Eduard Gärtner, Familie und Wohnzimmer des Schlossermeisters Hausschild in der Stralauer Straße in Berlin

Der Alltag des Biedermeier ist nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Am überschaubarsten jedenfalls ist der häusliche Bereich, der mit allen Kompetenzen und Begrenzungen deutlich gegliedert erscheint. Die Frau ist Ehefrau, Hausfrau und Mutter, Ausnahmen bestätigen die Regel. Allerdings waltet in bürgerlichen Häusern die Hausfrau eindeutig als Herrin des Hauses; sie führt die Wirtschaft, verfügt im besten Fall über Gesinde in Fülle: Küchenmädchen, Hausmädchen, eine persönliche Zofe, Kindermädchen, Näherin und Büglerin. Sie verwaltet das Budget, bestimmt die täglichen Speisen, beaufsichtigt mehr als sie selber tut, sie »delegiert« und bewacht Speisekammer und Keller, Küche und Kinderzimmer, plant die Vorratshaltung und kauft wichtige Posten selber ein oder bestellt doch wenigstens nach eigenem Ermessen.

Den Alltag um 1825 in der Stadt Kassel zum Beispiel beschreibt Otto Bähr in seinem Buch „Eine deutsche Stadt vor 60 Jahren": „Als Morgentrank war Kaffee (der noch im vorigen Jahrhundert selten und mancherorten sogar verpönt war) schon allgemein üblich, wenn auch öfters mit Zichorien oder ähnlichen Ersatzmitteln gemischt. Auch nachmittags wurde in den meisten Familien Kaffee getrunken. Tee am Morgen zu trinken, war ganz unbekannt. Er wurde überhaupt nur wenig getrunken, meist nur in Abendgesellschaften. Auch trank man allgemein grünen Tee; der schwarze Tee wurde erst in späterer Zeit als der gesündere empfohlen. Das Mittagsmahl war um 12 oder 1 Uhr. Ein späteres »Diner« kannte man nicht. Die Abendmahlzeit ward meist um 7 oder 8 Uhr eingenommen. . . . Man hielt sich an die einfacheren Speisen und verschmähte die kostspieligeren. Fleisch wurde mittags in den besseren Familien durchweg gegessen. Für die Wochentage bildete jedoch gekochtes Fleisch (Suppenfleisch) die Regel. Dann und wann wurde auch ein Braten aufgetischt. Beefsteak kannte man noch nicht. Als Gemüse mußte dienen, was der Garten bot. Es durfte nichts umkommen."

Der Mann verdient, er ist Familienoberhaupt und Mittelpunkt; er beansprucht die Häuslichkeit, bestimmt wohl auch als Patriarch, aber gestaltet nicht den Alltag, denn tagsüber, zur wichtigsten Zeit für Alltägliches, ist er außer Haus, im Comptoir, Bureau, als Staatsdiener oder Handwerker, Gewerbetreibender, Arzt, vielleicht auch Künstler; als Arbeiter sieht seine Häuslichkeit wesentlich anders aus; ebenso als Bauer.

Kinder sind gänzlich auf das Didaktische eingestimmt. Das „gute" Kind ist folgsam, lernbegierig, spielt mit nützlichen Spielsachen , die belehren, liest Bücher, die wohl auch erbauen, vor allem aber erziehen; schon deren Titel sind Programm, die Illustrationen ebenfalls.

Wie das Biedermeier völlig auf das Bürgertum und dessen Bedürfnisse zugeschnitten ist, steht die Häuslichkeit ganz im Zeichen der Familie. Das Familienbild bestätigt das beschauliche Glück, das der Bürger, zufrieden mit sich und den Seinen, genießt. Oft ist es das Bild einer Großfamilie, jüngstes Mitglied, das Baby, auf dem Arm der Mutter, ältestes, der Großvater im Lehnstuhl; auch Verwandte und alleinstehende Angehörige leben in diesem Familienverband und erfreuen sich seines Schutzes und seiner Zuwendung. Der Kindersegen ist groß, auch deshalb, weil die Säuglings- und Kindersterblichkeit hoch ist und medizinische Vorbeugung und hygienische Verhältnisse noch sehr im argen liegen. Es gibt noch kein fließendes Wasser, das muß vom Pumpbrunnen geholt werden, auch existiert noch keine Kanalisation.

Die Wohnung ist einfach, aber hübsch, manchmal auch kindgerecht eingerichtet, jedoch ohne größeren Komfort. Meist sitzt die Familie um einen runden Tisch, in dessen Mitte für den Abend eine Kerze aufgestellt wird; selbst in wohlhabenden Häusern sind nicht mehr als zwei Lichter üblich. Beliebter Ort für familiäre Geselligkeit ist auch der Garten - und in der Regel ist er gut bestellt.

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