Kaiser Wilhelm II. und Bismarck

Fürst Otto von Bismarck

"Der Lotse geht von Bord"

Karikatur auf Bismarcks Rücktritt

Wilhelm II., der bei seinem Regierungsantritt 29 Jahre alt war, hatte zunächst ein gutes Verhältnis zu seinem Reichskanzler Bismarck. Der junge Kaiser verehrte den alten Kanzler; die Erinnerung an die Reichsgründung, damals war er 12 Jahre alt gewesen, und Bismarcks Verdienste daran erfüllten ihn mit Bewunderung. Der Kanzler brachte dem jungen Herrscher und seiner Betriebsamkeit eher gemischte Gefühle entgegen, aber er fühlte sich unentbehrlich.

Mit viel größerem Interesse als sein Großvater, der ja noch in der vorindustriellen Zeit geboren und aufgewachsen war, widmete sich Wilhelm II. den sozialen Fragen. Als es im Mai 1889 zu einem großen Bergarbeiterstreik kam, empfing er gegen alle Gepflogenheiten des Protokolls am Hof eine Delegation der Bergarbeiter im Schloß, stürmte dann in eine Sitzung des preußischen Staatsrates und hielt in Bismarcks Gegenwart eine feurige Rede, in der er die westfälischen Unternehmer scharf angriff und den Befehl gab, dafür zu sorgen, daß der Streik zu den Bedingungen der Bergleute beendet werde.

Wilhelm II. gefiel sich in der dankbaren Rolle eines „Königs der Armen"; zumindest aber wollte er Kaiser aller Deutschen sein. Bismarck sah in der ständig wachsenden Zahl der Sozialisten eine Bedrohung für das Reich. Er wollte die sozialdemokratische Partei durch ein neues Sozialistengesetz von unbeschränkter Dauer endgültig zerschlagen. Dem widersetzte sich der Kaiser. Er hatte selbst eine Erweiterung der Sozialgesetze mit Einschränkung der Frauen- und Kinderarbeit sowie Einführung der Sonntagsruhe entworfen und gefiel sich in dem Gedanken, sein persönlicher Einsatz werde die Arbeiter zu staats- und kaisertreuen Untertanen machen und den finsteren Verführungen der Sozialdemokraten entfremden. Bismarck sprach verächtlich von „Humanitätsduselei".

Bismarcks Schwierigkeiten mit dem Reichstag nahmen 1889/90 zu. Die Verlängerung des Sozialistengesetzes wurde abgelehnt. Mit der Auflösung des Reichstages schadete Bismarck diesmal nur seiner eigenen Politik. Bei den Neuwahlen gewann die Opposition die Mehrheit. Mit dem scharfen Kampfkurs, den Bismarck daraufhin einschlagen wollte, war Wilhelm II. nicht einverstanden. Ein Streit zwischen Kaiser und Kanzler um eine Kabinettsorder von 1852, die es den Ministern untersagte, sich ohne Erlaubnis des Ministerpräsidenten an den Monarchen zu wenden, führte zum endgültigen Bruch. Bismarck reichte sein Entlassungsgesuch ein.

Das Deutsche Reich, ein moderner, kraftstrotzender Industriestaat, hatte nun einen Kaiser von unberechenbarem Temperament, der sich in absolutistischen Träumen von Unfehlbarkeit und Gottesgnadentum erging und der gleichwohl bei der überwiegenden Mehrzahl der Deutschen ausgesprochen populär und beliebt war. Wilhelm II. soll Hunderte von Uniformen besessen haben, und er wechselte sie mehrmals täglich. Wilhelm verkörperte typische Eigenschaften dieses Deutschlands der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg. Das Prahlerische, Dynamisch-Explosive war nicht nur sein Privatcharakter - es begeisterte seine Deutschen so, weil die meisten von ihnen ganz genauso fühlten und dachten; und der junge Kaiser repräsentierte sie nur allzu gut. Aber die europäischen Nachbarn blickten mit wachsender Unruhe auf das Deutsche Reich und seinen obersten Repräsentanten. Bismarcks Außenpolitik war stabil, verläßlich, berechenbar gewesen - nun wurde Deutschland unberechenbar.

Wilhelm II. war ständig in ganz Deutschland unterwegs. Er hielt Reden und eröffnete Ausstellungen. Der Reiseplan aus dem Jahre 1889, dem ersten vollen Regierungsjahr, verzeichnet folgende Stationen: Löwenburg, Bückeburg, Oldenburg, Schwedt, Weimar, Eisenach, Braunschweig, Altfeld, Dresden (dreimal), Stuttgart, Wilhelmshaven, Dover, Aldershot, Cowes, London, Osborne, Bayreuth, Straßburg, Metz, Münster, Küstrin, Oschatz, Minden, Hannover, Göttingen, Springe, Osterwald, Coppenbrügge, Elze, Schwerin, Hubertusstock, Monza, Genua, Athen, Konstantinopel, Malamocco, Letzlingen, Lindenberg, Breslau, Pleß, Dessau, Darmstadt, Worms, Frankfurt a.M. und Hannover. Dazu kam die Urlaubsreise in nördliche Gewässer. Das Amt, das Wilhelm am meisten Freude machte, war seine Stellung als „Oberster Kriegsherr": Auf militärische Angelegenheiten wendete er mehr Zeit als auf andere Regierungsgeschäfte. Während der Reichskanzler möglichst nur einmal wöchentlich Audienz beim Kaiser hatte, wurde der Chef des Militärkabinetts jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag vorgelassen.

