Die Volksvertretung, die vom ganzen Volk in geheimer, gleicher und direkter Wahl gewählt wurde und Politik für das Volk machen sollte, wurde von den herrschenden Kräften des kaiserlichen Deutschland nicht ernstgenommen. Entlarvend ist das böse Wort, das im Jahre 1910 der konservative Reichstagsabgeordnete Elard von Oldenburg-Januschau (1855-1937) in einer Reichstagssitzung zu sagen wagte und das sofort zum geflügelten Wort wurde: „Der Deutsche Kaiser muss jeden Moment imstande sein, zu einem Leutnant zu sagen: Nehmen Sie zehn Mann und schließen Sie den Reichstag. "Und tatsächlich war die Volksvertretung auch ohne politische Verantwortung. Die Parteien machten mehr Programme als praktische Politik: Die wirkliche Macht und der Einfluß auf die Politik des Reiches lag bei den großen Interessenverbänden, deren Vertreter in Ministerien und den Parlamenten der deutschen Länder, vor allem aber auch im gesellschaftlichen Umfeld bei Hofe und im Preußischen Staatsministerium erfolgreich aktiv waren. Die Interessen der Bauern, vor allem die der ostelbischen Großgrundbesitzer, vertrat seit 1893 der „Bund der Landwirte ", die der Industrie der „Centralverband Deutscher Industrieller" und der „Bund der Industriellen ", allesamt aufeinander bezogen, unversöhnliche Gegner im zähen Kampf gegensätzlicher Interessen. Und über allem stand der preußisch-deutsche Obrigkeitsstaat mit dem selbstgefälligen Anspruch, das „Wohl des Ganzen" zu repräsentieren.

Auch die Sozialdemokratie hatte sich in dieses Gefüge eingeordnet. Im Jahre 1890 war das Sozialistengesetz im Reichstag nicht mehr verlängert worden. Die Zeit der Verfolgung war nun vorbei. Diese Sozialdemokratische Partei Deutschlands, wie sich die Partei jetzt nannte, war mit 35 Abgeordneten im Reichstag vertreten. Dahinter standen 1472 000 Wähler. Der revolutionäre Elan der frühen Jahre war gewichen, trotz des furchterregenden Bildes, das die konservativen Rechten noch immer von den Sozialisten zeichneten.

Die Pläne zum gewaltsamen Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft waren in den Schubladen gelandet. Die gemäßigten Tendenzen, der Reformismus, hatten sich durchgesetzt. Mit zunehmender parlamentarischer Erfahrung wuchs das Vertrauen in die parlamentarischen Möglichkeiten, für die Interessen der Arbeiter einzutreten. Auch August Bebel (1840-1913), der unbestrittene Führer der Partei bis zu seinem Tode im Jahre 1913, der einmal gestand, daß er keinen Abend ohne die Überzeugung ins Bett ginge, daß es bis zur Revolution nur noch wenige Tage dauern könne, begnügte sich vorerst mit der Bekräftigung der Treue der Partei zu den Lehren von Karl Marx (1818-1883). Im Erfurter Programm, das der Parteitag von 1891 verabschiedete, wurde eine Aussage zur staatlichen

Ordnung vermieden. Die Forderungen der Partei lauteten auf allgemeines, gleiches, direktes Wahlrecht nicht nur für den Reichstag, Gleichberechtigung der Frau, Chancengleichheit in Schule und Beruf sowie auf soziale Besserstellung der Arbeiter.

Eine immer größer werdende Zahl von SPD-Parteimitgliedern wollte nicht gegen den Staat kämpfen, solange es eine Möglichkeit der Zusammenarbeit gab. Mit steigendem Wohlstand schien auch der Arbeiter Platz in der Gesellschaft zu haben, und damit eine größere soziale Sicherheit. Wirtschaftliches Auskommen, soziale Bindungen in Arbeitervereinen und Wohnbereichen taten ein übriges. Im täglichen Leben hatte sich die überwiegende Zahl der Arbeiter den bürgerlichen Grundmustern angeglichen. Man wollte aufsteigen in der Gesellschaft, nicht sie zerstören. Um Georg von Vollmar (1850-1922) und Eduard Bernstein (1850-1932) sammelte sich die Bewegung des Revisionismus, die eine grundlegende Neuorientierung der Partei, ein Programm, das „auf der Grundlage der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung Verbesserungen wirtschaftlicher und politischer Art" herbeizuführen suchte, also die marxistische Doktrin und die aus ihr abgeleitete Taktik an die gewandelten wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen anzupassen bestrebt war und dem Klassenkampf abschwor. Von Rosa Luxemburg (1871 -1919) und anderen wurde der Revisionismus erbittert bekämpft, aber auf seiner Linie lagen auch die Gewerkschaften, deren Einfluß nach 1895 rapide zunahm. Die praktisch orientierten Gewerkschaftsführer wollten lieber die konkreten Interessen der Arbeiter vertreten, anstatt für den Kampf der Arbeiterklasse doktrinäre Opposition zu betreiben.

Es ist dieser Gewerkschaftsbewegung zu danken, daß sich die Sozialdemokratie schon im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zu einer in allen ihren praktischen Zielen sozialreformerischen Partei wandelte.

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