit dem deutschen Klima unverträglich schien. Nichtsdestoweniger, als ich das Manuskript im Monat März an meinen Verleger nach Hamburg schickte, wurden mir noch mannigfache Bedenklichkeiten in Erwägung gestellt. Ich mußte mich dem fatalen Geschäfte des Umarbeitens nochmals unterziehen, und da mag es wohl geschehen sein, daß die ernsten Töne mehr als nötig abgedämpft oder von den Schellen des Humors gar zu heiter überklingelt wurden. Einigen nackten Gedanken habe ich im hastigen Unmut ihre Feigenblätter wieder abgerissen, und zimperlich spröde Ohren habe ich vielleicht verletzt. Es ist mir leid, aber ich tröste mich mit dem Bewußtsein, daß größere Autoren sich ähnliche Vergehen zuschulden kommen ließen. Des Aristophanes will ich zu solcher Beschönigung gar nicht erwähnen, denn der war ein blinder Heide, und sein Publikum zu Athen hatte zwar eine klassische Erziehung genossen, wußte aber wenig von Sittlichkeit. Auf Cervantes und Molière könnte ich mich schon viel besser berufen; und ersterer schrieb für den hohen Adel beider Kastilien, letzterer für den großen König und den großen Hof von Versailles! Ach, ich vergesse, daß wir in einer sehr bürgerlichen Zeit leben, und ich sehe leider voraus, daß viele Töchter gebildeter Stände an der Spree, wo nicht gar an der Alster, über mein armes Gedicht die mehr oder minder gebogenen Näschen rümpfen werden! Was ich aber mit noch größerem Leidwesen voraussehe, das ist das Zetern jener Pharisäer der Nationalität, die jetzt mit den Antipathien der Regierungen Hand in Hand gehen, auch die volle Liebe und Hochachtung der Zensur genießen und in der Tagespresse den Ton angeben können, wo es gilt, jene Gegner zu befehden, die auch zugleich die Gegner ihrer allerhöchsten Herrschaften sind. Wir sind im Herzen gewappnet gegen das Mißfallen dieser heldenmütigen Lakaien in schwarzrotgoldner Livree. Ich höre schon ihre Bierstimmen: „Du lästerst sogar unsere Farben, Verächter des Vaterlands, Freund der Franzosen, denen du den freien Rhein abtreten willst!" Beruhigt euch. Ich werde eure Farben achten und ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine müßige oder knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebensosehr wie ihr. Wegen dieser Liebe habe ich dreizehn Lebensjahre im Exile verlebt, und wegen ebendieser Liebe kehre ich wieder zurück ins Exil, vielleicht für immer, jedenfalls ohne zu flennen oder eine schiefmäulige Duldergrimasse zu schneiden. Ich bin der Freund der Franzosen, wie ich der Freund aller Menschen bin, wenn sie vernünftig und gut sind, und weil ich selber nicht so dumm oder so schlecht bin, als daß ich wünschen sollte, daß meine Deutschen und die Franzosen, die beiden auserwählten Völker der Humanität, sich die Hälse brächen zum Besten von England und Rußland und zur Schadenfreude aller Junker und Pfaffen dieses Erdballs. Seid ruhig, ich werde den Rhein nimmermehr den Franzosen abtreten, schon aus dem ganz einfachen Grunde: weil mir der Rhein gehört. Ja, mir gehört er, durch unveräußerliches Geburtsrecht, ich bin des freien Rheins noch weit freierer Sohn, an seinem Ufer stand meine Wiege, und ich sehe gar nicht ein, warum der Rhein irgendeinem andern gehören soll als den Landeskindern. Elsaß und Lothringen kann ich freilich dem deutschen Reiche nicht so leicht einverleiben, wie ihr es tut, denn die Leute in jenen Landen hängen fest an Frankreich wegen der Rechte, die sie durch die französische Staatsumwälzung gewonnen, wegen jener Gleichheitsgesetze und freien Institutionen, die dem bürgerlichen Gemüte sehr angenehm sind, aber dem Magen der großen Menge dennoch vieles zu wünschen übriglassen. Indessen, die Elsasser und Lothringer werden sich wieder an Deutschland anschließen, wenn wir das vollenden, was die Franzosen begonnen haben, wenn wir diese überflügeln in der Tat, wie wir es schon getan im Gedanken, wenn wir uns bis zu den letzten Folgerungen desselben emporschwingen, wenn wir die Dienstbarkeit bis in ihrem letzten Schlupfwinkel, dem Himmel, zerstören, wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir die Erlöser Gottes werden, wenn wir das arme, glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen, wie unsere großen Meister gesagt und gesungen und wie wir es wollen, wir, die Jünger - ja, nicht bloß Elsaß und Lothringen, sondern ganz Frankreich wird uns alsdann zufallen, ganz Europa, die ganze Welt - die ganze Welt wird deutsch werden! Von dieser Sendung und Universalherrschaft Deutschlands träume ich oft, wenn ich unter Eichen wandle. Das ist mein Patriotismus.

