Emanuel Geibel

  • geb. 1815

  • Studium der Theologie und der klassischen Philologie

  • 1840 Veröffentlichung einer Gedichtsammlung mit überragendem Erfolg

  • 1841 "Zeitstimmen"

  • 1843 der preußische König setzt Geibel eine Jahrespension von 300 Talern aus

  • 1843 Aufenthalt in St. Goar bei Freiligrath

  • 1848 Ablehnung der Revolution

  • später Fürsprecher der Reichseinigung unter preußischer Führung

  • gest. 1884

Emanuel Geibel, Auf dem Rhein (1841)

Es fährt das Schiff im Morgenglanz hinauf den dunkelgrünen Rhein,

Vorbei an Städten voll Geläut, an Burgen hochumkränzt mit Wein,

An jenen Bögen, draus hervor der Silberarm der Mosel wallt,

Und an der Lurlei schwarzem Fels, von dem das Echo dreifach hallt.

 

Und sieh! Am Mast des Schiffes steht gelehnt ein fröhlicher Gesell,

Die Wange brennt ihm gar so tief, das Auge blitzt ihm gar so hell,

Und wie empor aus hohem Schlot des Dampfes schwarzer Wirbel zieht,

Da singt er in der Räder Takt mit lauter Stimm ´ ein frisches Lied:

 

"So sei gegrüßt, du schöner Strom, so klar und tief und doch so wild.

Fürwahr, du bist in deiner Pracht des deutschen Sinnes schönstes Bild,

Drum, wer das Auge nur versenkt in deine Flut, gewalt'ger Rhein,

Der denket unbewußt mit Stolz des Glücks, ein deutscher Mann zu sein.

 

O heil'ger Strom, behüt' dich Gott! 0 deutsches Reich sei stark und eins,

So weit das deutsche Wort erklingt, so weit man trinkt des deutschen Weins,

Halt' fest zusammen, doch nicht wie ein Bettlermantel bunt geflickt,

Nein, einem Banner sei du gleich, in dreißig Farben froh gestickt.

 

Kein Haufen sei von rohem Stein, der formlos sich zusammenfand,

Nein, ein Gebäude stolz und hoch gefügt von eines Meisters Hand,

Mit Giebeln und Altan geschmückt, mit Bögen, Erkern, Zinn' und Thurm,

Auf sichern Pfeilern aufgeführt zum Trotz dem Wetter und dem Sturm.

 

Wenn Quader fest an Quader schließt, so steht die Burg durch Gottes Kraft,

So brauchen wir nicht Frankenthum und nicht Baschkirenbrüderschaft;1

Nur fülle jeder seinen Platz, und wer zum Eckstein nicht ersehn,

Dem sei's der Ehre schon genug, als Mauerstein im Bau zu stehn.

 

Ihr Fürsten, denen Gott verlieh des Purpurs und der Krone Zier,

0 dämmet nicht am Strom der Zeit, die Zeit ist mächtiger, als ihr,

Nein, weis' und mäßig steuernd nutzt, indem ihr sie beherrscht, die Flut,

Gebt frei das Wort! Vertraut dem Volk! Fürwahr das Volk ist treu und gut.

 

1 Baschkiren: mohammedanisches Volk im südlichen Ural, gehörte zum Reich der "Goldenen Horde" Dschingis Khans, später von den Zaren unterworfen, gegen die sich die Baschkiren in zahlreichen Aufständen erhoben; hier meint jedoch Baschkir den Zaren selbst, um dem Vorwurf der Despotie noch einen rassistischen Ton hinzuzufügen
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