Mit dem „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein" und der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" gab es zwei sozialdemokratische Arbeiterparteien in Deutschland, die sich jedoch in ihren Programmen nur wenig unterschieden. Bebel hatte anfangs sogar überlegt, ob er auf den Namen „Arbeiterpartei" verzichten sollte, um auch bürgerliche Demokraten anzulocken. Und von Marx' radikaler Einstellung war in den Programmen wenig zu finden. Keine von beiden war damals eine Massenpartei; zusammen zählten sie 30 000 bis 40 000 Mitglieder und errangen bei der ersten Reichstagswahl lediglich 0,5 Prozent der Stimmen, ein etwas klägliches Ergebnis, welches zeigt, daß damals nur eine Minderheit der Arbeiter sozialdemokratisch wählte.

Nicht ihre Antworten auf die soziale Frage unterschieden die beiden Parteien wesentlich, wohl aber ihre Antworten auf die nationale, die Frage nämlich nach der künftigen Form eines Deutschen Reiches. Die Lassalleaner traten von Beginn ihres Bestehens an für eine „kleindeutsche" Lösung ein, die Reichseinigung ohne Österreich. Bebel und Liebknecht jedoch lehnten eine nationale Einigung unter preußischer Führung ab. „Eine fürstliche Versicherungsanstalt gegen die Demokratie ", das war in ihren Augen dann das Reich, das 1871 gegründet wurde, und das beide Parteien vor vollendete Tatsachen stellte. Damit hatte sich ein wesentlicher Streitpunkt von selbst erübrigt. Im Jahre 1875 vereinigten sich in Gotha beide Parteien, Lassalles Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein und Bebels Sozialdemokratische Arbeiterpartei, zur „Sozialistischen Arbeiterpartei ". Bis zu seinem Tode im Jahre 1913 blieb Bebel der anerkannte Führer der deutschen Arbeiterbewegung. Straff und energisch schuf er die erste moderne Arbeiterpartei Deutschlands. Er führte die sozialdemokratische Partei, trotz seiner revolutionären Grundideen, auf einen Weg reformerisch-friedlicher Veränderungen.

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