Kinderarbeit in einem Steinkohlebergwerk

Im 19. Jahrhundert wandelte sich Deutschland allmählich vom Agrar- zum Industriestaat. Zu Beginn des Jahrhunderts waren noch 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Und auch für die 10 Prozent Stadtbevölkerung gehörten Viehställe, Scheunen und Getreidelager zum alltäglichen Anblick im Straßenbild. Die Industrialisierung schritt in der ersten Hälfte des Jahrhunderts nur langsam voran. Geradezu explosionsartig aber stiegen zur gleichen Zeit die Bevölkerungzahlen, besonders auf dem Lande. Die Ursachen waren unterschiedlich: Durch große Fortschritte in Medizin und Hygiene ging die Sterblichkeit rapide zurück. Seuchen konnten dadurch eingedämmt oder abgewendet werden. Durch die Fruchtwechselwirtschaft und die Erfindung und Anwendung des Kunstdüngers wurden mehr Nahrungsmittel erzeugt. Die Geburtenrate stieg auch als Folge der sprunghaft zunehmenden Heiraten sowie des sinkenden Heiratsalters, so zum Beispiel in Preußen, wo durch die Bauernbefreiung die Heiratsbeschränkung abgeschafft war.

Vor allem Preußen wurde überflutet von besitz- und beschäftigungslosen Landarbeitern, deren einzige Hoffnung auf Broterwerb die allmählich von der industriellen Entwicklung erfaßten Städte waren. Zwischen den Jahren 1800 und 1860 verdoppelte sich die Bevölkerung in Deutschland. Die Industrie hätte sich viel schneller als sie es tatsächlich konnte, entwickeln müssen, um ausreichend Arbeitsplätze bereitzustellen. Dieser Sachverhalt bot einen politischen und sozialen Zündstoff von nie gekanntem Ausmaß. Das Bürgertum, erfüllt von wirtschaftlicher Aufbruchsstimmung und fasziniert vom technischen Fortschritt, brauchte lange, ehe es sich dieser immer brennenderen „sozialen Frage" stellte. Der Strom von Arbeitssuchenden und der Mangel an Arbeitsplätzen ließen die Löhne sinken. Mißernten und steigende Lebenshaltungskosten verschlimmerten die Lage der unteren Schichten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Für die in weiten Teilen Deutschlands herrschende Armut kam der Begriff Pauperismus auf. Die Massenarmut mußte nun unter neuen Gesichtspunkten wahrgenommen werden. Ein Arbeiter konnte seine Familie meist nicht allein ernähren, Frauen und Kinder waren gezwungen mitzuarbeiten, oft unter katastrophalen Bedingungen. Kinderarbeit in wöchentlich sieben Tag- und Nachtschichten bis zu 15 Stunden war keine Ausnahme. Erst als man in Preußen merkte, daß die Kinder solche Schädigungen erfahren hatten, daß sie für den Militärdienst untauglich geworden waren, wurden endlich (1839) staatliche Schutzbestimmungen erlassen.

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