Berliner Dom, erbaut 1894-1905

Berlin war die Hauptstadt des neuen Reiches. Sie genoß die neue Würde und den Glanz der Kaiserstadt, auch wenn ihr Mittelpunkt, der alte Kaiser Wilhelm, sich den bescheidenen Lebensstil seiner Jugendjahre bewahrt hatte und sich die Badewanne für das wöchentliche Vollbad noch immer aus dem benachbarten Hotel ins Schloß bringen ließ. Indes, dies war seine ganz persönliche Eigenart. Der Hof entfaltete in diesen Jahren so viel Glanz, wie es dem Kaiserreich anzustehen schien wenn auch noch nicht so übertrieben und theatralisch wie dann zu Zeiten Wilhelms II. (1888-1918). Zu den Hoffestlichkeiten ins Berliner Schloß geladen zu werden, das war für viele der Höhepunkt ihres Lebens.

Der Hof war vor allem dem Adel vorbehalten, der nach wie vor an der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide stand. Noch immer rekrutierte sich aus dem Adelsstand ein beträchtlicher Teil des Offizierskorps (1860: 65 Prozent), noch immer war seine gesellschaftliche und politische Machtstellung enorm. Die adlige Heirat war das höchste Ziel der reichen bürgerlichen Mädchen. Aber das neue Besitzbürgertum und das Bildungs- und Verwaltungsbürgertum waren in Wahrheit die eigentlichen Stützen des neuen Nationalstaats. Ihnen nachgeordnet war das Kleinbürgertum, vor allem die Handwerkerschaft, und schließlich die immer größer werdende Masse des Fabrikproletariats. Es war eine feste Klassengesellschaft, und sie prägte die Industriestädte, die sich nun überall aus beschaulichen Landstädtchen ins Riesenhafte ausweiteten Essen beispielsweise besaß im Jahre 1850 ganze 9 000 Einwohner, fünfzig Jahre später bereits 295 000. Alle Städte hatten das gleiche Gesicht: In baumbestandenen Gärten lagen die Villen des Besitzbürgertums, auf der anderen Seite der Stadt lebten die Arbeiter in grauen, engen Mietskasernen.

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