Ludwig Pfau, Das Lied von der deutschen Treue (1849)

 

Es klingt ein Lied wie Orgelton,

Das rühmen alle Kenner;

Das krähn im Mutterleibe schon

Die deutschen Biedermänner;

Und wo ein Dichter Verse schmied't,

Da singt er stets aufs neue

Das alte Lied, das schöne Lied,

Das Lied von der deutschen Treue.

 

O deutsche Treu' und Redlichkeit!

Familienkrug der Fürsten,

Draus tun dem Volke sie Bescheid,

Wenn sie sein Gut verbürsten.

Aus unserm Honig ihren Met,

Den brau'n sie ohne Scheue;

Wir singen dann der Majestät

Das Lied von der deutschen Treue.

 

Geraten wir einmal in Wut

Und rütteln an der Kette,

Läßt unser Herr uns etwas Blut,

Sanft, mit dem Bajonette.

Geheilt sind wir vom Fieber schon,

Wir danken's ihm voll Reue

Und singen dann in höherm Ton

Das Lied von der deutschen Treue.

Der König winkt, wir sind bereit

Und waschen uns die Köpfe,

Und fressen voller Biederkeit

Uns auf bis auf die Zöpfe.

Die Wedel lassen wir zurück,

Als wie die beiden Leue:

Die wedeln noch den Takt, o Glück!

Zum Lied von der deutschen Treue.

 

Der König lehrt uns Politik

Ganz gnädig mit dem Kantschu,

Wir beugen selig das Genick

Und küssen ihm den Handschuh.

O gib uns einen Tritt dazu!

Daß unser Herz sich freue:

Solch schöne Strophe füge du

Zum Lied von der deutschen Treue.

 

Das treuste Vieh ist doch der Hund,

Man lenkt ihn ohne Zügel;

Und schlägt man ihm den Rücken wund,

So leckt er ab den Prügel.

Zuweilen wird er freilich wild,

Doch kriecht er stets aufs neue:

Hund! du prächtig Titelbild

Zum Lied von der deutschen Treue.

Ludwig Pfau, Freiheit, die ich meine (1849)

 

Die Freiheit ist kein Königsweib

Mit goldgekrönter Stirne;

In Lumpen hüllt sie noch den Leib,

Die vielverstoßne Dirne1.

 

Sie sitzet nicht im hohen Rat,

Der Worte macht statt Taten:

Die Freiheit schleicht auf ödem Pfad

Verlassen und verraten.

 

Sie ist auch keine Herrenmaid

Mit Rosen in dem Haare;

Die Freiheit geht, zum Kampf bereit,

Am Arm der Proletare.

Sie duldet keinen Heil'genschein,

Und mögt ihr sie auch tadeln:

Sie ist gemein und bleibt gemein

Und läßt sich nimmer adeln.

 

Nur seit es stets im Westen tagt,

Will sie französisch lernen;

Obwohl dies vornehm ist, behagt

Es nicht den Herrn mit Sternen.

 

Doch sie tragt hoch den schönen Kopf

Und ruft mit stolzem Blicke:

"Ein Untertan, das ist ein Tropf -

Vive, vive la république!"

1 Dirne: hier im Sinne von Volk
Zurück
Hauptseite