Georg Herwegh, Auch dies gehört dem König

(Paris, 11. November 1843)

Ich wußt, ein König ist ein irrer Stern,

Und nur der Zufall regelt ihm die Bahnen -

Doch warnt ich vor dem Schweif, nicht vor dem Kern.

 

Dem Schweif von Sklaven und von Scharlatanen.

Ich dachte mir: dein eigen Fürstenherz

Sei mehr als ein Register seiner Ahnen,

 

Und ich vergaß, daß stets ein dreifach Erz

Euch, selbst im Tod, von eurem Volk noch trenne -

Drum nahmt ihr meine Worte nur für Scherz!

 

Mir Toren war's, als ob ich dich schon kenne,

Als ob gesäugt uns e i n e r Mutter Brüste,

Der Mutter, die ich mein Jahrhundert nenne:

 

Mir war's, als ob ich in der deutschen Wüste

Von einem fernen Quell das Rieseln höre,

Und träumend lag ich an Atlantis' Küste,

 

Und ich vernahm so feierlich: „Ich schwöre!" -

Herüber klangen von der Ostsee Borden

In meine Republik die Jubelchöre.

 

Begeistert rief ich: „Hoher Fürst im Norden!

Das Mädchen, drum die Väter einst gefreit,

Ist für die Söhne schier zu alt geworden:

 

D u führ herauf die j u n g e, große Zeit!

Laß unbesorgt den welken Reiz vermodern

Und um den Tod der Knechtschaft trag kein Leid,

 

Den Geistern gib die Sühne, die sie fodern.

Laß endlich das gelobte Land uns erben!

Der Freiheit Oriflamme, laß sie lodern!

 

Laß all den Spuk beim Hahnenruf ersterben

Getrosten Muts: Gevögel nur der Nacht

Wird elend an dem neuen Licht verderben,

 

Dem Lichte, das den Völkern Heil gebracht!

O sprich ein Wort, das ihre Angst vermindert!

O sprich ein Wort, vor dem der Schlaf erwacht!

 

Gib ein Gesetz, das heilet, nicht nur lindert:

Ja gib ein wahrhaft königlich Gesetz,

Das uns am Fallen, nicht am Gehn verhindert!

 

So sei ein Fürst! so wag es und verletz

Den alten heil'gen hergebrachten Plunder:

Zertritt das Pfaffen- und das Adelsnetz!

 

Wirf in die harrende Welt hinaus den Zunder

Und spreng den morschen Bau hoch in die Luft!

Bist du von Gott, wohlan so tue Wunder!

 

Die Toten nur laß in der Totengruft:

Es ist zu früh, wenn man am Jüngsten Tage

All diesem Volk zur Auferstehung ruft."

 

Nicht ganz so lautet' es, wie jetzt ich sage,

Mein Stachel hat nicht ganz so scharf gestochen;

Doch war's der tiefe Sinn von unsrer Klage,

 

Wenn wir, wie Hamlet einst, zu dir gesprochen:

„Im Staate Dänemark ist etwas faul,

Und seine Kraft ist in sich selbst gebrochen."

 

Du aber spielst den königlichen Saul;

(Nicht jenen andern, den du m i c h gescholten,

Wohl hoffend auf den Apostaten Paul -)

 

Du hast die freien Worte schlecht vergolten

Und warfst den Speer mit mörderischer Hand

Wenn wir nicht jedem Knechte Beifall zollten.

 

Du hast den eitlen Buhlen Freund genannt,

Der solchen Schergenruhm mit vollen Backen

Posaunt; hast unsre r e i n e Glut verkannt,

 

 

Die nur das Erz wollt läutern von den Schlacken:

Denn kommen muß er jetzt, der Tag auf Erden,

Der freie Männer scheidet von Kosaken.

 

Da stehst du nun, mit zornigen Gebärden,

Ratloser Fürst, inmitten deiner Larven,

Der Larven, die sich nie entpuppen werden,

 

Erschaudernd vor der Wahrheit, vor der scharfen,

Und wirst der Gaukler eifriger Mäzen,

Die zwischen Licht und Finsternis dich warfen.

 

Zu scheu, der neuen Zeit ins Aug zu sehn,

Zu beifallslüstern, um sie zu verachten,

Zu Hochgeboren, um sie zu verstehn;

 

Willst du durch bunte Gläser sie betrachten,

Durch Gläser, die dir deine Puppen schleifen,

Den letzten hellen Blick dir zu umnachten.

 

Was half's dir, ein paar B l ä t t e r abzustreifen?

Du wirst den Drang der Schöpfung nimmer stillen,

Und schneller werden nur die Früchte reifen.

 

Du armer Spielball armer Kamarillen!

Du konntest deiner Zeit die Fahne tragen

Und trägst nun ihre Schleppe wider Willen.

 

O lern dem Traum des Heldentums entsagen!

