Napoleon III. und Bismarck auf dem Weg zu Wilhelm I. am Morgen nach der Schlacht von Sedan

Der Anlaß zu dem Krieg zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund und den mit diesem durch Schutz- und Ttrutzbündnisse verbündeten süddeutschen Staaten andererseits war eigentlich sehr unerheblich. Aber auf dem Hintergrund des gespannten deutsch-französischen Verhältnisses, der nationalen Empfindlichkeiten, der Angst Frankreichs um seine europäische Machtstellung, wurde er zum Funken im Pulverfaß. Alles begann mit dem verwaisten spanischen Thron, für den ein König im europäischen Hochadel gesucht wurde. Der Erbprinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen (1815-1898), verheiratet mit der Infantin Antonia von Portugal, schien ein geeigneter Kandidat zu sein - vor allem dem spanischen Ministerpräsidenten, der das Angebot in einem Brief beim preußischen König, dem Chef des Hauses Hohenzollern, vorbrachte. Auch Bismarck paßten freundliche Beziehungen an Frankreichs Westgrenze gut ins politische Konzept. In Berlin entschied man sich für die Annahme des spanischen Angebots. Paris reagierte auf die Nachricht mit einem Aufschrei der Empörung. Ein Hohenzollernprinz auf dem Thron in Madrid - das weckte in den Franzosen die beklemmende Erinnerung an die Einkreisung zur Zeit Karls V. im 16. Jahrhundert, als Habsburg Frankreich in die Zange genommen hatte. Die spanische Thronfolge war für Frankreich zur nationalen Grundsatzfrage geworden.

Frankreich entfaltete fieberhaft diplomatische Aktivität. Zweimal überbrachte der französische Botschafter, Graf Benedetti (18171900), dem König von Preußen die Forderung, Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen solle auf die Kandidatur verzichten. Wilhelm zögerte, neigte einem Verzicht zu, wollte ihn allerdings noch hinauszögern. Die Stimmung in Frankreich heizte sich immer mehr auf. Am 12. Juli verzichtete Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen offiziell auf eine Thronkandidatur. Damit wäre die Sache eigentlich erledigt gewesen. Aber am 13. Juli 1870 kam es auf der Kurpromenade von Bad Ems, wo Wilhelm (1797 -1888) seinen Sommerurlaub verbrachte, zu einer Begegnung, die zunächst keineswegs sensationell war. Der französische Botschafter Benedetti, zum dritten Mal in der leidigen Thronfolgeangelegenheit zum preußischen König geschickt, stellte ihn auf der Kurpromenade beim morgendlichen Brunnengang und verlangte im Auftrag seiner Pariser Regierung ein Entschuldigungsschreiben des Königs an den französischen Kaiser und eine ausdrückliche Versicherung, einer eventuell erneuten Kandidatur seine Genehmigung zu versagen.

König Wilhelm reagierte unwirsch, brach das ihm aufgezwungene Gespräch ab und ließ den Botschafter stehen. Am nächsten Tage dann erreichte den preußischen Ministerpräsidenten Bismarck ein Telegramm aus Bad Ems, die sogenannte „Emser Depesche", in welcher der Begleiter des Königs, Ministerialrat Heinrich Abeken (1809-1872), den Vorgang in aller Umständlichkeit schilderte.

Bismarck, den der Verzicht auf die spanische Nachfolge und der damit verbundene Prestigeverlust Preußens zutiefst deprimiert hatten, strich den umständlichen Text zu einer effektvollen journalistischen Pressemeldung zusammen. Der Ablauf der Ereignisse auf der Emser Kurpromenade wurde dadurch so zugespitzt, daß das Verhalten des Königs wie eine unerträgliche Demütigung des französischen Botschafters wirken mußte, und reichte den Text an die Presse weiter: „Nachdem die Nachricht von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlichen französischen Regierung von der königlich spanischen amtlich mitgeteilt worden ist, hat der französische Botschafter in Ems an seine Majestät den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, daß er nach Paris telegrafiere, daß seine Majestät der König sich für alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten. Seine Majestät der König hat es daraufhin abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß seine Majestät dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe. "

Am 19. Juli wurde Bismarck in Berlin die französische Kriegserklärung überreicht. Eine Welle nationaler Begeisterung schlug König Wilhelm von Preußen entgegen, als er mit dem Zug von Bad Ems nach Berlin zurückfuhr. Vor dieser Begeisterung schwanden auch die Differenzen zwischen Nord- und Süddeutschland. Alle süddeutschen Staaten schlossen sich sofort dem Norddeutschen Bund an.

Der Deutsch-Französische Krieg (1870-1871) dauerte acht Monate. Am 8. August traten die deutschen Truppen zur Offensive an, bei Gravelotte und Mars La Tour kam es zu verlustreichen Schlachten. Am 1. September wurde die französische Armee bei Sedan eingeschlossen. Sie kapitulierte schon einen Tag später. Unter den Gefangenen befand sich auch der französische Kaiser Napoleon III. (1852-1870). Zwei Tage später wurde in Paris die Republik ausgerufen. Die Verluste, zu denen der Krieg schon geführt hatte, waren erschreckend hoch. Aber der Krieg ging weiter. Nun stand Deutschland der Dritten Republik gegenüber, welche mit ihrem Volksheererbitterten Widerstand nach dem Vorbild der „levee en masse"der Französischen Revolution leistete.

Am 4. September begann die deutsche Armee ihren Marsch auf Paris, das sie am 19. September ganz eingeschlossen hatte. Die Belagerung dauerte bis zum 28. Januar 1871. Am 26. Februar 1871 wurde der Vorfriede von Versailles unterzeichnet. Der Sieg der deutschen Armee hatte mehrere Ursachen: eine perfekt organisierte Aufmarschstrategie nach Plänen des preußischen Kriegsministers Roon, der geschickte Einsatz der neuen technischen Mittel: Eisenbahn, Telegraph, Schnellfeuerwaffen, eine überlegene Strategie des preußischen Generalstabs unter Helmuth von Moltke, welcher den Ablauf des Geschehens mit wissenschaftlicher Präzision leitete. 

Der Frankfurter Friedensvertrag zwischen Deutschland und Frankreich wurde nach zähen Verhandlungen am 10. Mai 1871 unterzeichnet. Frankreich mußte fünf Milliarden Francs Kriegsentschädigung zahlen, eine Forderung, die vergleichsweise rasch akzeptiert wurde. Außerdem mußte Frankreich Elsaß und Lothringen abtreten, die Festung Metz wurde von deutschen Truppen besetzt. Das war nach der als nationale Katastrophe empfundenen Niederlage gegen Deutschland der zweite äußerst bittere Schlag für das französische Nationalgefühl. Er ging auf das Konto der deutschen Generalität. Bismarck wollte in erster Linie Geld, aber die Heeresführung nötigte ihn, an den Gebietsabtretungen festzuhalten.

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