Als am 7. Dezember 1835 die erste Eisenbahn mit der „atemberaubenden Geschwindigkeit" von etwas über 24 Kilometern pro Stunde die Strecke von Nürnberg nach Fürth bewältigte, war das mehr als die erste wirkliche Verbesserung des Transportsystems seit 2 000 Jahren. Es war ein unübersehbares Zeichen, daß auch den gleichgültigsten der Zeitgenossen verkündete: Ein neues Zeitalter ist da! Wie sehr dieses seltsame Fahrzeug die Welt verändern sollte, das ahnte damals allerdings kaum jemand. Die Wagen waren offen und nur vom Tageslicht, nachts mit Kerzen beleuchtet. Bei Kälte mußte man sich mit Decken helfen. Die Toiletten waren in Abteilen, die nur von außen zugänglich waren, so daß der Benutzer auf einer Station hinein-, auf der nächsten hinaussteigen mußte.

Auch die Auswirkungen der schnellen Bewegung auf den menschlichen Organismus gaben Anlaß zur Besorgnis. Ein bayerisches Ärztegutachten warnte: „Ortsveränderungen mittels irgendeiner Art von Dampfmaschinen sollte im Interesse der öffentlichen Gesundheit verboten sein. Die raschen Bewegungen können nicht verfehlen, bei den Passagieren die geistige Unruhe, »Delirium Furiosum« genannt, hervorzurufen. "

Friedrich List, einer der Hauptbetreiber des Eisenbahnbaus in Deutschland  erklärte:: „Nur mit Hilfe eines deutschen Eisenbahnsystems vermag die gesellschaftliche Ökonomie der Deutschen zu nationaler Größe sich emporzuschwingen... Das deutsche Eisenbahnsystem wirkt indessen nicht bloß durch Förderung der materiellen Nationalinteressen, es wirkt auch durch Stärkung aller geistigen und politischen Kräfte auf die Vervollkommnung der deutschen Nationalzustände:

  • als Nationalverteidigungsinstrument, denn es erleichtert die Zusammenziehung, Verteilung und Direktion der Nationalstreitkräfte;

  • als Kulturbeförderungsmittel; denn es beschleunigt und erleichtert die Distribution aller Literaturprodukte und aller Erzeugnisse der Künste und Wissenschaften; es bringt Talente, Kenntnisse und Geschicklichkeit jeder Art in Wechselwirkung..."

Trotz großer Bedenken der staunenden Welt wurde das neue Transportmittel sofort angenommen. Die Eisenbahn beförderte auf der Strecke Nürnberg-Fürth im ersten Geschäftsjahr (1835/36) immerhin schon 245 809 Personen. Das Eisenbahnnetz wuchs mit atemberaubender Schnelligkeit. Im Jahre 1835 gab es ganze sechs Kilometer Schienenstrecke, 20 Kilometer dann 1836,1840 schon 548 Kilometer, und bis 1850 wuchs das deutsche Eisenbahnnetz auf 6 044 Kilometer an. Zur Freude der Konservativen wurde die gute alte Postkutsche jedoch nicht überflüssig, als Zubringer zum weitmaschigen Eisenbahnnetz blieb sie noch lange unentbehrlich.

Die Eisenbahn veränderte das menschliche Zusammenleben - das lag für Befürworter und Kritiker auf der Hand. Sie gab aber darüber hinaus auch entscheidende Impulse für die Industrialisierung Deutschlands. Stahl und Eisen wurden plötzlich in großen Mengen und neuen Qualitäten für den Eisenbahnbau und die Schienenproduktion gebraucht. Der Bedarf an Kohle wuchs mit den neuen Hüttenwerken und dem Bahnbetrieb. Neue Brückenkonstruktionen und Tunnelbauten sowie die Stahlkonstruktionen der großen Bahnhofshallen erforderten ganz neue Technologien. Der Eisenbahnbau wurde zu einer der wichtigsten Antriebskräfte bei der Industrialisierung.

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