Ich werde in einem nächsten Buche auf dieses Thema zurückkommen, mit letzter Entschlossenheit, mit strenger Rücksichtslosigkeit, jedenfalls mit Loyalität. Den entschiedensten Widerspruch werde ich zu achten wissen, wenn er aus einer Überzeugung hervorgeht. Selbst der rohesten Feindseligkeit will ich alsdann geduldig verzeihen; ich will sogar der Dummheit Rede stehen, wenn sie nur ehrlich gemeint ist. Meine ganze schweigende Verachtung widme ich hingegen dem gesinnungslosen Wichte, der aus leidiger Scheelsucht oder unsauberer Privatgiftigkeit meinen guten Leumund in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen sucht und dabei die Maske des Patriotismus, wo nicht gar die der Religion und der Moral, benutzt. Der anarchische Zustand der deutschen politischen und literarischen Zeitungsblätterwelt ward in solcher Beziehung zuweilen mit einem Talente ausgebeutet, das ich schier bewundern mußte. Wahrhaftig, Schufterle ist nicht tot, er lebt noch immer und steht seit Jahren an der Spitze einer wohlorganisierten Bande von literarischen Strauchdieben, die in den böhmischen Wäldern unserer Tagespresse ihr Wesen treiben, hinter jedem Busch, hinter jedem Blatt versteckt liegen und dem leisesten Pfiff ihres würdigen Hauptmanns gehorchen.

Noch ein Wort. Das "Wintermärchen" bildet den Schluß der „Neuen Gedichte", die in diesem Augenblick bei Hoffmann und Campe erscheinen. Um den Einzeldruck veranstalten zu können, mußte mein Verleger das Gedicht den überwachenden Behörden zu besonderer Sorgfalt überliefern, und neue Varianten und Ausmerzungen sind das Ergebnis dieser höheren Kritik.

Hamburg, den 17. September 1844

CAPUT I

 

Im traurigen Monat November war's,

Die Tage wurden trüber,

Der Wind riß von den Bäumen das Laub,

Da reist ich nach Deutschland hinüber.

 

Und als ich an die Grenze kam,

Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen

In meiner Brust, ich glaube sogar

Die Augen begunnen zu tropfen.

 

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,

Da ward mir seltsam zumute;

Ich meinte nicht anders, als ob das Herz

Recht angenehm verblute.

 

Ein kleines Harfenmädchen sang.

Sie sang mit wahrem Gefühle

Und falscher Stimme, doch ward ich sehr

Gerühret von ihrem Spiele.

 

Sie sang von Liebe und Liebesgram,

Aufopfrung und Wiederfinden

Dort oben, in jener besseren Welt,

Wo alle Leiden schwinden.

 

Sie sang vom irdischen Jammertal,

Von Freuden, die bald zerronnen,

Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt

Verklärt in ew'gen Wonnen.

 

Sie sang das alte Entsagungslied,

Das Eiapopeia vom Himmel,

Womit man einlullt, wenn es greint,

Das Volk, den großen Lümmel.

 

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,

Ich kenn auch die Herren Verfasser;

Ich weiß, sie tranken heimlich Wein

Und predigten öffentlich Wasser.

 

Ein neues Lied, ein besseres Lied,

O Freunde, will ich euch dichten!

Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten.

 

Wir wollen auf Erden glücklich sein,

Und wollen nicht mehr darben;

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,

Was fleißige Hände erwarben.

 

Es wächst hienieden Brot genug

Für alle Menschenkinder,

Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,

Und Zuckererbsen nicht minder.

 

Ja, Zuckererbsen für jedermann,

Sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen wir

Den Engeln und den Spatzen.

 

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,

So wollen wir euch besuchen

Dort oben, und wir, wir essen mit euch

Die seligsten Torten und Kuchen.

 

Ein neues Lied, ein besseres Lied!

Es klingt wie Flöten und Geigen!

Das Miserere ist vorbei,

Die Sterbeglocken schweigen.

