Carl Spitzweg, Der abgefangene Liebesbrief (Ausschnitt), um 1850

Die Mutter erzieht die Tochter, der Vater jedoch vergibt ihre Hand. Aus dem jungen Mädchen soll, nach Unterzeichnung der Heiratskontrakte, plötzlich die umsichtige Verwalterin der Häuslichkeit mit dem Schlüssel am Rockbund und klarem Sinn für die Notwendigkeiten des Alltags werden, die nun ihre eigenen Kinder großzieht, damit der Kreislauf neu beginne. Nach Standesunterschieden streng getrennt, wird das Kind besserer Kreise eine Dame, die Handwerkerstochter Frau Meisterin, und das Dienstmädchen heiratet nur selten den jungen Herrn. Die Proletarierin vor allem hat kaum Chancen, dem „Vierten Stand" durch die Ehe zu entrinnen; allein schon materieller Auflagen wegen nicht. In Bremen z. B. muß, wer (in der ersten Hälfte des 19. Jh.s) vor dem Pfarrer heiraten will, nachweisen, daß er 300 Taler bar besitzt und imstande ist, für 50 Taler das Bürgerrecht zu kaufen. Wer über diese Summe nicht verfügt, kann nur in sogenannter „wilder Ehe" leben; für so viel Geld muß man lange arbeiten, und so wird oft erst in den späteren Lebensjahren geheiratet.

Ein Mann, der werben will, hat als wichtigste Auskunft zur Person sein Vermögen offenzulegen. Der sprachgewandte junge Mann bringt seine Werbung schriftlich an; viele Briefe aus der Biedermeierzeit mit wohlformulierten Bitten um die Hand einer ehrsamen Tochter sind überliefert. Gewöhnlich trägt er seine Sache jedoch mündlich vor, im Wohnzimmer am runden Tisch, falls der Vater - nach Vorabsprache - schon einverstanden ist. Die Braut sieht ihren Zukünftigen als „Beschützer, Lehrer, Vorbild", der Bräutigam das Mädchen als angebetetes Wunschbild und künftige Garantin der Familie.

Ehescheidungen sind tabu, wenngleich Napoleons „Code civil" auch nach seinem Sturz in Kraft bleibt; und demzufolge gelten als Scheidungsgründe: „... Untreue des Mannes, falls er sich derselben im eigenen Hause schuldig macht, Untreue der Frau, Mißhandlungen und grobe Injurien, Verurteilung zu entehrenden Strafen und beiderseitige Einwilligung"; der Mann muss über 25, die Braut über 2l Jahre alt sein, die Ehe wenigstens zwei Jahre gedauert haben.

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