"Der Gerber" aus Heinrich Grünewalds "Orbis pictus"

Das Handwerk behauptet noch lange, parallel zur Industrialisierung der Biedermeierwelt seinen unangefochtenen Platz. Die fortschreitende Technisierung der Welt allerdings schadet auf vielen Gebieten dem blühenden, traditionsbewußten Handwerk. Der Güterverkehr nimmt zu, damit wandelt sich die gewohnte Vorratshaltung im Haus , Fabrikware tritt in Konkurrenz mit Handgemachtem. Solange die Sitte besteht, sich für den familiären Bedarf mit gewissen Lebensmitteln selber zu versorgen, vor allem die Hausfrau für die Beschaffung der Vorräte verantwortlich ist), braucht sie den Handwerker notwendig als technischen „Gehilfen". Der Gärtner legt Hand an bei der Obstkultur, der Küfer wird bestellt, wenn Wein oder Most in die Fässer gefüllt oder abgelassen wird, oft übernimmt er die Besorgung des Weinkellers ganz allein und kommt nur einmal wöchentlich zur Überwachung. Hat die Hausfrau Kraut eingekauft, schickt sie es zum Krautschneider, ist das gemästete Schwein fett genug, kommt der Schlachter ins Haus. In landwirtschaftlichen Haushalten sind es vor allem Wagner, Schmied und Sattler, auf deren handwerkliches Geschick man angewiesen ist.

Industrialisierung und Technik bringen dies alles plötzlich in Gefahr. Mancher Handwerker muß seinen Beruf aufgeben und sich als Fabrikarbeiter in Lohn verdingen, hat nur die Wahl zwischen sicherem Ruin und Abhängigkeit vom Fabrikherrn. Unter der Handwerkerschaft macht sich Unmut breit gegen die Gewerbefreiheit, und der Ruf nach Schutz des Handwerks gegen die Industrie wird laut. Die 1845 für Preußen erlassene „Allgemeine Gewerbeordnung" setzt sich nicht durch und findet keine Nachahmung. In jenen Jahren verliert das Handwerk seinen sprichwörtlichen „goldenen Boden". Ausnahmen gibt es auch hier; sie gelten für solche Gewerbe, die mit einem Laden verbunden und noch keine reinen Dienstleistungsunternehmen sind. Der Laden des Bäckers besteht nach zeitgenössischen Darstellungen noch immer aus einem schlichten Zimmer vor der Backstube, in dem auf hohen, offenen Regalen und in mächtigen Körben die Waren zum Verkauf stehen. Einfache Stühle oder Bänke laden zum Rasten und Probieren ein, durch die geöffnete Tür kann man den Straßenverkäufer mit hochbeladener Kiepe sehen; im Hintergrund schürt der Meister den Ofen, und zum offenen Fenster hinaus reicht die Bäckerin dem Bettler ein Stück Brot.

Um der Misere des wankenden handwerklichen Bodens zu entgehen, versucht, wie ein zeitgenössisches Blatt klagt, „jeder Schneider und Schuster seinen Sohn studieren zu lassen, um ihn im Dienste des Staates anstellen zu können", und auf dem Lande gibt es keinen Bauern, „der den seinigen nicht in die Stadt geschickt hätte, damit er ein Handwerk erlerne".

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