Karikatur zum Kulturkampf: Bismarck spielt mit Papst Pius XI. um die Zukunft der katholischen Kirche im Deutschen Reich Schach

Die Anteilnahme der Deutschen am politischen Geschehen war zunächst noch recht gering: An den Wahlen zum ersten Deutschen Reichstag im Jahre 1871 beteiligten sich nur 50,7 Prozent der Wahlberechtigten, und noch die Wahlen zum sechsten Reichstag (1884) brachten nur wenig mehr als 60 Prozent an Wahlbeteiligung. Allerdings waren der Wirkungsmöglichkeit des Reichstags Grenzen gesetzt, denn nach der Verfassung des Reiches wurden der Kanzler und seine Regierung nicht vom Reichstag gewählt. Damit waren die Möglichkeiten, politische Verantwortung zu übernehmen, stark eingeschränkt. Die Abgeordneten hatten nur die Wahl, die Politik der Regierung zu unterstützen oder dagegen zu protestieren. Bezeichnenderweise wurde das wichtigste Recht, das dem Parlament blieb, das Recht zur Budget-Verweigerung, bis 1917 nicht angewandt. Für Bismarck, den durch das Vertrauen des Kaisers allmächtigen Reichskanzler, waren die Abgeordneten entweder „Reichstreue" oder „Reichsfeinde", und zu letzteren zählte er die katholische Zentrumspartei, mit der es zu einer harten Auseinandersetzung kam: dem „Kulturkampf".

Unter Papst Pius IX. (1846-1878) hatte das Erste Vatikanische Konzil (1869-1870) in Rom 1870 das Unfehlbarkeitsdogma verkündet. Danach war der Papst in Entscheidungen des Glaubens und der Sitte, wenn er sie „ex cathedra" für die ganze Kirche verkündete, unfehlbar. In Deutschland entstand daraufhin die altkatholische Bewegung, die diese Lehre nicht annahm. 1873 bildeten die Altkatholiken eine eigene bischöfliche Kirche, die von der deutschen Regierung anerkannt wurde. Die römisch-katholischen Stellen gingen gegen diese Bewegung vor, der preußische Staat schützte sie - der Konflikt war da. Für Bismarck bot sich in dieser Auseinandersetzung vor allem die Gelegenheit, der katholischen Zentrumspartei „eins auszuwischen", deren Bindung an Rom Bismarck schon lange beargwöhnte, und die Frage nach dem Einfluß der Kirche auf den Staat in seinem Sinne zu lösen. Seine preußischen Maigesetze, erlassen im Mai 1873, 1874, 1875, verfügten, daß die Ausbildung der katholischen Geistlichen auf staatlichen Anstalten zu erfolgen habe. Außerdem sollte die Geistlichkeit der staatlichen Gerichtsbarkeit unterstellt werden. Die Zivilehe wurde eingeführt. Die Niederlassungen aller geistlichen Orden (mit Ausnahme der für die Krankenpflege) wurden nun aufgehoben. Die Schulaufsicht, die bisher den Kirchen zustand, übernahm der Staat. Der Jesuitenorden wurde verboten. Da die Katholiken die Anerkennung der Maigesetze verweigerten, wurden zahlreiche Bischöfe und Geistliche abgesetzt und sogar zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt. Die Empörung darüber war außerordentlich groß, nicht nur bei den Katholiken selbst, auch viele liberale Protestanten waren entsetzt über Bismarcks rücksichtsloses Vorgehen, obgleich man sagen muß, daß der Reichskanzler vom Grundsatz her in dieser Frage für eine liberale Politik stritt. Die katholische Kirche indes hatte ihre Märtyrer, und das Zentrum konnte in der Zeit des Kulturkampfes die Zahl seiner Wähler verdoppeln.

Man wähnte sich in mittelalterlichen Verhältnissen während der großen Machtkämpfe zwischen Kaiser und Papst, zwischen weltlicher und geistlicher Autorität; Und so versicherte Bismarck auch lautstark, er werde nicht „nach Canossa gehen", womit er auf den Fußfall anspielte, den Heinrich IV. (1056-1106) im Januar 1077 vor Papst Gregor VII. (1073-1085) auszuführen hatte. Und doch mußte auch er zuletzt nachgeben. Nach dem Tod von Papst Pius IX. suchte Bismarck noch im Jahre 1878 den Ausgleich mit der katholischen Kirche. Viele Maßnahmen wurden rückgängig gemacht. Zivilehen und Schulaufsicht aber blieben bestehen.

Zurück
Hauptseite