Karl Blecher (1798-1840), Innenansicht des Palmenhauses auf der Pfaueninsel in Berlin

Der Garten des Biedermeier-Bürgers ist die ins Freie hinausverlegte, „verlängerte" Wohnstube; er wird ebenso liebevoll gepflegt und geschmückt, man lebt darin fast zu allen Jahreszeiten und gestaltet ihn zu einem Schmuckkästchen. Oft wird er durch eine Veranda unmittelbar mit dem Wohnbereich verbunden.

Seine Buntheit, der Reichtum an Blumen und Inventar zur persönlichen Bequemlichkeit (Lauben, Pergolen, geißblattumrankte Bänkchen, Gewächshäuser für feine Küchenkräuter und empfindliche Zierpflanzen) sind vielfältig.

Der Garten dient dem Genuß seiner Bewohner, ist ganz auf Zierde und Nutzen angelegt, wobei auch das Gemüse „zierlich" angeordnet wird, um das Auge wie später den Gaumen zu erfreuen. Auf kurzen Pfählen stehen Glaskugeln und Prismen, die die Sonnenstrahlen in glitzernde Effekte umsetzen und so die Wirkung des Tageslichts noch steigern. Phantasievoll angeordnet sind Blumenarten und Beete: Niedrigwachsende Blumen kombiniert man mit Sträuchern zu interessanten Perspektiven, auf den Rasenflächen vereinen sich Blütengruppen zu geschlossenen Farbpartien, Gartenplastiken werden spielerisch und frei verteilt und keinem architektonischen Schema unterworfen.

Blumensträuße, Bouquets und Arrangements verlegen umgekehrt auch den Garten in die Wohnung zurück. Der „Biedermeierstrauß", aus bunten, kurzgeschnittenen Blumen gebunden und von einer Papierrüsche, die durch feinsten Scherenschnitt wie Spitze wirkt, umschlossen, lebt noch in heutiger Zeit - als einzige Epoche hat das Biedermeier einem Blumenstrauß seinen Namen verliehen. Dieser Strauß ist symbolisch für die Anlage des ganzen Gartens. Der sorgfältig geschnittene Rasen bildet den gleichmäßigen Hintergrund für die leuchtende Blütenfülle; Nelken, Veilchen, Margariten und vor allem Rosen werden bevorzugt; um 1845 kennt man rund 2 500 Gartenrosenarten. Die farblich gut abgestimmte. und für das ganze Jahr durchdachte Komposition der Pflanzen macht den Garten zu einem einzigen großen Bouquet; Bogen und Grüngürtel umschließen die Beete wie die Papierrüsche den Strauß und begrenzen auch die ganze Anlage.

Auch für Erziehung und Geselligkeit spielt der Garten eine wichtige Rolle. Dort vergnügen sich die Kinder, für sie werden Wippen und Schaukeln, Bänkchen und kleine Laubengänge zum Verstecken angelegt. Hier ist auch der Platz für Bewegungsspiele im Freien: Fangen, Verstecken, Kreiselschlagen, Seilspringen und, wenn genügend starke Bäume zur Verfügung stehen, Schaukeln mit Seil oder Brett. In den Gewächshäusern haben die Kinder ihre eigenen kleinen Beete und erlernen so spielerisch die Gartenarbeit. Im Garten empfängt man Kaffeegäste oder Nachbarn zur sommerlichen Bowle; Geburtstage, Verlobungen, kleine Tanzereien werden draußen gefeiert. Die Dame liest in der Laube, man trifft sich zu literarischen Gesprächen; für den Besucher wird der Tisch mit den schönsten Blumen geschmückt, und man serviert ihm selbstgezogenes Obst und Gemüse.

Aber auch die Anlage öffentlicher Gärten wird mit Eifer betrieben.1827 z. B. entsteht der "Botanische Garten" in München, 1839 der Königliche Privatgarten "Rosengarten" in Stuttgart. In den dreißiger Jahren wird der Münchner "Englische Garten" , der erste systematisch in die Stadtplanung einbezogene Garten und Volksgarten.

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