Karl Theodor Körner

  • geb. 23.9.1791 Dresden

  • 1808 Studium an der Bergakademie in Freiberg

  • 1810 Herausgabe einer Gedichtsammlung

  • ab August 1810 Jurastudium in Leipzig, Aufgabe des Studiums wegen Krankheit

  • ab August 1811 Geschichtsstudium in Wien, Entstehung von Lustspielen und Dramen

  • ab Januar 1813 Anstellung als Dichter am Burgtheater

  • März 1813 Eintritt in das Lützow´sche Freicorps, Teilnahme an den Befreiungskriegen

  • gest. 26.8.1813 Rosenow bei Gadebusch/ Mecklenburg (gefallen)

Theodor Körner, An mein Volk (1813) 

Frisch auf, mein Volk! die Flammenzeichen1 rauchen,

Hell aus dem Norden2 bricht der Freiheit Licht,

Du sollst den Stahl in Feindesherzen tauchen,

Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen,

Die Saat ist reif, ihr Schnitter, zaudert nicht!

Das höchste Heil, das letzte liegt im Schwerdte;

Drück dir den Speer ins treue Herz hinein.

Der Freiheit eine Gasse!3 wasch die Erde

Das deutsche Land mit deinem Blute rein.

 

 

Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen

Es ist ein Kreuzzug, s'ist ein heilger Krieg

Recht, Sitte, Tugend, Glauben und Gewissen

Hat der Tyrann aus deutscher Brust gerissen

Errette sie mit deiner Freiheit Sieg.

Das Winseln deiner Greise ruft: erwache

Der Hütte Schutt verflucht die fremde Brut

Die Schande deiner Töchter schreit um Rache

Der Meuchelmord der Söhne schreit nach Blut.

 

 

Zerbrich die Pflugschar, laß den Meisel fallen,

Die Leyer still, den Webstuhl ruhig stehn

Verlasse deine Höfe, deine Hallen

Vor dessen Antlitz deine Fahnen wallen

Er will sein Volk in Waffenrüstung sehn

Denn einen großen Altar sollst du bauen

In seiner Freiheit ewgem Morgenroth

Mit deinem Schwerdt sollst du die Steine hauen

Des Tempels Grund sei seiner Helden Tod.

Was weint ihr Mädchen, warum klagt ihr Weiber

Für die der Herr die Schwerdter nicht gestählt

Wenn wir entzückt die jugendlichen Leiber

Hinwerfen in die Speere eurer Räuber4

Daß euch des Kampfes kühne Wollust fehlt.

Könnt ihr doch froh zu Gottes Altar treten

Für Wunden gab er ja die zarte Sorgsamkeit

Gab euch in euren herzlichen Gebeten

Den schönen reinen Sieg der Frömmigkeit.

 

 

Drum betet daß die alte Kraft erwache,

Daß wir dastehn das alte Volk des Siegs.

Die Märtyrer der heil'gen deutschen Sache

O ruft sie an als Genien der Rache

Daß sie uns schützen in dem Sturm des Kriegs.

Luise5 schwebe seegnend um den Gatten

Geist unsers Ferdinands6, voran dem Zug

Und all ihr deutschen freien Heldenschatten

Mit uns, mit uns und unsrer Fahnen Flug!

 

 

Der Himmel hilft, die Hölle muß uns weichen

Drauf, wackres Volk, drauf, ruft die Freiheit, drauf

Hoch schlägt dein Herz, hoch wachsen deine Eichen

Was kümmern dich die Hügel deiner Leichen

Hoch pflanze da die Freiheitsfahne auf.

Doch stehst du dann, mein Volk, bekränzt vom

Glücke In deiner Vorzeit heilgem Siegerglanz,

Vergiß die treuen Todten nicht, und schmücke

Auch unsre Urne mit dem Eichenkranz.

 

1 Flammenzeichen. Feuerzeichen, weithin sichtbares Lichtsignal zur schnellen Benachrichtigung oder Alarmierung der Truppen im Feld- und Festungskrieg

2 Hier wird der Beginn des deutschen Widerstandes gegen Napoleon in Tauroggen (ungefähr der nördlichste Punkt Deutschlands) in Verbindung gebracht mit dem Nordlicht als einem Himmelszeichen

3. Der sagenhafte Schweizer Arnold Winkelried entschied am 9. 7. 1386 den Sieg der Schweizer bei Sempach im Kampf um ihre Unabhängigkeit von Österreich, „indem er mit dem Rufe: ,Eidgenossen, ich will euch eine Gasse machen, sorgt für mein Weib und meine Kinder!` die entgegenstarrenden Lanzen der österreichischen Ritter mit seinen starken Armen umfaßte, sich in die Brust stieß und im Falle eine Lücke in die feindliche Schlachtreihe riß, in welche die Eidgenossen eindrangen."

4 Nochmalige Anspielung auf Winkelried

5 Die beliebte preußische Königin Luise (1776-1810), Gemahlin König Friedrich Wilhelms III, galt durch ihr Eintreten bei Napoleon für die Interessen Preußens als Symbol des Widerstandes am königlichen Hofe. Körner verfaßte zwei Gedichte auf sie, in denen unter anderem steht: „So schlummre fort, bis deines Volkes Brüder, Wenn Flammenzeichen von den Bergen rauchen, Mit Gott versöhnt die rost'gen Schwerter brauchen, Das Leben opfernd für die höchsten Güter! [...] Kommt dann der Tag der Freiheit und der Rache: Dann ruft dein Volk; dann deutsche Frau, erwache, Ein guter Engel für die deutsche Sache!" (Vor Rauchs Büste der Königin Luise. 1812.) „Und wie einst, alle Kräfte zu beleben, Ein Heil'genbild, für den gerechten Krieg Dem Heeresbanner schützend zugegeben, Als Oriflamme in die Lüfte stieg: So soll dein Bild auf unsern Fahnen schweben und soll uns leuchten durch die Nacht zum Sieg. Luise sei der Schutzgeist deutscher Sache, Luise sei das Losungswort der Rache!" (An die Königin Luise. 1813.)

6 Prinz Louis Ferdinand, 1772 als Neffe Friedrichs d. Gr. geboren, kämpfte am 10. 10. 1806 bei Saalfeld gegen französische Übermacht (und trotz des Befehls, sich zurückzuziehen). Sein Korps wurde vernichtet, er selbst fand den Tod. - Auch auf ihn hat Körner schon im Jahre 1812 ein Gedicht verfaßt.

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