Nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt erhielten Männer politischen Handlungsspielraum, die die Notwendigkeit von Reformen schon lange vorausgesehen hatten: Reichsfreiherr Karl vom und zum Stein (1757-1831) aus Nassau, Gerhard Scharnhorst (1755-1813) aus dem Hannoverschen, Wilhelm von Humboldt (1767-1838) aus Berlin, alle drei in preußischen Diensten. Stein war Motor der politisch-gesellschaftlichen, Scharnhorst Mittelpunkt der militärischen Reformbewegung und Humboldt der große Bildungsreformer. Ihr Ziel war nicht nur eine vordergründig-zweckmäßige Modernisierung von Verwaltung und Militär im preußischen Staat, sie wollten das Bewußtsein der Menschen in diesem Staat verändern. Aus Untertanen sollten patriotische Bürger, aus stumpf gehorchenden Berufssoldaten sollten „Bürger in Uniform" werden, die bereit waren, für ihr Vaterland zu kämpfen.

Der Reichsfreiherr vom und zum Stein war mit 23 Jahren in preußische Staatsdienste getreten. Im Jahre 1804 war er als Handels-, Verkehrs- und Finanzminister ins preußische General-Direktorium in Berlin berufen worden und hatte von dort aus das Zoll- und Finanzwesen Preußens reformiert. Für den totalen Zusammenbruch Preußens sah er sehr klar den tieferen Grund: die völlig veraltete Regierungsmethode. In einer Denkschrift an Friedrich Wilhelm III. hatte er die Abschaffung der alten Kabinettsregierung und eine radikale Modernisierung der Staatsführung verlangt. Der dynamische Reformer war dem König unheimlich geworden und wurde mit dem folgenden Schreiben des Königs vom 3. Januar 1807 entlassen. Wenige Monate später wurde er auf Napoleons Drängen wieder auf seinen Posten zurückgerufen, weil Napoleon wußte, dass Preußen nur mit fähigen Staatsdienern die von Frankreich geforderten Abgaben aufbringen könnte. Stein war sofort bereit und wurde am 30. September 1807 zum fast allmächtigen Minister ernannt. Wenige Tage nach seinem Amtsantritt trat bereits sein erstes Dekret in Kraft, das zur Befreiung der Bauern.

Die Leibeigenschaft war zwar schon seit 30 Jahren abgeschafft, nun endete auch die Erbuntertänigkeit unter den großen Gutsherren. Die preußischen Bauern wurden Besitzer auf eigenem Grund und Boden, konnten Land erwerben und frei verkaufen. Das bedeutete vom Grundsatz her Freiheit und Selbstverantwortung, aber auch das Risiko des Scheiterns.

Ein Jahr später war Steins Städteordnung erlassen, die den Städten und Gemeinden ein Selbstverwaltungsrecht gab und die Bevölkerung direkt an der kommunalen Verwaltung beteiligte. Aus „Untertanen" waren wieder „freie Bürger" geworden wie in den mittelalterlichen Reichsstädten. Diese Städteordnung ist die „Urform" der modernen kommunalen Selbstverwaltung, die bis heute Teil unserer politischen Ordnung geblieben ist. Steins drittes Reformdekret reorganisierte die Staatsspitze: An die Stelle der Kabinettsregierung und des General-Direktoriums setzte er ein Staatsministerium mit fünf Fachministern für Äußeres, Inneres, Krieg, Finanzen und Justiz.

14 Monate später mußte der preußische König Friedrich Wilhelm III. Stein entlassen, weil die Franzosen ihn verdächtigten, einen Aufstand gegen Frankreich vorzubereiten. Stein floh nach Österreich, später nach Rußland.

Steins Nachfolger war Karl August von Hardenberg. Im Jahre 1810 erließ Hardenberg das Finanzedikt, 1810/ 11 wurde die Gewerbefreiheit eingeführt und der Zunftzwang für das Handwerk aufgehoben. Das Jahr 1812 erbrachte die wirtschaftliche und soziale Gleichstellung der Juden (Judenemanzipation), - ein denkwürdiges und lang ersehntes Ereignis in der deutsch jüdischen Geschichte. Endlich erhielten die Juden die gleichen bürgerlichen Rechte und Freiheiten wie die Christen, auch die gleichen Pflichten wie den Militärdienst. Sie waren von nun an gleichberechtigte preußische Staatsbürgergeworden. Sie mußten feste Familiennamen annehmen und in Urkunden und Geschäftsbüchern die deutsche Sprache gebrauchen.

Die Ausführung der Reformgesetze blieb jedoch letztlich auf halbem Wege stecken. Sie scheiterte teilweise, besonders die Bauernbefreiung, an dem erbitterten Widerstand des grundbesitzenden Adels, aber auch an der überraschenden Interessenlosigkeit vieler Betroffener.

 

Für die dringend notwendige Heeresreform berief der König Scharnhorst. Sein Auftrag lautete schlicht: Schaffung einer neuen preußischen Armee. Scharnhorst hatte die Katastrophe des preußischen Heeres im Jahre 1806 als Generalstabschef miterlebt. Sein Reformkonzept war schon entwickelt und in einer Denkschrift niedergelegt. Jetzt konnte er handeln. Sein Ziel war ein Volksheer aus Bürgern, die sich mit den Zielen ihres Staates identifizierten, der Weg dazu: die allgemeine Wehrpflicht. Jeder sollte in diesem Heer Karriere machen können nach Leistung und Verdienst, und nicht nach Geburt und Adelspatent. Entwürdigende Körperstrafen wie Prügel und das verhaßte Spießrutenlaufen wurden abgeschafft. Napoleon erkannte sofort die Gefahr, die für ihn heraufzog: Preußen mußte auf seinen Befehl hin seine Truppen auf 42 000 Mann vermindern. Scharnhorst umging diese Anweisungen sehr geschickt: Die Rekruten (in genehmigter Zahl) wurden nach einer kurzen, sehr gründlichen Ausbildung nach Hause geschickt und die gleiche Anzahl junger Männer neu eingezogen. So stand immer ein Vielfaches der vertraglich festgesetzten Zahl gut ausgebildeter Soldaten zur Verfügung.
Der dritte Pfeiler des preußischen Reformwerks war das Bildungswesen, das Wilhelm von Humboldt als Leiter des Kultus- und Unterrichtswesens im Preußischen Innenministerium reorganisierte. Nur anderthalb Jahre hatte er zur Verfügung, um das gesamte Bildungssystem Preußens von der Grundschule bis zum Gymnasium zu reformieren. Das Ideal einer allgemeinen Volkserziehung trat an die Stelle der bisherigen Standes- und Berufserziehung. Ungehindert von staatlichen Eingriffen sollten sich die geistigen und sittlichen Kräfte frei entfalten können.
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