Bilderbogen "Das Leben eines Pferdes" aus der Neuruppiner Produktion

Der Nürnberger Bilderbogen, um 1835, erteilt moralische Ratschläge zu Nutz und Frommen der heranreifenden weiblichen Jugend:

"Ey seht die große Assemble,

Da trinkt man Kaffee und auch Thee,

Klatscht und verleumdet; wärs nicht fein

Dafür zu warten Kinderlein?"

Bilderbogen waren immer und sind auch im Biedermeier Gebrauchsgraphik im wörtlichsten Sinn: Sie gehen lose von Hand zu Hand und sollen zunächst vor allem erbauen. In der Frühzeit, bis ungefähr in die dreißiger Jahre des 19. Jh.s, sind sie noch ganz für Erwachsene bestimmt und dienen der Kurzinformation. Die meisten erscheinen als Holzschnitte, unsigniert, und erreichen oft sehr hohe Auflagen.

Unter den Städten Europas, in denen Bilderbogen gedruckt wurden, gebührt Neuruppin der erste Rang. Diese Stellung verdankt es der Anzahl der Bilderbogen sowie der Kontinuität der Produktion, die in den Zeitraum zwischen 1810 und 1945 fallen. In diesen 135 Jahren verließen etwa 22.000 verschiedene Bilderbogenmotive die drei Offizine in Neuruppin. Ihre Popularität verdanken sie der Vielfalt der Thematik und der naiven Gestaltung der Zeichnungen und Texte.

In der frühen Periode knüpften die Bilderbogen eng an das Denken und Fühlen der ländlichen und kleinstädtischen Bewohner an, die auch die ersten Käufer waren. Sie trugen dem Bedürfnis des Volkes nach Erbauung, Unterhaltung und Information Rechnung und berücksichtigten die Schaulust der Menschen. Als Begründer der Neuruppiner Bilderbogen gilt der Buchdrucker Johann Bernhard Kühn, der von 1750 bis 1826 in Neuruppin lebte. Seine ersten Bilderbogendrucke sind vor 1800 entstanden. Der Sohn Gustav Kühn trat im Jahre 1819 mit 21 Jahren als Teilhaber in die Firma ein und führte sie ab 1822 selbständig. Versehen mit guten geistigen Anlagen und zeichnerischer Begabung absolvierte er 1812 bis 1813 in Berlin eine Fachausbildung für Holzschnitt, Stahl- und Kupferstich und lernte die von Alois Senefelder 1796 erfundene Lithographie kennen. Die Anschaffung einer Lithographenpresse im Jahre 1825 brachte einen deutlichen Aufschwung in seiner Produktion.

Anfangs waren die Kühnschen Bilderbogen nur für den einheimischen Markt bestimmt. Allmählich erweiterte sich aber der Radius der Städte, die von Neuruppin aus beliefert wurden. Die preußischen Ostprovinzen und die skandinavischen Länder wurden die wichtigsten Liefergebiete.

Im Jahre 1831 gründete sich in Neuruppin die Firma Oehmigke & Riemschneider, die 1835 mit dem Druck von Bilderbogen begann. Ihr folgte im Jahre 1855 die Firma F. W. Bergemann, die ebenfalls Bilderbogen herstellte.

Die Bilderbogensujets der drei Neuruppiner Offizine gleichen sich und lassen sich grob in folgende Gruppen einteilen:

  • Andachts- und Erbauungsbogen

  • historische o. Aktualitätsbilderbogen,

  • Genrebilderbogen, Bilderbogen für Kinder, die der Belehrung und Beschäftigung dienten.

Darüber hinaus gibt es Bilderbogen für Wirtshäuser und Konditoren sowie Schießscheiben für Jäger, Schützen und das Heer. Die Wirkung der Neuruppiner Bilderbogen geht von ihrer Buntheit aus. Der Konturendruck auf dem weißen Papier wurde mit Hilfe von Schablonen und Wasserfarben ausgemalt. Die Schablonenkolorierung erfolgte in Malsälen der Offizinen und wurde hauptsächlich von Kindern durchgeführt.

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