Sebastian Gutzwiler, Das Familienkonzert

Die Musik ist eine der schöpferischen Lebensquellen des Biedermeier. In vielen Familien kommt man regelmäßig zur Hausmusik zusammen, im privaten Salon trifft man sich zur Musikalischen Soiree, eine besondere Pflege findet das Volkslied, das gerne in geselliger Runde gesungen wird, Musiktheater und Oper erleben erneut eine große Zeit.

In der ersten Hälfte des 19. Jh.s übernimmt die Deutsche Oper die Führung, Lortzing, Nicolai, Flotow komponieren die leichtere Gattung der Spieloper. In Italien entwickelt sich der feinere, raffiniertere Opernstil (Rossini, Donizetti). Paris bringt „große" Opern, opulente Ausstattungsstücke von Auber oder Meyerbeer oder Spielopern von Adam, Auber oder Boieldieu. Das Lied (auch der Liederzyklus) und die Ballade erleben ihre Blütezeit (Schubert, Beethoven, Loewe). Daneben gibt es einige für die Entwicklung der Musik wichtige Erfindungen, so 1815 das Metronom von Johann Nepomuk Mälzel (1772-1838), mit dem musikalische Tempi objektiv festzulegen sind, 1823 das moderne Pianoforte mit Repetitionsmechanik von Sebastien Erard (1752-1831) oder 1841 das Saxophon von Antoine (gen. Adolphe) Sax (1814-1894), das zunächst in der englischen und französischen Militärmusik eingesetzt wird.

Der Walzer wird populär, seit 1842 ist auch die Polka gesellschaftsfähig. Große Solisten machen Furore, z.B. der „Teufelsgeiger" Niccolo Paganini (1782-1840), die komponierenden Klaviervirtuosen Frederic Chopin (1810-1849) und Franz Liszt (1811-1886) oder die Bühnen- und Konzertsopranistin Jenny Lind (1820-1887), die als „schwedische Nachtigall" gefeiert wird.

Daneben etabliert sich schon die eigens für den Hausgebrauch komponierte sogenannte „Salonmusik". Chopin, Liszt, Paganini und Mendelssohn komponieren dergleichen gelegentlich, vor allem aber zeigen sich Henri Herz (1803-1888), Franz von Hünten (1793-187$) oder Henri Rosellen (1811-1876) als Meister solcher Vorläufer der späteren Schlager.

Zur Zeit des Biedermeier entstehen zahlreiche uns heute als Volkslied geläufige Melodien und Gesänge, oft nach Texten zeitgenössischer Dichter, die so rasch variiert und integriert werden, daß ihre ursprüngliche Herkunft vom Kunstlied oder aus der Literatur in Vergessenheit gerät. All diese eingängigen, oft heiteren Lieder eignen sich vor allem für den gemeinsamen Gesang, den Chor, und bereichern deshalb insbesondere das Repertoire der Liedertafeln, Chor- und Gesangsvereine, die im Biedermeier reichen Zulauf von Bürgern aller Stände und Berufe finden und ein Hauptbestandteil der in vielerlei Formen ausgeprägten Geselligkeit jenes Zeitalters sind.

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