Carl Spitzweg, Der Bücherwurm (um 1850)

Die Mehrschichtigkeit und Vielbödigkeit des Biedermeier erweist sich vielleicht am deutlichsten in der Literatur und dem Umfeld, in dem sie entsteht. Die wichtigsten literarischen Werke der Zeit haben mit den Stilmerkmalen des Biedermeier überhaupt nichts zu tun. Es gibt kaum typische Biedermeierliteratur, wohl aber eine biedermeierliche Lese-Kultur. Man liest allenthalben, in der Familie, in gesellschaftlichen Zirkeln, im Salon, sogar die Kinderbücher haben ihre eigene Blüte. In der Küche macht sich das „Kochbuch" breit, man erfreut sich an Almanachen, Erbauungsbüchern, Kalendern, Journalen. Bereits einige Zeit vor dem Biedermeier berichtet der Dichter Heinrich von Kleist (1777-1811), wie er in einer Würzburger Leihbibliothek vergeblich nach den Werken Lessings, Goethes und Schillers fragt. Man zeigt ihm gewaltige Regale voll Literatur, und zwar sind es Rittergeschichten. Ihre Einteilung, so sagt man ihm, ist sehr einfach: rechter Hand Rittergeschichten mit Gespenstern, auf der linken Seite solche ohne Gespenster. Denn Herr und Frau Jedermann lesen weder Goethe noch Eichendorff, nicht Hoffmann und auch nicht unbedingt Dickens oder Balzac - jedenfalls nicht im Durchschnitt. Man liest oder besser gesagt „verschlingt" die Romane des Schotten. Sir Walter Scott (1771-1832), die beinahe alljährlich erscheinen und dem Salon der Damen das Mittelalter in romantischen Farben schildern: Burgen und Schloßfräulein, Troubadoure und finstere Klöster, düstere Landschaft, Intrigen und Edelmut stehen da nebeneinander, eingebettet in dramatische Historie und lassen angenehm mit-leiden, mit-lieben und auch gehörig gruseln. 1816 erscheint „Der Antiquar"; 1817 „Rob Roy"; 1818 „Die Legende von Montrose"; 1819 „Die Braut von Lammermoor", „Ivanhoe"; 1820 „Der Pirat".

Großer Beliebtheit erfreuen sich auch die sentimentalen, unterschwellig „lüsternen" Romane Heinrich Claurens (1771-1854), vor allem die süßliche, erotische Geschichte von „Mimili" (1816); ebenso die mehrbändigen historischen Romane Henriette von Paalzows (1788-1847) oder, ebenfalls im historischen Gewand, die Romane und Erzählungen Karl Spindlers (1796-1855).

Die heitere Seite der alltäglichen Lektüre bestreitet der Berliner Journalist und humoristische Satiriker Adolf Glassbrenner (1810-1876), der im Berliner Dialekt auch schon mal Zeitkritik riskiert. Er schreibt im besten Sinne Hintertreppenliteratur aus dem Milieu der kleinen Leute und Handwerker, Dienstmädchen und Arbeiter.

Beliebt sind auch Reiseerzählungen, Schauerromane, auch schlüpfrige erotische Romane, die allerdings unter dem Tisch gehandelt werden, daneben Lexika, Reiseführer, Gesundheitsbücher. Lyrik, von oft selbstgereimten Stammbuchversen abgesehen, hat einen geringen Stellenwert.

Bücher werden häufig ausgeliehen, im Freundeskreis, aber auch in Leihbibliotheken, die wiederum dem Buchhandel Probleme schaffen. Man nimmt sie mit auf Reisen, zum Picknick, und deswegen sind Taschenbücher in winzigen Formaten beliebt. Der Literaturkritiker Hermann Marggraf (1809-1864) moniert um 1840 erbost: „Damit der Leser es weiß: wir befinden uns jetzt auf dem Tanzboden der Zeit, wo die Taschenbuchmacher den Reigen der Literatur anführten. Die bare, nackte und frevelhafteste Mittelmäßigkeit hatte mit ihrem Fett- und Wasserbauche auf dem Lotterbett der schönen Literatur und den Dielen der Bühne Platz genommen. Da dehnte sie sich und blinzelte mit den Augen und fertigte aus dem allerweichsten Wachs der Sprache kleine zärtliche Figuren mit küßlichen Lippen und sammetnen Wangen, zierlichen Wädchen und angenehmen Beinchen, die bis zum Strumpfband zu sehen waren . . . Die Mittelmäßigkeit aber übt auf die mittelmäßige Menge eine große Gewalt aus, wenn nicht eine schwere Not der Zeit, oder eine Zeit der schweren Not vorhanden ist und die Weltgeschichte durch laute Mahnungen nicht zum Ernst und zur männlichen Würde auf fordert. Alles nahm eine Taschenbuchnatur an ..."

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