 

Die Jungfer Europa ist verlobt

Mit dem schönen Geniusse

Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,

Sie schwelgen im ersten Kusse.

 

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,

Die Ehe wird gültig nicht minder -

Es lebe Bräutigam und Braut,

Und ihre zukünftigen Kinder!

 

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,

Das bessere, das neue!

In meiner Seele gehen auf

Die Sterne der höchsten Weihe -

 

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,

Zerfließen in Flammenbächen -

Ich fühle mich wunderbar erstarkt,

Ich könnte Eichen zerbrechen!

 

Seit ich auf deutsche Erde trat,

Durchströmen mich Zaubersäfte -

Der Riese hat wieder die Mutter berührt,

Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

CAPUT V

 

Und als ich an die Rheinbrück' kam,

Wohl an die Hafenschanze,

Da sah ich fließen den Vater Rhein

Im stillen Mondenglanze.

 

"Sei mir gegrüßt, mein Vater Rhein,

Wie ist es dir ergangen?

Ich habe oft an dich gedacht

Mit Sehnsucht und Verlangen."

 

So sprach ich, da hört ich im Wasser tief

Gar seltsam grämliche Töne,

Wie Hüsteln eines alten Manns,

Ein Brümmeln und weiches Gestöhne:

 

"Willkommen, mein Junge, das ist mir lieb,

Daß du mich nicht vergessen;

Seit dreizehn Jahren sah ich dich nicht,

Mir ging es schlecht unterdessen.

 

Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,

Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!

Doch schwerer liegen im Magen mir

Die Verse von Niklas Becker.

 

Er hat mich besungen, als ob ich noch

Die reinste Jungfer wäre,

Die sich von niemand rauben läßt

Das Kränzlein ihrer Ehre.

 

Wenn ich es höre, das dumme Lied,

Dann möcht ich mir zerraufen

Den weißen Bart, ich möchte fürwahr

Mich in mir selbst ersaufen!

 

Daß ich keine reine Jungfer bin,

Die Franzosen wissen es besser,

Sie haben mit meinem Wasser so oft

Vermischt ihr Siegergewässer.

 

Das dumme Lied und der dumme Kerl!

Er hat mich schmählich blamieret,

Gewissermaßen hat er mich auch

Politisch kompromittieret.

 

Denn kehren jetzt die Franzosen zurück,

So muß ich vor ihnen erröten,

Ich, der um ihre Rückkehr so oft

Mit Tränen zum Himmel gebeten.

 

Ich habe sie immer so liebgehabt,

Die lieben kleinen Französchen -

Singen und springen sie noch wie sonst?

Tragen noch weiße Höschen?

 

Ich möchte sie gerne wiedersehn,

Doch fürcht ich die Persiflage,

Von wegen des verwünschten Lieds,

Von wegen der Blamage.

 

Der Alfred de Musset, der Gassenbub',

Der kommt an ihrer Spitze

Vielleicht als Tambour, und trommelt mir vor

All seine schlechten Witze."

 

So klagte der arme Vater Rhein,

Konnt sich nicht zufriedengeben.

Ich sprach zu ihm manch tröstendes Wort,

Um ihm das Herz zu heben:

 

"O fürchte nicht, mein Vater Rhein,

Den spöttelnden Scherz der Franzosen,

Sie sind die alten Franzosen nicht mehr,

Auch tragen sie andere Hosen.

 

Die Hosen sind rot und nicht mehr weiß,

Sie haben auch andere Knöpfe,

Sie singen nicht mehr, sie springen nicht mehr,

Sie senken nachdenklich die Köpfe.

 

Sie philosophieren und sprechen jetzt

Von Kant, von Fichte und Hegel,

Sie rauchen Tabak, sie trinken Bier,

Und manche schieben auch Kegel.

 

Sie werden Philister ganz wie wir,

Und treiben es endlich noch ärger;

Sie sind keine Voltairianer mehr;

Sie werden Hengstenberger.

 

Der Alfred de Musset, das ist wahr,

Ist noch ein Gassenjunge;

Doch fürchte nichts, wir fesseln ihm

Die schändliche Spötterzunge.

 

Und trommelt er dir einen schlechten Witz,

So pfeifen wir ihm einen schlimmern,

Wir pfeifen ihm vor, was ihm passiert

Bei schönen Frauenzimmern.

 

Gib dich zufrieden, Vater Rhein,

Denk nicht an schlechte Lieder,

Ein besseres Lied vernimmst du bald -

Leb wohl, wir sehen uns wieder."