Wilhelm II. sah sich als Soldat; alle seine Hohenzollern-Vorfahren waren Soldaten gewesen, und er war entschlossen, es auch zu werden. Mit zäher Geduld, aber auch unter dem unerbittlichen Erwartungsdruck der Eltern, hatte er als Kind und junger Mann versucht, seinen Geburtsfehler, einen verkürzten linken Arm, vergessen zu machen, schwere Kavalleriepferde zu reiten und in taktischen Übungen Truppenteile zu führen. In seinen ersten Jahren als Kaiser bestand er darauf, aktiv an Heeresmanövern teilzunehmen.

Bei Hof galt in diesen Jahren der Leutnant mehr als der Professor in Zivil, es sei denn, er konnte den Rang eines Reserveoffiziers vorweisen oder war höherer Beamter. Die Mitglieder der Volksvertretung rangierten sozusagen zwischen Rittmeister und Major. Auch in der Bevölkerung verdrängten die Leitbilder des preußischen Militärs stärker und stärker das schlichte bürgerliche Selbstverständnis der ersten Jahrhunderthälfte. Die Armee wurde der „Stolz der Nation ", und die Mehrzahl der Deutschen erfreute sich an Uniformengepränge, Marschmusik und schimmernden Paraden. Die Armee, das war für die meisten Deutschen gleichbedeutend mit Glanz, Repräsentation, Ehre, Macht und Sicherheit für das Reich, nach innen und nach außen. Die Erinnerung an die schrecklichen Realitäten des letzten Deutsch-Französischen Krieges war längst verblaßt - nur noch sein stolzes Ergebnis war gegenwärtig: das geeinte Deutsche Reich. - So lachte man auch in ganz Deutschland unbekümmert über den Streich des Schusters Wilhelm Voigt (1849-1922), der in einer Uniform vom Trödler einen Trupp Soldaten so beeindruckte, daß er das Köpenicker Rathaus, besetzen konnte Die Gefahr dieser blinden Uniformgläubigkeit, des „Kadavergehorsams" angesichts eines Militärrockes, stand wenigen deutlich genug vor Augen. Der Kaiser fand den Streich „zum Piepen"und freute sich über die „Disziplin im Deutschen Heer": Den ernsten Sinn dieser „Köpenickiade" wollte man nicht wahrhaben.

Insgesamt aber war das Bürgertum im Wilhelminischen Deutschland mit dem Leben zufrieden. Es lebte sich gut im Reich unter Wilhelm II., und dies vor allem war den meisten Deutschen wichtig. Der wirtschaftliche Aufschwung kam zudem breiten Volksmassen zugute; jeder hatte seinen festen Platz in der Gesellschaft. Auch die meisten Industriearbeiter lebten nun sicherer und ein wenig satter als ihre Väter und Großväter. Viele konnten gewiß sein, daß ihre Existenz im Alter, bei Unfall und Krankheit nicht bedroht war und der Abstieg ins Elend und soziale Abseits nicht mehr (wie früher) unausweichlich blieb. Gern glaubten die Deutschen dem Zukunftsoptimismus ihres Kaisers: „Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen führe ich Euch entgegen. "

Der Fortschritt war ja auch geradezu mit Händen zu greifen; und viele hatten teil an den positiven Auswirkungen der technischen Errungenschaften. Fahrrad und Nähmaschine waren nun auch für den „kleinen Mann ", die „kleine Frau " erschwinglich. Die elektrische Straßenbeleuchtung setzte sich allmählich durch. Stolz und Begeisterung angesichts des technischen Fortschritts erfaßte auch viele, die ihn lediglich bewundern, selbst aber nicht nutzen konnten. Die ersten Autos, die ersten Flugzeuge und der Zeppelin kamen auf. Die bedeutendsten technischen Entwicklungen wurden schon vor dem Ersten Weltkrieg wirksam: Generalpostmeister Heinrich von Stephan (1831-1897) führte 1877 den Fernsprecher bei der Deutschen Post ein; im Jahre 1881 fuhr in Berlin die erste elektrische Straßenbahn des Werner von Siemens (18161892). Paul Nipkow (1860-1940) erfand 1884 die rotierende Lochscheibe für Bildabtastungen und -übertragungen. Damit war ein wesentlicher Schritt zur Entwicklung des Fernsehens getan. Im Jahre 1887 konstruierte Gottlieb Daimler (1834-1900) den vierrädrigen Kraftwagen mit Benzinmotor, und 1893 wurde der erste Dieselmotor gebaut. Die erste öffentliche Filmvorführung fand 1895 im Berliner Wintergarten statt, und seit 1909 gab es Motorflüge über Deutschland.

Aber hinter der glänzenden Fassade des Reiches klafften tiefe Risse. Die Einheit war äußerlich geblieben. Nach innen war Deutschland territorial und konfessionell zerrissen. Die sozialen Gräben, von der Entwicklung zum Industriestaat in wenigen Jahren vertieft, ließen sich nicht einfach wegleugnen. Auch das Gefühl der Unsicherheit, die Sorge, daß alles nicht von Dauer sein könne, gehörte zur Grundstimmung dieser Wilhelminischen Zeit.

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