Vertrocknet ist für dich der Born der Tat,

Aus deinen Steinen wirst du nicht ihn schlagen.

 

Nur feile Zungen dreschen deine Saat,

Als wär ein Wald von Ähren draus entsprossen:

Ich sehe nichts als Unkraut und Verrat!

 

Verrat, der dir die Herzen hat verschlossen,

Verrat an dir und deines Volkes Ehren,

Das töricht für dein Haus sein Blut vergossen;

 

Verrat in dem verpestenden Verkehre

Mit jenem Scheusal! Scheusal, mag's auch gleichen

Wie Nero dem Apoll von Belvedere:

 

Es herrscht kein zweites in des Abgrunds Reichen.

Und Freund und Bruder nennst du den Despoten

Und lauschest seines Munds geheimsten Zeichen!

 

Du willst, wie er, nur schweigende Heloten

Und Fürstenallmacht, die Ukasen schreibt

Dem Staube, dem Erniedrigung geboten.

 

Doch glaub nicht, daß der Staub am Boden bleibt!

Es kommt ein Tag, da wird euch Fürsten grauen!

Es kommt ein Sturm, der ihn nach oben treibt!

 

Man wird den Staub auf eurer Krone schauen,

Auf eurem Purpurkissen wird er liegen -

Dann wagt's, auf eure S ö l d n e r zu vertrauen;

 

Feig wie sie sind, sie werden flugs sich biegen

Und wedeln vor dem Volk, die Edelknaben,

Das Rohr, mit dem ihr wollt den Sturm bekriegen.

 

Du hast verschmäht, dem Strom sein Bett zu graben,

Und sinnest, ihn zurück zum Quell zu drängen:

Er aber schäumt und w i r d sein Bette haben.

 

Dein war das Amt, der Freiheit Ring, den engen,

Mit Meisterschlägen friedlich zu erweitern -

Du hast's verschmähtl nun gilt es, ihn zu sprengen.

 

Das Schiff mit seinen ungeschickten Leitern,

Mit dir und deinem unglücksel'gen Thron:

Ich seh's vor Abend an der Klippe scheitern.

 

Noch lebt die Sphinx der Revolution!

Dein war das Amt, die Opferzeit zu kürzen,

Oh, tausend Kränze harrten deiner schon! -

 

 

Du konntest nur den Knoten f e s t e r schürzen,

Und in den Sternen - hatt ich falsch gelesen.

Die Sphinx wird n i c h t sich in den Abgrund stürzen,

Und du - du bist kein Ödipus gewesen.

Georg Herwegh, Die neue Literatur (um 1843)

 

Ich schreibe nicht für bevorzugte Geschlechter, ich schreibe nicht für Gelehrte, ich schreibe einzig und allein für mein Volk, für mein deutsches Volk! (...)

Nicht Verachtung, wie so viele getan, Liebe will ich predigen dem deutschen Volke für seine Literatur, für seine Poesie, für seine auserwählten, berufenen Geister. Aber Liebe nicht nur für den toten marmornen Ruhm, Liebe nicht bloß für Schiller und Goethe, für Herder und Lessing, für Tieck und Novalis, Liebe nicht nur für das künstlerische Erbe der Vergangenheit, nein, Liebe, warme, inbrünstige Liebe auch für die Samenkörner der Zukunft, für die poetischen Sprößlinge, die so herrlich gedeihen vor unseren Augen. Ich möchte die Liebe der Nation erwecken für ihre aufblühende, für ihre junge Literatur ... Die junge Literatur besaß den Mut, keck die Fragen des Jahrhunderts herauszugreifen aus dem Zetteltopfe der Zeit und sie poetisch zu gestalten. Man hat ihr daraus ein Verbrechen, ein großes Verbrechen gemacht. Was in der Wirklichkeit vor ihr liegt, sollte sie denn das nicht dichterisch behandeln dürfen? (...)

Die junge Literatur unterscheidet sich ganz wesentlich von jeder früheren, und die Nation ist ihr zu besonderem Dank verpflichtet. Die junge Literatur ist nämlich durch und durch von ihrem Ursprunge an demokratisch, was sich zum Teil bis in die kleisten Nuancen derselben hinaus nachweisen läßt. Sie braucht zu ihren Tragödien uns Novellen nicht mehr jenen fürstlichen Apparat, der selbst Shakespeare zu großartigen Effekten noch zuläßlich dünkte. Für sie ist in jedem Zimmer ein Roman, für sie rauscht in jedem Herzen die Melodie des Schicksals. Während der Dichter in früheren Zeiten sich zurückzog aus dem Gewühle der Welt, stürzt die junge Literatur sich mitten in den Strom des Lebens und schöpft aus ihm die meisten Wellen. Der Dichter vereinsamt sich nicht mehr, er sagt sich von keiner gesellschaftlichen Beziehung mehr los, kein Interesse des Volkes und der Menschheit bleibt seinem Herzen fremd. (...)

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