Brief Heinrich Heines an den Bundestag in Frankfurt vom 28. Januar 1836

 

An die Hohe Bundesversammlung

Mit tiefer Betrübnis erfüllt mich der Beschluss, den Sie in Ihrer einunddreißigsten Sitzung von 1835 gefasst haben. Ich gestehe Ihnen, meine Herren, zu dieser Betrübnis gesellt sich auch die höchste Verwunderung. Sie haben mich angeklagt, gerichtet und verurteilt, ohne dass Sie mich weder mündlich noch schriftlich vernommen, ohne dass jemand mit meiner Verteidigung beauftragt worden, ohne dass irgendeine Ladung an mich ergangen. So handelte nicht in ähnlichen Fällen das heilige römische Reich, an dessen Stelle der deutsche Bund getreten ist; Doktor Martin Luther, glorreichen Andenkens, durfte, versehen mit freiem Geleite, vor dem Reichstage erscheinen, und sich frei und öffentlich gegen alle Anklagen verteidigen. Fern ist von mir die Anmaßung mich mit dem hochteuren Manne zu vergleichen, der uns die Denkfreiheit in religiösen Dingen erkämpft hat; aber der Schüler beruft sich gern auf das Beispiel des Meisters. Wenn Sie, meine Herren, mir nicht freies Geleit bewilligen wollen, mich vor Ihnen in Person zu verteidigen, so bewilligen Sie mir wenigstens freies Wort in der deutschen Druckwelt und nehmen Sie das Interdikt zurück, welche Sie gegen alles, was ich schreibe, verhängt haben. Diese Worte sind keine Protestation, sondern nur eine Bitte. Wenn ich mich gegen etwas verwahre, so ist es allenfalls gegen die Meinung des Publikums, welches mein erzwungenes Stillschweigen für ein Eingeständnis strafwürdiger Tendenzen oder gar für ein Verleugnen meiner Schriften ansehen könnte. Sobald mir das freie Wort vergönnt ist, hoffe ich bündigst zu erweisen, dass meine Schriften nicht aus irreligiöser und unmoralischer Laune, sondern aus einer wahrhaft religiösen und moralischen Synthese hervorgegangen sind, einer Synthese, welcher nicht bloß eine neue literarische Schule, benamset das junge Deutschland, sondern unsere gefeiertsten Schriftsteller, sowohl Dichter als Philosophen, seit langer Zeit gehuldigt haben. Wie aber auch, meine Herren, Ihre Entscheidung über meine Bitte ausfalle, so seien Sie doch überzeugt, dass ich immer den Gesetzen meines Vaterlandes gehorchen werde. Der Zufall, dass ich mich außer dem Bereich Ihrer Macht befinde, wird mich nie verleiten, die Sprache des Haders zu führen; ich ehre in Ihnen die höchsten Autoritäten einer geliebten Heimat. Die persönliche Sicherheit, die mir der Aufenthalt im Auslande gewährt, erlaubt mir glücklicherweise, ohne Besorgnis vor Missachtung, Ihnen, meine Herren, in geziemender Untertänigkeit, die Versicherungen meiner tiefsten Ehrfurcht darzubringen.

Paris, Cite Bergere Nr. 3, den 28. Jan. 1836.

Heinrich Heine, beider Rechte Doktor

Zurück
Hauptseite