Reichsgründung im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles

Noch vor Beendigung des Krieges mit Frankreich konnte Bismarck in intensiven Verhandlungen die Vertreter der süddeutschen Staaten überzeugen: Hessen und Baden traten Anfang November 1870, Bayern und Württemberg Ende November dem Norddeutschen Bund bei. Für Bismarck war klar, daß der Name für dieses neue Gebilde „Deutsches Reich "sein und daß sein Oberhaupt, Preußens König, den Titel „Kaiser" führen mußte.

Für das Zustandekommen dieses Kaisertums hatte Bismarck geschickt vorgearbeitet. Er hatte König Ludwig II. von Bayern (18641886) in einem vertraulichen Brief überredet, den für die Kaiserkrönung erforderlichen Antrag zu übernehmen und einen unterzeichnungsfertigen Entwurf dazu seinem Brief beigelegt. Schließlich hatte er dem zögernden Bayernkönig die Einwilligung mit der Zusage einer jährlichen Zuwendung von 300 000 Mark aus der diplomatischen Geheimkasse erleichtert. Aber König Wilhelm war zunächst keineswegs bereit, den Kaisertitel anzunehmen, darin seinem Bruder ähnlich. Für ihn gab es nichts Höheres als den Rang eines Königs von Preußen.

Bis kurz vor dem Beginn des Festaktes im Spiegelsaal des Versailler Schlosses stritten der König und sein Kanzler über die Frage, ob es „Kaiser von Deutschland", „Deutscher Kaiser" oder „Kaiser der Deutschen" heißen sollte. Der Preußenkönig war über seinen Kanzler so verärgert, daß er, nach der feierlichen Kaiserproklamation, Bismarck, der sie verlesen hatte und allein vor ihm stand, ignorierte, an ihm vorüberging und den hinter ihm stehenden Generälen die Hand gab.

Die Kaiserproklamation im winterlich kalten Spiegelsaal von Versailles hatte den Stil einer militärischen Kundgebung. Sie vollzog sich darum nicht so glänzend, staatsmännisch und wohlgeordnet, wie sie Anton von Werners (1843-1915) berühmtes Gemälde zeigt. Aber so ging sie in das Bewußtsein der Deutschen ein, begleitet von den Worten der Proklamation, die Bismarck verfaßt und verlesen hatte und in denen sich der Kaiser verpflichtete, „den Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes, zu verteidigen. Uns aber und unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer des Deutschen Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens, auf dem Gebiet nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung".

In der Begeisterung für Kaiser und Reich war sich die überwiegende Mehrzahl der Deutschen einig, auch wenn das neue Kaisertum durch eine Art „fürstlichen Staatsstreich" Bismarcks entstanden war. Die Vertretung des Norddeutschen Reichstages, welcher immerhin im Dezember 1870 beschlossen hatte, den Bund in „Reich" umzubenennen und das Bundespräsidium mit dem Kaisertitel auszustatten, wurde in Versailles erst nach zweitägiger Wartezeit, und sehr ungern, zum Kaiser vorgelassen. Die Abordnung führte Eduard Simson (1810-1899) an, der bereits als Präsident der Frankfurter Nationalversammlung den damaligen König Friedrich Wilhelm IV. im Namen des deutschen Volkes um die Annahme der Kaiserwürde gebeten hatte. Auch diesmal überbrachte die Abordnung eine Kaiseradresse: „ Vereint mit den Fürsten Deutschlands naht der Norddeutsche Reichstag mit der Bitte, daß Euer Majestät gefallen möge, durch Annahme der deutschen Kaiserkrone das Einigungswerk zu weihen. "So schien das deutsche Kaiserreich von Anfang an eine doppelte Legitimation zu haben - durch das Parlament und die Zustimmung der Fürsten.

Die Verfassung des Reiches baute auf jener des Norddeutschen Bundes auf. Es war eine konstitutionelle Monarchie. Das oberste Organ des Reiches bildete der Bundesrat, die Vertretung der deutschen Fürsten. Dem Bundesrat stand der Reichstag als Volksvertretung gegenüber. Er wurde auf der Grundlage des Reichswahlgesetzes von 1849 gewählt, und zwar in freien, gleichen und geheimen Wahlen. Gesetze mußten von beiden Kammern gemeinsam beschlossen werden. Die eigentlichen Stützen der staatlichen Macht, Armee und Verwaltung, unterstanden jedoch nicht dem Reichstag. Er hatte auch keinen Einfluß auf die personelle Besetzung der Reichsregierung und auch keinen Einfluß auf die Außenpolitik. Oberster Beamte war der Reichskanzler, der vom Kaiser ernannt wurde und diesem allein verantwortlich war.

Tagebuchaufzeichnung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, Eintrag zur Kaiserproklamation

 

„Nachdem Se. Majestät eine kurze Ansprache an die deutschen Souveräne laut und in der wohlbekannten Weise verlesen hatte, trat Graf Bismarck, der ganz grimmig verstimmt aussah, vor und verlas in tonloser, ja geschäftlicher Art ohne jegliche Spur von Wärme oder feierlicher Stimmung die Ansprache „An das deutsche Volk". Bei den Worten „Mehrer des Reichs" bemerkte ich eine zuckende Bewegung in der ganzen Versammlung, die sonst lautlos blieb.

Nun trat der Großherzog von Baden mit der ihm so eigenen, natürlichen, ruhigen Würde vor und rief laut mit erhobener Rechten: „Es lebe Se. Kaiserliche Majestät der Kaiser Wilhelm!" Ein donnerndes, sich mindestens sechsmal wiederholendes Hurra durchbebte den Raum, während die Fahnen und Standarten über dem Haupte des neuen Kaisers von Deutschland wehten und „Heil dir im Siegerkranz" ertönte. Dieser Augenblick war mächtig ergreifend, ja überwältigend und nahm sich wunderbar schön aus. Ich beugte ein Knie vor dem Kaiser und küßte ihm die Hand, worauf er mich aufhob und mit tiefer Bewegung umarmte. Meine Stimmung kann ich nicht beschreiben, verstanden haben sie wohl alle; ja selbst den Fahnenträgern habe ich eine unverkennbare Gemütsbewegung angesehen.

Nun brachten die Fürsten, einer nach dem andern, ihre Glückwünsche dar, welche der Kaiser mit einem freundlichen Händedruck entgegennahm, worauf eine Art Defiliercour stattfand, die jedoch des unvermeidlichen Gedränges wegen keinen rechten Charakter hatte. Der Kaiser schritt darauf zunächst an den Fahnen und deren Trägern entlang, trat dann von der Estrade herab an die vorn Stehenden heran und richtete beim Durchschreiten des Saales einige Worte im Vorübergehen an die zu beiden Seiten stehenden Offiziere und Mannschaften. Ich hatte der Musik befehlen lassen, sobald der Kaiser sich zum Verlassen des Saales anschickte, den Hohenfriedberger Marsch zu spielen, so daß Se. Majestät unter diesen herrlichen Klängen von der Versammlung schied, worauf er, von dem Hurra der Stabswache begrüßt, das Schloß verließ..."

 

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