CAPUT VII

 

Ich ging nach Haus und schlief, als ob

Die Engel gewiegt mich hätten.

Man ruht in deutschen Betten so weich,

Denn das sind Federbetten.

 

Wie sehnt ich mich oft nach der Süßigkeit

Des vaterländischen Pfühles,

Wenn ich auf harten Matratzen lag,

In der schlaflosen Nacht des Exiles!

 

Man schläft sehr gut und träumt auch gut

In unseren Federbetten.

Hier fühlt die deutsche Seele sich frei

Von allen Erdenketten.

 

Sie fühlt sich frei und schwingt sich empor

Zu den höchsten Himmelsräumen.

O deutsche Seele, wie stolz ist dein Flug

In deinen nächtlichen Träumen!

 

Die Götter erbleichen, wenn du nahst!

Du hast auf deinen Wegen

Gar manches Sternlein ausgeputzt

Mit deinen Flügelschlägen!

 

Franzosen und Russen gehört das Land,

Das Meer gehört den Briten,

Wir aber besitzen im Luftreich des Traums

Die Herrschaft unbestritten.

 

Hier üben wir die Hegemonie,

Hier sind wir unzerstückelt;

Die andern Völker haben sich

Auf platter Erde entwickelt. - -

 

Und als ich einschlief, da träumte mir,

Ich schlenderte wieder im hellen

Mondschein die hallenden Straßen entlang,

In dem altertümlichen Köllen.

 

Und hinter mir ging wieder einher

Mein schwarzer, vermummter Begleiter.

Ich war so müde, mir brachen die Knie,

Doch immer gingen wir weiter.

 

[...]

 

Wir gehen und gehen, bis wir zuletzt

Wieder zum Domplatz gelangen;

Weit offen standen die Pforten dort,

Wir sind hineingegangen.

 

Es herrschte im ungeheuren Raum

Nur Tod und Nacht und Schweigen;

Es brannten Ampeln hie und da,

Um die Dunkelheit recht zu zeigen.

 

Ich wandelte lange den Pfeilern entlang

Und hörte nur die Tritte

Von meinem Begleiter, er folgte mir

Auch hier bei jedem Schritte.

 

Wir kamen endlich zu einem Ort,

Wo funkelnde Kerzenhelle

Und blitzendes Gold und Edelstein;

Das war die Drei-Königs-Kapelle.

 

Die Heil'gen Drei Könige jedoch,

Die sonst so still dort lagen,

O Wunder! sie saßen aufrecht jetzt

Auf ihren Sarkophagen.

 

Drei Totengerippe, phantastisch geputzt,

Mit Kronen auf den elenden

Vergilbten Schädeln, sie trugen auch

Das Zepter in knöchernen Händen.

 

Wie Hampelmänner bewegten sie

Die längstverstorbenen Knochen;

Die haben nach Moder und zugleich

Nach Weihrauchduft gerochen.

 

Der eine bewegte sogar den Mund

Und hielt eine Rede, sehr lange;

Er setzte mir auseinander, warum

Er meinen Respekt verlange.

 

Zuerst weil er ein Toter sei,

Und zweitens weil er ein König,

Und drittens weil er ein Heil'ger sei -

Das alles rührte mich wenig.

 

Ich gab ihm zur Antwort lachenden Muts:

"Vergebens ist deine Bemühung!

Ich sehe, daß du der Vergangenheit

Gehörst in jeder Beziehung.

 

Fort! fort von hier! im tiefen Grab

Ist eure natürliche Stelle.

Das Leben nimmt jetzt in Beschlag

Die Schätze dieser Kapelle.

 

Der Zukunft fröhliche Kavallerie

Soll hier im Dome hausen,

Und weicht ihr nicht willig, so brauch ich Gewalt

Und laß euch mit Kolben lausen!"

 

So sprach ich, und drehte mich um,

Da sah ich furchtbar blinken

Des stummen Begleiters furchtbares Beil -

Und er verstand mein Winken.

 

Er nahte sich, und mit dem Beil

Zerschmetterte er die armen

Skelette des Aberglaubens, er schlug

Sie nieder ohn' Erbarmen.

 

Es dröhnte der Hiebe Widerhall

Aus allen Gewölben, entsetzlich! -

Blutströme schossen aus meiner Brust,

Und ich erwachte plötzlich.

CAPUT XXVI

 

Die Wangen der Göttin glühten so rot

(Ich glaube, in die Krone

Stieg ihr der Rum), und sie sprach zu mir

In sehr wehmütigem Tone:

 

"Ich werde alt. Geboren bin ich

Am Tage von Hamburgs Begründung.

