Ludwig Richter, Bürgerstunde

Das Bürgertum des Biedermeier bedeutet nicht, wie oft behauptet wird, nur Spießbürgertum. Es respektiert wohl Sittlichkeit und die Macht der Obrigkeit, schätzt Tradition und friedvolles Gleichmaß, hat dazu aber auch allen Grund. Biedermeier ist eine kurze Epoche des Ausruhens. Die Freiheitskriege sind zu Ende, das Vaterland ist restauriert; von Frankreich her drohen bereits 1830 wieder Revolution und Veränderungen, Studenten rebellieren und technische Neuheiten in beängstigender Fülle überraschen den Bürger, der angesichts all dessen Mühe hat, „auf dem laufenden" zu bleiben, sich ein kleines Glück zu sichern. Der Rückzug in die Häuslichkeit, das Beharren in der selbstgeschaffenen Idylle des Gartens, des Salons, der Soiree, er bedeutet Flucht, innere Emigration, Suche nach Oasen, nach Halt und Orientierung in einer Zeit, in der sich äußerlich die Ereignisse überschlagen. Es gibt ja, mit Ausnahme zahlreicher Journale, noch keine „Massenkommunikation".

„Ruhe ist jetzt des Bürgers erste Pflicht!" hatte man in den Napoleonischen Kriegen (1803-1815) dem Bürger eingeschärft, nun will er seine Ruhe als Recht und verteidigt sie. „Tue recht und scheue niemand" heißt eine Losung, und Hunger nach Bildung nach Theater, gefälligen Bildern und Lebenshilfe spendender Zeitungslektüre, beruhigender Dichtung herrscht überall.

Man schließt sich enger aneinander, nicht in Parteien, in großen Organisationen, sondern im Kleinen, im Bund, am Stammtisch, in freundschaftlichen Kreisen. Der Salon ist bereits „upper class"; die bürgerliche Mehrheit sucht den Verein, den Zirkel vertrauter Freunde, die kleinen Tanzereien, Schwärmereien für eine Theaterdiva, eine Ballettgöttin. Picknick im Grünen, Besuch der Volksfeste, der Duft des Kaffeehauses, Rausch bei Walzer und Polka, Promenieren in Frack und Redingote auf dem Ball machen den Charme der Epoche aus. Erst in der Rückschau wurde die Epoche  als „spießig", „untertänig" , „borniert" angesehen.

Zurück
Hauptseite