Alfred Krupp

Villa Hügel in Essen

Speisesaal in der Villa Hügel

Nach dem Friedensschluß mit Frankreich 1871 floß ein Strom von Silber in das siegreiche Deutschland. Fünf Milliarden Francs Kriegsentschädigung, eine für die damalige Zeit riesige Summe, mußte das besiegte Frankreich aufbringen. Nach Zahlung der ersten vier Halbmilliarden bis zum 1. Mai 1872 sollten die deutschen Truppen einen Teil des besetzten Gebiets räumen. Bismarck, mißtrauisch gegen Papiergeld und gegen eine Abwertung des Franc, hatte die Zahlungen in nichtfranzösischen Noten oder Metall verlangt: Gold oder Silber. Aber die Silberwährung wurde in den meisten Staaten schon seit einiger Zeit durch die Goldwährung abgelöst, so daß Silber nicht mehr den Wert einer Währung mit festem Wechselkurs, sondern den einer Ware hatte. Und die deutsche Volkswirtschaft war außerstande, Silber in solchen Mengen aufzunehmen. Der Silberpreis sank, die deutschen Banken schafften das Silber so schnell wie möglich ins Ausland zurück. Das einzige Land, welches Silber in Mengen brauchte, war Frankreich. Es mußte ja Silber an Deutschland zahlen. Die deutschen Banken tauschten das Silber gegen Francs um, die sie bei der französischen Bank deponierten. So wurde eine Abwertung des Franc verhindert, Frankreich blieb zahlungsfähig. Die Silbermünzen indes, gut in Fässern verpackt und in plombierten Eisenbahnwagen gelagert, fuhren mehrfach den Rhein hin und her. Nach zwei Jahren hatte Frankreich die ganze Summe gezahlt, einiges allerdings auch in Devisen. Das Land war seine Schulden drei Jahre vor der gesetzten Frist los.

Die fünf Milliarden Francs der Kriegsentschädigung waren ein warmer Regen für die ohnehin florierende deutsche Wirtschaft. Vor allem aber versetzte sie die Deutschen in einen wahren Rausch: Man fühlte sich reich, und das Spekulationsfieber erfaßte alle Teile der Bevölkerung. Jeder einzelne wollte an dem neuen Reichtum teilhaben, den der Sieg eingebracht hatte. Es herrschte ein Firmengründungsfieber, und zahlreiche solide und auch unsolide Firmen schossen wie Pilze aus dem Boden. Die großen Unternehmen waren nur als Aktiengesellschaften finanzierbar, und jedermann, mochte er auch noch so wenig Ahnung vom Börsengeschäft haben, begann nun, mit Aktien zu spekulieren. Ahnungslosigkeit und Spekulationswut entfernten das Ganze immer weiter von der volkswirtschaftlichen Wirklichkeit und gaben ihm den Anstrich einer absurden Lotterie.

Im Mai 1873 löste der Zusammenbruch der Wiener Börse eine Kettenreaktion aus: Erst wurde die New Yorker Börse geschlossen, dann kam der Berliner Börsenkrach. Der Gründerzauber war mit einem Schlag beendet. In dem satirischen Wochenblatt „Berliner Wespen " erschien eine Karikatur: Moses tritt den Anbetern des goldenen Kalbes entgegen und hält die Gesetzestafeln hoch. Sie tragen die Inschrift „Du sollst nicht gründen ". Doch der Gründerboom war nur die Schaumkrone auf einer Welle, die die deutsche Wirtschaft aufwärts trug, dies auch in der Zeit, die auf den Börsenkrach und den Zusammenbruch zahlreicher Firmen und kleiner und großer Einzelvermögen folgte. Nach wenigen Jahren war alles vergessen, der Wohlstand des Bürgertums stieg bis zum Ersten Weltkrieg kontinuierlich an.

Wer in diesen Jahren im jungen Kaiserreich zu Geld kam, der zeigte es auch. Die neuen Reichen des Industriebooms wetteiferten in Pomp und Protz und versuchten - in Ermangelung eines eigenen Stils - die Lebensform des Adels bis zur Lächerlichkeit nachzuäffen. Man residierte in schlössergleichen, feudalen Villen mit prunkvollen Fassaden. Auch die Garderobe der Damen hatte etwas Fassadenhaftes mit ihrem aufwendigen Rüschen-Dekor und der Ingenieur-Architektur der Korsettagen. Der Geschmack hatte meist nicht Schritt gehalten mit dem rasch anwachsenden Vermögen, und so machte man Anleihen bei allen Stilen und Kulturepochen, um für das Bild des Reichtums und des Erfolges einen prächtigen Rahmen zu schaffen. Die noch erhaltenen Villen der Gründerzeit im Westen der großen Städte mit ihren prunkvollen Imponierfassaden, dem Figurenschmuck und den schmiedeeisernen Gittern lassen noch heute etwas von dem Lebensstil ahnen, der sich drinnen entfaltete.

Auch die Villa Hügel in Essen steht noch heute in einem herrlichen Park, das Schloß des Stahlfabrikanten Alfred Krupp (1812-1887), des größten Unternehmers und reichsten Mannes seiner Zeit. Mit 14 Jahren hatte er im Jahre 1826 nach dem Tode seines Vaters dessen bankrotte, kleine Gußstahlfabrik übernommen. Jahrzehnte später (1870) beschäftigte er 10 000 Mitarbeiter und regierte als Alleinherrscher den größten Industriebetrieb Deutschlands. Nun baute auch er, der bisher immer auf dem Gelände seiner Fabrik gewohnt hatte, sein Schloß. Er entwarf es selbst bis ins kleinste Detail und suchte die schönste Aussicht mit Hilfe eines fahrbaren Turmes, der über das Baugelände geschoben wurde. Als der majestätische Palast fertig war, bot er Raum für über 180 Zimmer. Könige und Fürsten waren bei den Krupps zu Gast.

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