Die Mutter war Schellfischkönigin

Hier an der Elbe Mündung.

 

Mein Vater war ein großer Monarch,

Carolus Magnus geheißen,

Er war noch mächt'ger und klüger sogar

Als Friedrich der Große von Preußen.

 

Der Stuhl ist zu Aachen, auf welchem er

Am Tage der Krönung ruhte;

Den Stuhl, worauf er saß in der Nacht,

Den erbte die Mutter, die gute.

 

Die Mutter hinterließ ihn mir,

Ein Möbel von scheinlosem Äußern,

Doch böte mir Rothschild all sein Geld,

Ich würde ihn nicht veräußern.

 

Siehst du, dort in dem Winkel steht

Ein alter Sessel, zerrissen

Das Leder der Lehne, von Mottenfraß

Zernagt das Polsterkissen.

 

Doch gehe hin und hebe auf

Das Kissen von dem Sessel,

Du schaust eine runde Öffnung dann,

Darunter einen Kessel -

 

Das ist ein Zauberkessel, worin

Die magischen Kräfte brauen,

Und steckst du in die Ründung den Kopf,

So wirst du die Zukunft schauen -

 

Die Zukunft Deutschlands erblickst du hier,

Gleich wogenden Phantasmen,

Doch schaudre nicht, wenn aus dem Wust

Aufsteigen die Miasmen!"

 

Sie sprach's und lachte sonderbar,

Ich aber ließ mich nicht schrecken,

Neugierig eilte ich, den Kopf

In die furchtbare Ründung zu stecken.

 

Was ich gesehn, verrate ich nicht,

Ich habe zu schweigen versprochen,

Erlaubt ist mir zu sagen kaum,

O Gott! was ich gerochen! - - -

 

Ich denke mit Widerwillen noch

An jene schnöden, verfluchten

Vorspielgerüche, das schien ein Gemisch

Von altem Kohl und Juchten.

 

Entsetzlich waren die Düfte, o Gott!

Die sich nachher erhuben;

Es war, als fegte man den Mist

Aus sechsunddreißig Gruben. - - -

 

Ich weiß wohl, was Saint-Just gesagt

Weiland im Wohlfahrtsausschuß:

Man heile die große Krankheit nicht

Mit Rosenöl und Moschus -

 

Doch dieser deutsche Zukunftsduft

Mocht alles überragen,

Was meine Nase je geahnt -

Ich konnt es nicht länger ertragen - - -

 

Mir schwanden die Sinne, und als ich aufschlug

Die Augen, saß ich an der Seite

Der Göttin noch immer, es lehnte mein Haupt

An ihre Brust, die breite.

 

Es blitzte ihr Blick, es glühte ihr Mund,

Es zuckten die Nüstern der Nase,

Bacchantisch umschlang sie den Dichter und sang

Mit schauerlich wilder Ekstase:

 

"Bleib bei mir in Hamburg, ich liebe dich,

Wir wollen trinken und essen

Den Wein und die Austern der Gegenwart,

Und die dunkle Zukunft vergessen.

 

Den Deckel darauf! damit uns nicht

Der Mißduft die Freude vertrübet -

Ich liebe dich, wie je ein Weib

Einen deutschen Poeten geliebet!

 

Ich küsse dich, und ich fühle, wie mich

Dein Genius begeistert;

Es hat ein wunderbarer Rausch

Sich meiner Seele bemeistert.

 

Mir ist, als ob ich auf der Straß'

Die Nachtwächter singen hörte -

Es sind Hymenäen, Hochzeitmusik,

Mein süßer Lustgefährte!

 

Jetzt kommen die reitenden Diener auch

Mit üppig lodernden Fackeln,

Sie tanzen ehrbar den Fackeltanz,

Sie springen und hüpfen und wackeln.

 

Es kommt der hoch- und wohlweise Senat,

Es kommen die Oberalten;

Der Bürgermeister räuspert sich

Und will eine Rede halten.

 

In glänzender Uniform erscheint

Das Korps der Diplomaten;

Sie gratulieren mit Vorbehalt

Im Namen der Nachbarstaaten.

 

Es kommt die geistliche Deputation,

Rabbiner und Pastöre -

Doch ach! da kommt der Hoffmann auch

Mit seiner Zensorschere!

 

Die Schere klirrt in seiner Hand,

Es rückt der wilde Geselle

Dir auf den Leib - er schneidet ins Fleisch -

Es war die beste Stelle."

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