Ferdinand Wüst, Kaffeehaus

Lieblingsaufenthaltsort von Herrn und Frau Biedermeier, wenn sie ihre eigene Häuslichkeit verlassen, ist weniger das Gasthaus (dort kehrt man vor allem auf Reisen ein) als das Kaffee, der Kaffeegarten, das Konzert- oder Tanzkaffee. In Berlin geht man ins renommierte „Josty" oder zu „Stehely", beides alteingesessene Konditoreien mit gewaltigem Zulauf, oder zu „Jagor". Berühmteste Neugründungen der Zeit sind 1817 das große Kaffeehaus an den „Berliner Hecken", ein großzügiges, einstöckiges, zweiflügeliges Gebäude mit einladender Freitreppe. In Wien avanciert um 1820 Neuners „Silbernes Kaffee" in der Spiegelgasse zur Institution, alle Getränke werden im silbernen Geschirr serviert, auch Accessoires wie z. B. Kleiderhaken sind aus Silber. Um das Jahr 1834 befindet es sich in der ersten Etage eines Hauses in der Plankengasse und gilt als das Literatenkaffee schlechthin. In zwei geräumigen Zimmern wird Billard oder Schach gespielt, nebenan, durch ein Spiegelglas getrennt, befindet sich das „Damenzimmer". Den Kaffee reicht man stark, schwarz und nur wenig gesüßt.

In Leipzig, beim Grimma'schen Tor, öffnet 1835 das „Cafe francais", das vor allem von Messebesuchern bevorzugt wird; drei Jahre später der „Sommerwirt", eine Kaffeewirtschaft im Leipziger „Rosental" und Lokalität für kleine Leute. Ebenfalls im Rosental, auf der „grünen Wiese", etabliert der Schweizer Kintschy sein „Schweizerhäuschen" und macht es berühmt für Süßigkeiten wie Windbeutel, Pfannkuchen, „Napoleonskuchen" sowie besonders ausgezeichnete Liköre und Grog. Sein Kaffeemusik-Orchester ist die Hauptattraktion für jung und alt.

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