Die Industrialisierung veränderte vor allem die Struktur der Gesellschaft. Die große Bevölkerungszunahme in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zwang die Menschen, aus den ländlichen Gebieten, die sie nicht mehr ernähren konnten, abzuwandern. Zu Tausenden strömten die Arbeitssuchenden in die neuen Industriegebiete, nach Schlesien, Sachsen, nach Berlin, ins Rhein-Ruhr-Gebiet. Wir haben es zu tun mit der ersten großen Massenwanderung der neueren deutschen Geschichte. Es waren ungelernte bäuerliche Arbeiter, die nun wanderten, aber auch kleine arbeitslose Handwerker, für die es in ihren erlernten Berufen nicht genügend Arbeitsmöglichkeiten gab. Sie alle waren „Entwurzelte ", oder, wie man damals sagte, Pauperisierte. Die heimatliche Umgebung und die gewohnte Arbeit hatten sie hinter sich gelassen - alle mußten sich in dem Umfeld der Fabriken, in und um die Städte, in einem neuen, ungewohnten Arbeitsablauf zurechtfinden. Fast alle kamen vom Lande und lebten nun zusammengedrängt in den trostlosen Arbeiterquartieren der immer schneller wachsenden Industriestädte, schlecht bezahlt und ohne Schutz bei Unfällen und bei Arbeitslosigkeit der Not preisgegeben.

Jede Wirtschaftskrise dieser Zeit machte dazu ein Viertel bis ein Drittel der Arbeiter arbeitslos sowie von der Armenunterstützung abhängig. Viele Fabrikarbeiter, die Handwerker waren, bevor sie in die Industrieproduktion gingen, blieben zutiefst unzufrieden und empfanden die Fabrikarbeit als sozialen Abstieg. Auf den Barrikaden der Märzrevolution des Jahres 1848 wurde nicht nur für politische Forderungen gekämpft, es entlud sich auch die Unzufriedenheit dieser Massen mit ihrer Situation. Die Lage besserte sich erst im Zuge des fortschreitenden Wirtschaftswachstums. Metallindustrie und Eisenbahnbau schufen neue Arbeitsplätze. Die Kinderarbeit nahm ab, viele Betriebe richteten Hilfskassen für Krankheitsfälle ein, und Fürsorgeeinrichtungen der Gemeinden sowie private Vereine nahmen sich der krassesten Not an.

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