Ferdinand Freiligrath

  • geb. 17.6.1810 Detmold

  • 1826 kaufmännische Lehre in Soest, Studium der neueren Sprachen, erste Gedichte

  • 1832 eine Kontoristenstelle in Amsterdam an

  • 1837 Buchhalter in Barmen

  • 1838 Veröffentlichung seiner ersten Gedichtsammlung, außergewöhnlicher Erfolg

  • ab 1839 freier Schriftsteller in Unkel/Rhein

  • 1841 Umzug nach Darsmatdt

  • 1842 der preußische König setzt Freiligrath eine Jahrespension aus

  • ab 1844 literarisches Eintreten für die Opposition, Verzicht auf die Jahrespension und auf eine Anstellung am Hof von Weimar; Emigration nach Ostende und Brüssel

  • 1845 Emigration in die Schweiz über

  • 1848 Rückkehr nach Deutschland zurück, wegen offenen Appells zum Umsturz verhaftet, aber bald wieder freigesprochen

  • 1849 erneut steckbrieflich gesucht

  • 1851 kaufmännischer Angestellter nach London

  • 1867 nach allgemeiner Amnestie für politische Verbrechen Rückkehr nach Deutschland riefen seine deutschen Freunde in der „Gartenlaube" zu einer Dotation

  • gest. 18.3.1876 Cannstatt

Ferdinand Freiligrath, Vor der Fahrt

Melodie der Marseillaise.

 

Jenseits der grauen Wasserwüste 

Wie liegt die Zukunft winkend da! 

Eine grüne lachende Küste, 

Ein geahndet Amerika! 

Ein geahndet Amerika! 

Und ob auch hoch die Wasser springen, 

Ob auch Sandbank uns droht und Riff: 

Ein erprobt und verwegen Schiff 

Wird die Muth'gen hinüberbringen! 

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt! 

Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

 

O tapfer Fahrzeug! Ohne Schwanken 

Befährt es dreist die zorn'ge Fluth! 

Schwarz die Masten und schwarz die Planken, 

Und die Wimpel sind roth wie Blut! 

Und die Wimpel sind roth wie Blut! 

Die Segel braun von Dampf und Feuer; 

Vom Verdeck herab ihren Blitz 

Sprühn Gewehre, sprüht das Geschütz, 

Und das blanke Schwert ist sein Steuer! 

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt!

Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

 

So fährt es aus zu seinen Reisen, 

So trägt es Männer in den Streit: - 

Mit den Helden haben die Weisen 

Seine dunkeln Borde geweiht! 

Seine dunkeln Borde geweiht! 

Ha, wie Kosciuszko1 dreist es führte! 

Ha, wie Washington es gelenkt! 

Lafayette's2 und Franklin's3 denkt, 

Und wer sonst seine Flammen schürte! 

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt! 

Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land Lind findet Land!

 

Ihr fragt erstaunt: Wie mag es heißen? 

Die Antwort ist mit festem Ton: 

Wie in Oesterreich so in Preußen 

Heißt das Schiff: "Revolution!" 

Heißt das Schiff: "Revolution!" 

Es ist die einz'ge richt'ge Fähre 

Drum in See, du kecker Pirat! 

Drum in See, und kapre den Staat, 

Die verfaulte schnöde Galeere! 

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt! 

Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

 

Doch erst, bei schmetternden Drommeten, 

Noch eine zweite wilde Schlacht! 

Schwarzer Brander, schleudre Raketen 

In der Kirche scheinheil'ge Jacht! 

In der Kirche scheinheil'ge Jacht! 

Auf des Besitzes Silberflotten 

Richte kühn der Kanonen Schlund! 

Auf des Meeres rottigem Grund 

Laß der Habsucht Schätze verrotten! 

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt! 

Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

 

O stolzer Tag, wenn solche Siege 

Das Schiff des Volkes sich erstritt! 

Wenn, zu Boden segelnd die Lüge, 

Zum ersehnten Gestad es glitt! 

Zum ersehnten Gestad es glitt! 

Zum grünen Strand der neuen Erde, 

Wo die Freiheit herrscht und das Recht, 

Wo kein Armer stöhnt und kein Knecht, 

Wo sich selber Hirt ist die Herde! 

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt! 

Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

 

Wo nur der Eintracht Fahnen wehen, 

Wo uns kein Hader mehr zerstückt! 

Wo der Mensch von der Menschheit Höhen 

Unenterbt durch die Schöpfung blickt! 

Unenterbt durch die Schöpfung blickt! 

O neue Welt, nach Sturm und Fehde 

Wie erquickt uns bald deine Ruh'! 

Alle Herzen pochen dir zu 

Und der Brander4 liegt auf der Rhede! 

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt! 

Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

 

1 Tadeusz Kosciuszko, polnischer Heerführer, nahm am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teil und leitete 1794 einen polnischen Aufstand gegen Rußland und Preußen

2 Lafayette war 1789 Führer der Nationalgarde in Frankreich und trat 1830 für den Bürgerkönig Louis Philippe ein

3 Benjamin Franklin gehörte zu den Verfassern der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776

4 Brander: schwimmendes Fahrzeug, das mit brennbaren Stoffen oder explosivem Material gefüllt und mit der Strömung auf feindliche Schiffe geschickt oder nachts heimlich an ihnen befestigt wurde, um sie in Brand zu setzen

Aus den „Literarischen Geheimberichten aus dem Vormärz" Bericht vom Bodensee vom 24. Oktober 1846: Ein Bändchen neuer Gedichte von Freiligrath unter dem Titel "Ca ira" wurde heute von hier aus nach Norddeutschland versendet. In hiesiger Gegend wird es erst später ausgegeben. Es ist durchaus sozial-revolutionär, in der Form äußerst gelungen. Verglichen mit der anarchischen Glut dieser Gedichte sind die Gedichte von Herwegh eine zahme Wassersuppe.
Zurück
Hauptseite