Robert Prutz, Die politische Poesie der Deutschen (1845)

Es ist eine bekannte Tatsache, daß bei uns Deutschen Poesie und Politik als entschiedene und durchaus unversöhnliche Gegensätze betrachtet werden, und daß demgemäß politische Poesie bei uns meist als für ein Ding gilt, welches entweder, als unmöglich, nicht existiert, oder, als unberechtigt, doch nicht existieren sollte. In diesem Resultat vereinigen sich bei uns zwei Parteien, die übrigens wenig oder nichts gemein haben; auch zu dieser gemeinsamen Ansicht sind sie auf ganz verschiedenen Wegen, von den verschiedensten Standpunkten aus, gelangt.

Die Einen (denn auch das Geschlecht dieser Leute ist bei uns noch nicht ausgestorben) sind diejenigen, nach deren Meinung das Volk im allgemeinen und als solches überhaupt politisch unmündig, unbeteiligt und unberechtigt ist, und die daher alles politische Interesse, alle persönliche Teilnahme an der Entwicklung des Staates und der gegenwärtigen Geschichte ausschließlich auf den Kreis derjenigen beschränken wollen, die auf irgend eine Weise, als Aufseher oder Handlanger, Nagel oder Schraube, unmittelbaren Anteil an jener großen geheimnisvollen Staatsmaschine haben, von denen wir Andern nur das Knarren und Sausen hören. Es sind dies diejenigen, die aus der Tatsache des Besitzes ihr Recht, sogar ihr ausschließliches und göttliches Recht ableiten; die kein anderes, zum wenigsten kein besseres Werkzeug der Regierung kennen, als das Gängelband, den Fallhut und die Rute, die den gesamten Staat, die gesamte politische Entwicklung unserer Zeit als einen Geheimdienst behandeln, in welchem sie allein die Wissenden, die geweihten Priester, die Vermittler sind zwischen dem verhüllten, jenseitigen Staat und uns, den Laien der Geschichte. Wenn diese auch der Poesie nicht gestatten wollen, den politischen Inhalt unseres Lebens zu ergreifen und mit tönender Stimme auszusprechen vor unserm Volk, so versteht sich das bei dieser Partei ganz von selbst, uns ist nur eine notwendige und richtige Konsequenz ihrer ganzen Stellung.

Neben ihr her läuft eine zweite Richtung, die zwar auch von politischer Poesie nichts wissen will; aber nicht, wie jene, aus politischen, sondern lediglich aus poetischen Gründen, aus gewissen ästhetischen Prinzipien, die man sich einmal gebildet, oder richtiger, die man von der Vergangenheit auf Treu und Glauben als gültig übernommen hat, und die man nun nicht aufgeben zu dürfen meint, ohne zugleich die Grundfesten der Kunst selbst zu erschüttern. Denn nach der Meinung dieser Partei ist die Dichtung göttlicher Natur, ihr Reich ist nicht von dieser Welt, sie ist der Friede, die Harmonie, der selig unbefangene Genuß des Schönen; was hätte sie also zu teilen mit den irdisch vergänglichen, den feindseligen und häßlichen Erscheinungen der Tagesgeschichte? Die Heimat der Poesie, sagen sie, ist ausschließlich das Ideal, mit dessen goldenem Abglanz sie unsere geplagten, von der Welt ermüdeten und zerstückelten Herzen erleichtert und erquickt; ihr schlimmster und unversöhnlichster Feind ist die Wirklichkeit: aber sie überwindet ihn, indem sie ihn ignoriert. Auch die Wirklichkeit des Staates hat daher, schließen sie weiter, in der Poesie keinen Raum, gerade sie am wenigsten. Denn der Staat, sagen sie, ist lediglich Produkt und eine Angelegenheit des Verstandes, während die Poesie allein aus dem Brunnen des Gemütes quillt und den Verstand, den kalt berechnenden, verachtet; im Staat kämpfen Vorurteile und Systeme, Leidenschaften und Parteien, die das Herz verbittern und die schöne Unbefangenheit der künstlerischen Anschauung zerstören. Das aber ist es ja eben, fahren sie fort, was der Poet, der Künstler und überhaupt jeder, der auch nur für den Genuß der Kunst empfänglich ist, vor allen übrigen Menschen voraus hat, daß er, kraft dieser geistigen Vornehmheit, erhaben ist über die Konflikte der Wirklichkeit, und daß die unsaubere Woge der Parteiung nicht heraufschwillt bis zu ihm. Denn der Poet steht über den Parteien, ja es kann ihm ganz gleichgültig sein, wie die Welt dort außen läuft, und ob er unter einem Trajan lebt oder einem Nero: das, was sein wirkliches Eigentum ist, das ewig blühende Paradies der Kunst, die goldene Welt der Phantasie, den Zauberstab des Talentes, kann ihm ja doch niemand rauben, noch verkümmern. Ein Poet daher, der sich abhängig bekennt von den öffentlichen Zuständen seiner Zeit, und der die Politik der Gegenwart in seine Gedichte hereinziehen will, ist eben darum kein wirklicher Poet. Denn indem er sich nicht mit der rein poetischen Wirkung an sich begnügt, sondern auch die politischen Leidenschaften seiner Umgebung, die einseitige Neigung und Abneigung seiner Zeit ins Spiel zu ziehen sucht, zeigt er deutlich, daß er weder in sein Talent, noch in die absolute Wirkung der Kunst überhaupt Vertrauen setzt; er ist also, sei es nun um des Effektes oder um der persönlichen politischen Ansicht willen, ein Hochverräter an der reinen und keuschen Sache der Poesie. Oder was braucht er auf das Ächzen und Schrillen der politischen Wetterfahne zu horchen, so lange noch Wälder rauschen und Bächlein murmeln? Was braucht er sich auf die Warte der Zeit zu stellen und auszuschauen nach den Konstellationen des politischen Horizontes, so lange ihm noch die Wiederkehr des Frühlings mit seinen Rosen und Nachtigallen sicher ist und so lange ihn noch der Abendstern in die Arme seines Mädchens winkt?...

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